Salzwedel l Seinen Apfelbaum will er demnächst beschneiden. Hier und da sei noch einiges zu tun, sagt Kurt Dann. Danach dürfe der Frühling kommen und die neue Gartensaison beginnen. Doch ob es vielleicht seine letzte Saison ist, weiß der 70-jährige Salzwedeler nicht. Denn die Stadt will zwischen der Feld- und Hoyersburger Straße in Salzwedel neue Bauflächen für Eigenheime ausweisen – 2,6 Hektar Gesamtfläche. Und genau dort befinden sich Gärten, wie die Parzelle von Kurt Dann.

Der 70-Jährige geht den Weg zwischen den Gärten ab. „Dort sind junge Leute mit Kindern“, sagt er. Eine Rutsche steht im Garten. Nebenan ein Fußballtor. „Und dort, wo der Pool ist; die haben auch Kinder.“ Es seien noch „ein paar Alte“ dort, wie er erzählt, die seit eh und je ihren Garten dort bewirtschaften. Ansonsten seien viele Parzellen in den vergangenen Jahren neu bezogen worden. „Das sind teils die Kinder, die nun die Gärten ihrer Eltern oder Großeltern übernommen haben“, weiß Kurt Dann. Bei ihm sei das ähnlich. 1971 habe seine Frau den Garten bezogen. Seine Tochter Yvonne Kuba habe dort gespielt, ebenso die Enkel. Nun teilt er sich einen Garten mit seiner Tochter. Laube, Schuppen, Beete: „Es ist alles da.“ Doch wie lange noch?

Linke-Stadtrat rudert zurück

Spätestens seit die Mitglieder des Bauausschusses vergangene Woche Bebauungsplänen zustimmten, ist die Zukunft der Gärten ungewiss. Einer der Mitglieder, der zustimmte, ist Linken-Stadtrat Marco Heide. Doch das sei falsch gewesen, räumte er im Gespräch mit der Volksstimme ein: „Es hat sich für mich nach einem Besuch der Anlage und Gesprächen vor Ort ganz klar gezeigt, dass meine Entscheidung, im Bauausschuss für den Bebauungsplan zu stimmen, ein Fehler war.“ Es sei nicht zu rechtfertigen, dass in Salzwedel, wo Wohn- und Bauflächen keine Mangelware seien, den Gärtnern ihre Parzellen zu nehmen. Damit würden Erinnerungen den Erdboden gleich gemacht.

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Dass die Gärten Häuslebauern weichen sollen, war schon einmal im Jahr 2001 Thema. Damals machten die Männer und Frauen mit grünen Daumen mobil gegen die Räumung. „Wir sind damals mit unseren Kindern zur Stadtverwaltung gezogen“, erinnert sich der 70-Jährige noch gut. Ihr Aktionismus sollte Früchte tragen. Denn unterm Strich wurden damals die Interessen der Eigentümer am Erhalt ihrer Gärten höher gewichtet, als das öffentliche Interesse an weiteren Wohnflächen. Der Bebauungsplan wurde entsprechend angepasst. Maßgeblich eingesetzt für die Gartenbesitzer hatte sich damals auch die SPD.

Grundlage neu bewerten

Das ist 2020 etwas anders. Zum einen gebe es heute „bauwillige Gärtner“, sagt Norbert Hundt von den Sozialdemokraten. Zum anderen habe sich in den Jahren viel geändert. „2001 gab es ganz andere Flächen- und Baumöglichkeiten.“ Doch heute sei eben heute und die Grundlage entsprechend neu zu bewerten. Norbert Hundt stellt aber auch klar, dass er aktuell weder für noch gegen eine mögliche Streichung der Gärten sei: „Ich stehe zwischen den Stühlen.“ Denn nun müsse aus seiner Sicht erst einmal alles genau geprüft werden. Wer will bauen und wo genau? Danach werde sich seine finale Entscheidung richten.

Martin Schulz von den Grünen hatte im Bauausschuss vergangene Woche seine Bedenken geäußert. Er habe erfahren, dass die Kleingärtner traurig über die Pläne seien. Trotzdem, Martin Schulz enthielt sich bei der Abstimmung. Das tat Marco Heide nicht, der nun aber seine Entscheidung revidiert: „Das komplette Areal als Wohnbaufläche auszuweisen, halte ich in der aktuellen Situation für falsch und hoffe, dass der Stadtrat diesen Bebauungsplan ablehnt und verweise in diesem Zusammenhang auch darauf, dass erst vor wenigen Monaten ein Flächenankauf für ein neues innenstadtnahes Baugebiet beschlossen wurde.“ Demnach gebe es genügend Grundstücke für Bauwillige.

Erholung in der Natur

Was Kurt Dann besonders an den Gärten an der Feldstraße schätzt, ist, dass diese keine Auflagen haben. „Wir sind keine Gartensparte, wo dir vorgeschrieben wird, was und wo du wie zu pflanzen hast.“ Theoretisch könne man auch nur eine Wiese zur Erholung anlegen, weiß Yvonne Kuba. Dies tue aber keiner. Beim Rundgang wird klar, dass alle Hobbygärtner Beete und Obstbäume pflegen, sich ein kleines Paradies schufen. Außerdem würden viele die Ruhe in der Natur an den Wochenenden genießen. „Einige ziehen Freitag ein und Sonntag wieder raus“, sagt Yvonne Kuba, andere würden den ganzen Sommer Großteils im Garten verbringen.

Kurt Dann erinnert sich noch, als die Gärten auf der anderen Straßenseite der Hoyersburger Straße weichen mussten. „Die mussten da alle raus.“ Unterm Strich aber sei außer einem Autohaus und dem Zentrum für Soziale Psychiatrie nichts gebaut worden. „Da liegt alles brach“, ärgert er sich.