Barby l Nein, das soll kein Nachruf sein, wenngleich es für die Leser der Einheitsgemeinde Barby (und sicherlich auch darüber hinaus) schon eine traurige Nachricht ist: Volksstimme-Reporter Thomas Linßner hat heute seinen letzten offiziellen Arbeitstag, ab morgen ist er Rentner. Die Zeitungs-Institution der Stadt, der Mann mit der Kamera und der Schreiberling des Elbe-Saale-Winkels berichtet seit gut 30 Jahren aus seiner Heimatregion für die Volksstimme.

Schon in den 1980er-Jahren schnippelt der heute 65-Jährige viele Artikel aus der Volksstimme aus, die seine Heimatstadt Barby betrafen. Ohne es zu ahnen, legt er so den Grundstock seines heutigen, umfangreichen Archivs an. Bis zur Wende schreibt er sporadisch Artikel für die Volksstimme, die auch für den Barbyer die berufliche Wende bringen sollte. „Erstmals kennengelernt habe ich Thomas Linßner Anfang des Jahres 1990. Damals lud die Lokalredaktion zu einer Zusammenkunft ein“, erinnert sich der frühere Redakteur der Volksstimme, Wolf-Dietrich Hein. Hintergrund war: Aus den damaligen „Volkskorrespondenten“ sollen „Freie Mitarbeiter“ rekrutiert werden.

Thomas Linßner, der eigentlich von Beruf Elektriker ist und 15 Jahre lang auf Montage arbeitete, bringt Talent mit. Ihm gelingt zu Beginn der 1990er-Jahre der Seiteneinstieg in die Volksstimme-Familie und wird – wie es damals heißt – „Fester freier Mitarbeiter“.

Zuhörer und Gesprächspartner

Doch Thomas Linßner hat noch eine andere Begabung, die jungen Kollegen von heute oftmals fehlt: Er kann Menschen „öffnen“. Thomas Linßner nimmt sich nämlich Zeit, hört seinen Gesprächspartnern zu und erkennt schnell die menschliche Geschichte hinter der erzählten Geschichte. So kommen Köpfe ins Blatt, die auf den ersten Blick alltäglich sind, aber auf den zweiten dann eben doch besondere Dinge zu berichten haben, die sie interessanter als andere machen.

„Wir haben uns über das Dorfleben, die Menschen und Heimatgeschichte ausgetauscht. Trotz seiner unglaublichen Erfahrung und Vernetzung gibt er einem dabei immer das Gefühl, auf Augenhöhe zu sein, was mich in meiner Arbeit für die Volksstimme sehr geprägt hat“, berichtet der Calbenser Tilman Treue, der ebenfalls als Freier für die Volksstimme arbeitete. Ganz am Anfang, Tilman Treue ist noch Schüler und nicht allzu lange dabei, wird er von Thomas Linßner gefragt, ob er den Artikel über die Ausstellung seiner Bilder in Brumby schreiben würde. „Das war für mich eine solche Ehre, dass ich es bis heute nicht vergessen habe: Einer meiner Vorbilder bei der Zeitung fragt ausgerechnet den jungen freien Mitarbeiter und nicht etwa einen erfahrenen Redakteur. Das hat mir viel Auftrieb gegeben und auch einen weiteren Schritt in Richtung Zeitung geebnet.“

Seine Präsenz bleibt auch in der Lokalpolitik nicht unentdeckt. So erinnert sich Barbys Bürgermeister Torsten Reinharz an eine ganz spezielle Episode: „In meiner Rede zum Neujahrsempfang 2018 hatte ich mir erlaubt, unseren ,Volksstimme-Mann‘ für seine kritische Begleitung der Arbeit der Stadtverwaltung zu loben“, erinnert sich der Bürgermeister. Nach der Veranstaltung geht Thomas Linßner auf Torsten Reinharz zu und sagt auf sein öffentlich vorgetragenes Lob sinngemäß: „,Sowas kannste doch nicht machen, meine Chefs denken sonst noch, ich bin parteiisch oder wir haben was miteinander ...‘ Zumindest Letzteres kann ich heute offiziell und definitiv ausschließen“, erinnert sich der Bürgermeister mit einem Augenzwinkern.

Reinharz‘ Vorgänger Jens Strube hat am Telefon auch so einiges zu erzählen. Und er spricht wieder schneller als ein Hase übers Feld hoppelt, wie Thomas Linßner einmal schrieb. „Ach jaaa … ich schätze Thomas für seine umfangreiche Berichterstattung aus der Stadt und den Gemeinden“, sagte der Altbürgermeister (der Text ist an dieser Stelle langsamer geschrieben als gesprochen). Strube freut sich über die Recherchen von Thomas Linßner, was zeitgeschichtliche Episoden betrifft. „Er findet dabei vieles heraus, was vorher nicht bekannt war“, sagt er. Und ansonsten sei „sein Thomas“ ehrlich, neutral und ein sehr guter Journalist.

Wache Augen und offene Ohren

Thomas Linßner geht mit wachen Augen und offenen Ohren durch Land und Leben, weiß Heike Liensdorf, die langjährige Lokalchefin in Schönebeck, zu berichten. „Er sieht immer wieder im Alltäglichen das Besondere. Er hat den Blick für perfekte Fotos“, schätzt sie ein. Seine Gesprächspartner wissen: Ihr Anliegen ist bei ihm in guten Händen.

30 Jahre Volksstimme sind auch eine Garantie dafür, dass nicht immer Deutsch gesprochen werden kann. Oftmals gerät Thomas Linßner an Ausländer aus der ganzen Welt, die seinen Arbeitsweg kreuzen. Mit Händen und Füßen werden die Damen und Herren dann trotzdem befragt. Oder es sind Einheimische mit besonderem Dialekt. So grüßt heute die ehemalige Redaktionssekretärin (nachfolgende Zeilen bitte laut vorlesen): „Hier isch de Arzgebirgs-Geli un isch schick dor viele Gries. Mir kenne uns fei schu racht lang. Waste noch, was mor fier ne schiene Zat hatten, als mor noch zsamme gearbeit ham? Un nu sei mor lang ä wing old und genne in Rente. Aber du kast mor glabm: Des is fei ach e schiene Zat, un vor allem, wir brachen uns nimmer archern. Ich winsch dor von Harzen alles Gude und bleib fei schie gesund, mei Guder! Liebe Gries sendet dor von ganzm Harzen de Arzgebirgs-Geli aus Biere.“

Fragen?

Thomas Linßner ist in Barby das Gesicht der Volksstimme. Und an dieser Stelle folgt die gute Nachricht: Ein klein wenig wird er das auch noch bleiben. „Tom“ wird zwar das Hamsterrad der täglichen Produktion verlassen, aber trotzdem mal weniger, mal häufiger für die Volksstimme schreiben. Darüber freuen sich nicht nur die treuen Linßner-Fans, sondern auch seine Kollegen. Und wie das im Leben immer so ist: Diese Volksstimme-Liebe ist auch mit seiner richtigen Liebe namens Ilona längst abgesprochen. Sie hält ihm weiter den Rücken für dieses Hobby frei, das längst zur Berufung geworden ist.