Stendal l Im Internet soll er sich „Blonder Hase“, oder „Hot Stern“ genannt haben. Mehrere Wochen lang soll ein Westaltmärker im Herbst 2016 auf Onlineportalen unterwegs gewesen sein und sich als Frau ausgegeben haben. Stets auf der Suche nach Männern, die zu gewalttätigem Sex bereit sind.

Als er fündig wurde, gab er den Chatpartnern die Adresse seiner Ex-Geliebten, samt detaillierten Informationen, wie sie in deren Wohnung eindringen und sie überwältigen sollten. Zwei Männer ließen sich darauf ein, in der irrigen Annahme, es handele sich dabei um ein sexuelles Rollenspiel. Einer wurde handgreiflich. Ein zweiter wurde misstrauisch, fragte nach und fuhr schließlich gemeinsam mit der jungen Frau zur Polizei. An diesem Tag war das perverse Spiel für den verheirateten Mann vorbei ...

Als die Tat aufflog, im Herbst 2016, verbreitete sie sich in Windeseile in der gesamten Altmark. Und das lag in erster Linie an der Person des Angeklagten. Er ist Pfarrer im Altmarkkreis Salzwedel. Ein Mensch, der professionell für Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit steht. Ein Mensch, dem sich andere anvertrauen. Und so folgt der Vorsitzende Richter Ulrich Galler gestern im Stendaler Landgericht einem Antrag der Verteidigung auch nicht und lässt die Öffentlichkeit in weiten Teilen des Prozesses zu.

Keine Erklärung für die Taten

Die Entscheidung nimmt der schmale Angeklagte ohne Regung auf. Auch das Sprechen überlässt er zunächst seinem Anwalt. Und der betont, dass sein Mandant „für sich“ zwar keine Erklärung für die Taten habe, die Vorwürfe aber einräume. Was ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft, gebe er vollumfänglich zu. Ja, er sei der Autor und Empfänger der Mails – der Chatverkehr füllt seitenweise die Prozessakte. Und es sei ihm „ein ehrliches und umfangreiches Bedürfnis“, seinem Opfer die erneute Konfrontation mit der Tat vor Gericht zu ersparen.

Dann wirbt der Anwalt mit vielen Worten um Verständnis für seinen Mandanten, schildert ihn als zerrissene Persönlichkeit. Er sei beruflich und privat völlig überfordert gewesen, betont der Verteidiger, er habe sich einsam gefühlt, bis hin zu suizidalen Gedanken.

Die Beziehung zur Geschädigten, der Tochter eines Berufskollegen, sei durch Zufall entstanden. Als sie 14 war, habe er sie konfirmiert, dann lange Zeit gar nicht wahrgenommen. Später sei ihm aufgefallen, dass es ihr psychisch nicht gut gehe, habe Hilfe angeboten.

Der Sex mit der wesentlich jüngeren Frau, sei beim ersten Mal von ihr ausgegangen, sei auch später immer einvernehmlich gewesen und er habe ihr immer gesagt, dass er seine Familie nicht aufgeben werde.

Neigung zu härteren Praktiken

Beim Sex selbst habe er bei ihr allerdings eine Neigung zu härteren Praktiken feststellen wollen. „Eine Fesselung bis hin zu Schlägen auf den Po“ wären seiner Ansicht nach „durchaus willkommen gewesen“. Er selbst habe das aber nie gekonnt.

Die Trennung habe er, entgegen ihrer Annahme, schließlich keinesfalls als kränkend, sondern „eher als Erleichterung“ empfunden, denn er habe stets „tiefe Gespräche über aktuelle Themen“ vermisst.

Nach Aufdeckung der Taten, so betont der Anwalt, habe sich sein Mandant sofort in Therapie begeben, zunächst stationär, danach ambulant.

Mails nicht aus Rache

Auf Nachfrage von Richter Galler lässt sich der Angeklagte schließlich selbst auch noch auf eine Aussage ein. „Ich habe die Mails nicht aus Rache oder aggressiven Gefühlen heraus geschrieben“, betont er leise. Er habe ihr nie wehtun wollen. Die Chats hätten „irgendwie eine Eigendymamik“ entwickelt. „Es hat mir geholfen, aus meiner eigenen depressiven Stimmung herauszukommen.“

Es sei paradox, aber er habe gewollt, „dass sie aufwacht und dass ich aufwache“ und: „Ich wollte nur eine ganz normale Freundschaft. Aber das ging wohl nicht.“

Von freundschaftlichen Gefühlen ist in den Chatprotokollen, die Julia Rogalski, zweite berufene Richterin im Prozess, auszugsweise verliest, indes nichts zu spüren. „Hallo, ich habe vor, meine Ex, 30, schlank, noch mal aufzureißen und zu f.... Willst du mitmachen?“, fragt er da einen Chatpartner. „Ich weiß nicht, ob das klappt, aber wenn du mitmachst, wird das schon...“

"Blonder Hase"

Später dann schreibt er als „Blonder Hase“: Ich suche einen Mann der mich f... und mit mir tut, was er will, auch wenn ich es nicht will.“ Und: „Ich würde es gern ohne machen wollen. Gummis sind Liebestöter.“

Er habe sich „mit ihr identifziert“, gibt der Angeklagte daraufhin an. „Wir waren uns so ähnlich, wenn ich sie im Chat beschrieben habe, habe ich auch mich beschrieben.“ Die beiden Chatpartner, denen er schließlich die Adresse seiner Ex-Freundin gibt, habe er „aus ganz vielen ausgesucht.“ Er habe gedacht, „dass es ihr auch gefällt, dass es gut wird.“

Genaue Anweisung

Und genau darauf hoffte wohl auch der erste der beiden Männer, der sich schließlich bei dem Opfer in einem Dorf in der Nähe von Gardelegen sehen lässt. Er sei auf der Seite poppen.de „von einer Frau angeschrieben“ worden, sagt der 27-Jährige aus. Er habe im Chat den Namen bekommen und „eine genaue Anweisung“, wie er sich verhalten solle.

Er sei hingefahren, habe sich eine Ausrede einfallen lassen und sie habe ihn hereingebeten. Man habe sich unterhalten. Mehr nicht. Er sei wieder weggefahren, habe im Chat aber noch mal nachgefragt, weil „ja nichts passiert sei“. Prompt habe er „von ihr Tipps bekommen“, wie er es das nächste Mal machen soll.

Frau wehrt ihn ab

Und so wird er beim zweiten Besuch zudringlich, will den Sex, wie aufgefordert, erzwingen. Doch die junge Frau wehrt ihn ab. „Da hatte ich dann Zweifel. Und kurz darauf war ja schon die Polizei bei mir.“

Auch der zweite Mann, der die Geschädigte besucht, um, wie er glaubt, einvernehmlichen Sex „ohne Tabus“ zu haben, bekommt vom Angeklagten neben Namen und Adresse des Opfers offenbar eine genaue Anweisung, wie er sich verhalten soll. „Es hieß, dass sie sich wehren würde, aber darauf sollte ich nicht eingehen. Ich sollte sie überrumpeln. Sie braucht das.“ Zudem müsse er auf ein bestimmtes Fahrzeug vor der Tür achten. Wenn das dastehe, sei ihre Mutter da, „dann sollte ich nicht reinkommen“.

Völlig überrascht

Allerdings kommt er gar nicht rein. Denn als der 33-Jährige Tage danach bei ihr klingelt, schaut die junge Frau aus dem Flurfenster und fragt nach seinem Begehr. „Da habe ich mitgekriegt, dass irgendwas nicht stimmen kann“, sagt der Zeuge. Deshalb habe er sie auf den Chatverlauf angesprochen. Sie sei völlig überrascht gewesen. Daraufhin habe er sie gleich zur Polizei begleitet.

Dort bietet der Mann dann sogar an, den Angeklagten selbst in eine Falle zu locken. Im Chat tut er so, als ob es tatsächlich zu Sex mit der jungen Frau kam: „Er hat dann nachgefragt, ob er die Fotos kriegen kann.“

Polizei auf der Spur

Richterin Julia Rogalski liest auch einen weiteren Chat des Angeklagten vor: „ ... kannst du mich beim nächsten Mal fixieren und Fotos machen oder dein Handy auf Videofunktion stellen?“ Mit diesen Aufnahmen, so macht der Angeklagte dem Zeugen im Chat weis, würde „sie“ sich später selbst befriedigen. Als er das schreibt, ist ihm die Polizei allerdings schon auf der Spur.

Wie er heute über diesen Tag denkt, will die Richterin vom Zeugen wissen.

Als er das Angebot im Netz fand, habe er gedacht, „klingt zwar komisch, aber es gibt ja wirklich so was. Und wenn es die Person selbst will....“ Aber was er dann erlebt habe, „war in meinen Augen einfach abartig. Denn was wäre gewesen, wenn nicht ich gekommen wäre, sondern ein anderer, der nicht nachgefragt hätte ...?“ Er sehe sich in diesem Fall sogar mittlerweile selbst als Opfer, sagt der Mann aus.

Ob das wirkliche Opfer aussagen wird, stand gestern noch nicht fest. Der Prozess wird bereits heute fortgesetzt. Ein Urteil des Schöffengerichtes wird erst gegen Ende des Monats erwartet.