Salzwedel l Schon der Verstoß zum Begleiteten Fahren mit 17 Jahren (BF 17) hatte bundesweit für Aufruhr gesorgt. Trotz aller Unkenrufe startete Niedersachsen 2004 den Modellversuch. Andere Bundesländer mussten später anerkennen: es funktioniert. Denn die 17-jährigen Fahranfänger waren weniger in Unfälle verwickelt oder begangen seltener Verkehrsverstöße. Fazit: Der niedersächsische Modellversuch wurde 2011 zu Bundesrecht. Nun kommt der nächste Vorstoß aus dem Nachbarbundesland. Aus BF 17 soll BF 16 werden. Und die Idee stößt politisch keinesfalls auf taube Ohren.

Verkehrsminister sind dafür

Im April vergangenen Jahres haben die Verkehrsminister aller Bundesländer begrüßt, dass die Bundesregierung die EU-Kommission (KOM) von der Notwendigkeit des BF 16 in Deutschland überzeugen soll. Damit ist der Ball ins Rollen gebracht. Den Ball nahm der Landtag Sachsen-Anhalt in seiner Sitzung am 23. November 2018 und forderte die Landesregierung auf, sich gegenüber dem Bund für die Umsetzung eines Modellversuchs für das „Begleitete Fahren ab 16“ einzusetzen, sobald die hierfür notwendigen Voraussetzungen seitens der Europäischen Union geschaffen worden sind. Die Bundesregierung wiederum hatte bei der KOM beantragt, die Erprobung von BF 16 zu ermöglichen.

Auch wenn nicht davon ausgegangen werden muss, dass der Modellversuch in den nächsten zwei Jahren kommen wird, der Vorgang lässt aufhorchen – auch im Ministerium.

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Weniger Verkehrsunfälle

„Das ‚Begleitete Fahren ab 17‘ hat sich auch in Sachsen-Anhalt zu einer der erfolgreichsten Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit von Fahranfängern entwickelt“, erklärt Peter Mennicke, Pressesprecher im Verkehrsministerium des Landes. Auch er verweist auf den Rückgang bei Unfällen und Delikten: „Bundesweit sind Jugendliche, die am BF 17 teilnehmen, im ersten Jahr ihres selbstständigen Fahrens 23 Prozent seltener an Verkehrsunfällen beteiligt und verzeichnen 22 Prozent weniger Verkehrsauffälligkeiten als Jugendliche, die nicht am BF 17 teilgenommen haben“. Als Grund nennt der Sprecher, dass ein frühzeitiger Erwerb des Führerscheins auch bedeute, dass die Jugendlichen länger am Steuer begleitet und beaufsichtigt werden, sie länger von den Erfahrungen ihres Beifahrers profitieren.

Fahrlehrer gegen BF 16

Doch kann 16-Jährigen der gleiche Schritt zugetraut werden, die gleiche Reife eines 17-Jährigen? Schließlich führen die Kritiker ins Feld, dass die psychologische Reife eine andere wäre und es in diesem Alter massive Entwicklungsschübe gäbe. Und genau dort liegt der Knackpunkt für die Fahrschule Reiner Lentz in Salzwedel. „Vielen in dem Alter fehlt es an Selbstständigkeit“, sagt beispielsweise Fahrlehrer Reiner Lentz. Er beobachtet seit vielen Jahren, dass die Leistung, Lernbereitschaft und geistige Reife eine andere sei, als noch vor einigen Jahren. „Die Fahrschüler haben vor etwa 15 Jahren noch durchschnittlich 35 Fahrstunden gebraucht. Heute sind es etwa zehn mehr. Außerdem, so Fahrlehrerin Rita Lentz, spielen auch die Begleiter der Jugendlichen, zumeist die Eltern, eine entscheidende Rolle.

Rita Lentz ist seit 1990 Fahrlehrerin und sitzt zudem im Prüfungsausschuss für angehende Fahrlehrer. „Die meisten bei uns machen den Führerschein BF 17. Das heißt aber nicht, dass sie dann auch ein Jahr begleitet Fahren. Viele steigen erst mit 18 ins Auto“, sagt Rita Lentz. Dann gehe viel Erlerntes wieder verloren. Reiner Lentz bemängelt zudem, dass viele Begleiter den Fahranfängern auch nicht wirklich helfen können. Das liegt zum Teil an Unwissenheit, anderen fehlt die Zeit. Außerdem, so Reiner Lentz, werden die Begleiter für diese Aufgabe nicht geschult, was zu Überforderung führen kann. Sein Fazit: Auch wenn BF 17 funktioniert, heißt das längst nicht, dass das auch bei BF 16 der Fall sein wird. Daher überwiegt klar die Skepsis.

Auch Dietmar Gäde, ebenfalls langjähriger Fahrlehrer in Salzwedel, hält nichts vom Modellversuch BF 16. „Für viele ist das einfach vom Alter her zu früh“, sagt Gäde.

Unfallforscher ist skeptisch

Ebenfalls kritisch betrachtet den Vorstoß Siegfried Brockmann, Leiter Unfallforschung der Versicherer: „Aus verkehrspsychologischer Sicht ist ein sechzehnjähriger Mensch nicht in der Lage, sich selbst zu steuern und eine ausreichende Risikokompetenz zu besitzen. Leider wurden schon bei BF 17 die Anforderungen für den Begleiter herabgesetzt, sodass ich auch hier skeptisch bin, ob das als Korrektiv ausreicht. Es ist auch nicht sinnvoll, von BF 17 auf mögliche Erfolge bei BF 16 zu schließen. BF 17 hat in der Gruppe der Teilnehmer zu weniger verursachten Unfällen geführt. Allerdings hat jeweils deutlich weniger als die Hälfte eines Jahrgangs daran teilgenommen. Gerade einkommensschwache Personen geben dem frühzeitigen Führerscheinerwerb keine Priorität. Nachteilig hat sich gezeigt, dass viele Teilnehmer die Dauer der Fahrausbildung unterschätzen und damit die begleitete Phase deutlich kürzer als ein Jahr ist.“ Für Siegfried Brockmann wäre es sinnvoll, den möglichen Beginn der praktischen Ausbildung bereits ab dem 16. Geburtstag zu ermöglichen, um dann mit 17 auch tatsächlich die Prüfbescheinigung in der Hand zu halten.

Der Sprecher des Verkehrsministeriums hält dagegen: „Sowohl die Erfahrungen beim BF 17 als auch die Ergebnisse des in Sachsen-Anhalt ermöglichten Modellprojekts „Mopedführerschein mit 15“ lassen durchaus erkennen, dass man Jugendlichen eine ungenügende Reife nicht von vornherein unterstellen kann“, sagt Peter Mennicke. Um seine Aussagen zu untermauern, blickt Mennicke in die Statistik.

Analysen sprechen dafür

„Unfallanalysen zeigen, dass die größte Gefahr gleich zu Beginn des Alleinfahrens besteht. Mit zunehmender Fahrerfahrung verringert sich das Unfallrisiko deutlich. Bereits nach neun Monaten halbiert es sich, nach rund zweieinhalb Jahren liegt es nur noch bei 10 Prozent vom Anfangsrisiko“, erklärt er. Aber auch Peter Mennicke weiß, das Risiko fährt mit. Wie bei jedem Autofahrer. Daher sein Fazit: „Wir sind der Auffassung, dass mit dem Moped-Führerschein ab 15 und dem Begleiteten Fahren ab 17 derzeit eine gute Kombination besteht, um den jungen Leuten die ihrem Alter entsprechende individuelle Mobilität zu ermöglichen und sie damit zugleich auf den Straßenverkehr vorzubereiten. Insofern wäre es schade, wenn die Einführung des BF 16 zu Lasten des Mopedführerscheins ginge.“ Die Befürchtung teilt man auch bei der Fahrschule Lentz. Mit BF 16 könnte der Mopedführerschein wegfallen, meinen Lentz‘. Zum einen werde dieser dann wohl nicht mehr im Autoführerschein enthalten sein, zum anderen werden sich weniger für den Führerschein entscheiden, da sie mit BF 16 bereits hinter das Lenkrad eines Autos dürfen. Das sieht auch Dietmar Gäde so. Auch er glaubt, dass der Mopedführerschein von da an unattraktiv für die Fahrschüler werde.

Ob es schlussendlich aber zum Begleiteten Fahren mit 16 Jahren kommt, ist derzeit noch nicht abzusehen. Die EU-Kommission muss erst dem Modellversuch zustimmen.