Salzwedel l „Wir können die Patienten ja auch nicht vor der Tür stehen lassen. Schließlich ist es nicht in unserem Sinn, den Konflikt auf dem Rücken der Menschen auszutragen, die unsere Hilfe brauchen“, sagt Katja F. (Name geändert). Sie betreibt in der Hansestadt Salzwedel eine Physiotherapiepraxis. Einverstanden mit der Vergütung durch die Krankenkassen ist sie schon seit Langem nicht. „Die Kassen verlangen von uns immer neue Nachweise und Weiterbildungen. Wie wir das finanzieren sollen, dass sagen sie aber nicht“, beschwert sich die Physiotherapeutin. Mit ihrer Meinung stehe sie in Salzwedel nicht allein. „Wir sind uns da alle einig, dass es so nicht weitergehen kann.“

Das sieht auch Constanze Rikirsch-Schöning, Landesvorsitzende des Berufsverbandes Physio Deutschland, so. „Wenn sich die Vergütung unserer Arbeit nicht verbessert, steuern wir auf ein massives Versorgungsproblem zu“, sagt sie. Bereits jetzt könne die gesetzliche Vorgabe, wonach eine verordnete Behandlung innerhalb von 14 Tagen begonnen werden muss, nicht eingehalten werden. Ein Problem, das auch in der Hansestadt kein unbekanntes ist. „Wir versuchen alles, um lange Wartezeiten zu vermeiden. Das ist manchmal aber nur mit Überstunden möglich“, berichtet Katja F.

Zu Wartezeiten kann es vor allem bei Verordnungen kommen, die Zusatzqualifikationen erfordern, etwa bei neurologischen Erkrankungen. Denn dafür fehlen in zahlreichen Praxen die Fachkräfte. „So eine Zusatzausbildung ist sehr teuer. Wir als Praxis können unseren Mitarbeitern diese Weiterbildungen aber nicht komplett bezahlen. Schließlich wissen wir nicht, ob sie uns irgendwann verlassen“, schildert Katja F.

Schlechte Bezahlung

Doch die Weiterbildungen sind nur ein Grund, für den Fachkräftemangel bei den Physiotherapeuten. Ein weiterer ist die schlechte Bezahlung. Sie mache den Beruf unattraktiv, schätzt Constanze Rikirsch-Schöning ein. Laut Bundesagentur für Arbeit liegt das durchschnittliche Bruttogehalt eines in Vollzeit arbeitenden Physiotherapeuten hierzulande bei etwa 1650 Euro. „So wenig wie in Sachsen-Anhalt verdienen sie sonst nirgendwo“, erklärt die Physio Deutschland Landeschefin.

Gut ausgebildete Physiotherapeuten würden deshalb in andere Bundesländer oder gar ins Ausland abwandern. Schließlich lasse sich mit dem geringen Verdienst keine Familie ernähren.

„Fast jeder Handwerker in der Region verdient mehr als wir. Und das trotz einer dreijährigen Ausbildung, die einem Studium gleichkommt“, ergänzt Katja F. Bei dieser Ausbildung handelt es sich zudem um eine private, das heißt, die Kosten dafür trägt der Auszubildende selbst. Viele nehmen dafür einen Kredit auf.

Hohe Fixkosten für Praxen

„Ich würde meinen Angestellten gern mehr bezahlen. Aber erst muss ich die Fixkosten wie Miete, Strom und Versicherung zahlen können. Es muss sich am Ende ja auch rechnen“, sagt Katja F.

Und da kommen die AOK Sachsen-Anhalt und die IKK gesund plus ins Spiel. Im bundesweiten Vergleich vergüten beide Kassen den Therapeuten die Behandlungen am schlechtesten. Bei ihnen ist aber die Mehrzahl der zu Behandelnden versichert.

Für eine manuelle Therapie, die der Wiederherstellung der Beweglichkeit dient, zahlt die AOK Sachsen-Anhalt gegenwärtig 16,84 Euro. Deutlich weniger als die 19,12 Euro, die die Ersatzkassen, mit denen die Verbände der Physiotherapeuten 2017 Vergütungen ausgehandelt haben. Ab dem 1. April können sie für eine manuelle Therapie dann sogar 22 Euro abrechnen.

Schiedsverfahren läuft

Entsprechende Vertragsverhandlungen mit der AOK Sachsen-Anhalt und der IKK gesund plus sind jedoch gescheitert. Hier läuft derzeit ein Schiedsverfahren. „Wir haben den Physiotherapieverbänden für den Zeitraum Juli 2017 bis Juli 2018 auf der Grundlage gesetzlicher Vorgaben eine Vergütung von 17,95 Euro angeboten. Dieses Angebot haben die Verbände abgelehnt“, sagt Sascha Kirmeß, Pressesprecher der AOK Sachsen-Anhalt.

Die Verbände würden für die kommenden drei Jahre Preissteigerungen von über 90 Prozent fordern. Das liege weit über dem Wert, der derzeit von anderen Krankenkassen in Sachsen-Anhalt gezahlt werde. „Die Grundlage für Preiserhöhungen muss eine Kalkulation sein, die belegt, mit welchen Mitteln eine Physiotherapiepraxis in Sachsen-Anhalt wirtschaftlich geführt werden kann. Trotz Nachfrage legten die Verbände bislang keine Kalkulationen vor, die belegen, welche Kosten die geforderten Preiserhöhungen konkret begründen“, so Sascha Kirmeß.

Preiserhöhung weiterreichen

Vor allem wolle die AOK aber erreichen, dass die Preiserhöhungen auch bei den angestellten Physiotherapeuten ankommen. „Wir möchten die Verbände deshalb vertraglich verpflichten, Preissteigerungen in angemessener Höhe an angestellte Therapeuten weiterzugeben“, berichtet der AOK-Pressesprecher.

Die gleichen Punkte führt auch die IKK gesund plus an: „Wir gehen davon aus, dass im Rahmen des Schiedsverfahrens insbesondere der Einsatz der IKK gesund plus für eine angemessene Beteiligung der angestellten Therapeuten an den Einnahmen der Anbieter Berücksichtigung findet und eine angemessene Einigung erzielt werden kann“, erklärt IKK-Pressesprecher Gunnar Mollenhauer auf Volksstimme-Anfrage.

Für Katja F. kann darüber nur den Kopf schütteln: „Sie lassen uns am ausgestreckten Arm verhungern.“