Salzwedel l „Wir haben etwas zu zeigen in Salzwedel“ – mit diesen Worten von Ines Kahrens begann jüngst eine Radtour mit 30 Interessenten quer durch die Salzwedeler Innenstadt. Das Ziel: Zahlreiche Gebäude im Stil der Bauhaus-Architektur, die in den 1920er- und 1930er-Jahren in der Hansestadt errichtet wurden. „Wir sind übrigens ausgebucht“, merkte Vera Baumbach von der Urania, die die Tour organisiert hatte, im Vorgespräch mit der Volksstimme an.

Das Interesse am Bauhaus, das sich damals zum Ziel setzte, Kunst und Handwerk zu verbinden, ist im 100. Jubiläumsjahr also ungebrochen groß. Und die Mitfahrer erwartete in zwei Stunden, die sich weitaus kürzer anfühlten, die eine oder andere Überraschung. „Hier bin ich doch schon so oft vorbeigekommen, aber dass das Bauhaus ist, habe ich nicht gesehen“, war aus der Radfahrergruppe zu vernehmen.

Kubische Formen

So zum Beispiel als Ines Kahrens, selbst Bauingenieurin, von der Burgstraße in den Burggarten abbog und dann erst vor der Ehrenhalle von ihrem Rad stieg. Und der Blick vom Rasen nach oben offenbarte die Details des Bauhausstils. „Kubische Formen“, zeigte Kahrens. 1923 war das Bauwerk in der Salzwedeler Stadtmitte errichtet worden. Die Architektur war sichtlich schon von der Bauhausschule inspiriert.

Bilder

Zuvor hatte Kahrens auf die Geschichte des Bauhaus zurückgeblickt, über den Gründer Walter Gropius referiert und die Standorte Weimar und Dessau thematisiert. Dabei wurde auch der Blick auf einen zufällig am Straßenrand stehenden Stahlrohrstuhl gelenkt. „Den kennen sicher alle“, meinte Kahrens. Weiter ging die Reise durch die Altperverstraße. Dort waren keine typischen Bauhausbauten zu sehen, aber doch einige Fassaden, die nachträglich an den Stil angelehnt waren. Zu sehen am dunklen Backstein, sagte Kahrens.

„Die Funktion bestimmt die Form“, nannte die Bauingenierin anschließend ein Mantra des Bauhaus in der Chüdenstraße. Das große Geschäftshaus dort besticht durch seinen langgezogenen Baukörper, das typische Flachdach und die großen Fenster.

Immer wieder Überraschungen

Auch in der Goethestraße vermuteten nur wenige Mitfahrer ein Bauwerk, das zum Führungsthema passen sollte. Doch wieder hatte Kahrens eine Überraschung parat. Etwas unscheinbar neben den vielen prachtvollen Villen entlang der Straße hielt die Vorradlerin vor der Hausnummer 36. Erst Ende der 1930er-Jahre errichtet, ist an dem Haus deutlich der Einfluss des modernen Bauens dieser Zeit zu erkennen. „Selbst der Zaun gehört dazu. Der wurde damals mitgeplant“, zeigte Kahrens auf die rechteckigen Formen der weiß gestrichenen Umfriedung. Nicht mehr erhalten ist dort allerdings das Flachdach. Mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten wurde aus so manchem Flachbau wieder ein Haus mit spitzem Dach. Weitere Bauten erklärte Ines Kahrens anhand von Bildern, denn die Auswahl in Salzwedel ist unerwartet groß. So zeigte sie Gebäude an der Bahnhof- und der Uelzener Straße.

Höhepunkt – fast zum Abschluss der Tour – war die Siedlung der Mispag (Mieter-, Spar- und Baugenossenschaft) rund um die Jahnstraße. „Das war etwas ganz neues“, berichtete Kahrens von der Entstehungsgeschichte dieser für die damalige Zeit hochmodernen Siedlung. Bäder in den Wohnung, beheizt über Fernwärme oder die gute Dämmung – „hier ist alles aus einem Guss“, erklärte Kahrens bei einer weiteren Vortragspause. Ab 1924 entstanden die Reihen- und Mehrfamilienhäuser, die bei Mietern auch heute noch sehr begehrt sind.

Verbindung zum Kunsthaus

Als „Motor“ der Mispag, so beschreibt es eine Masterarbeit der Architektin Ulrike Ranft aus dem Jahr 2005, gilt Wilhelm Dieckmann. Mit seinem Engagement in einem Mieterverein sorgte der damalige SPD-Stadtrat und -funktionär für die Gründung der Mispag am 15. Oktober 1924.

Weiter ging es bis zum Salzwedeler Kunsthaus. Das Lyzeum hat mit Bauhaus-Architektur natürlich nichts gemein. „Dennoch sind hier Meister des Bauhauses vertreten“, erklärte Kahrens, dass in der Dauerausstellung „Broken brushes“ Werke von Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky oder Paul Klee zu sehen sind.