Ukrainekrieg

Flucht aus Krieg in der Ukraine: Neue Sicherheit in Staßfurt

Etwa 2000 Menschen aus der Ukraine leben mittlerweile im Salzlandkreis. Eine davon ist Julia Baiduzh. Die 38-jährige Anwältin kam mit ihrem Sohn nach Staßfurt, während einige Verwandte noch im Kriegsgebiet sind.

Von Enrico Joo Aktualisiert: 14.05.2022, 11:59 • 14.05.2022, 06:00
Julia Baiduzh ist seit dem 11. März in Staßfurt. Die 38-Jährige ist Anwältin und kommt aus Krementschuk, einer Großstadt am Dnepr, 300 Kilometer südöstlich von Kiew. Sie ist zusammen mit ihrem elfjährigen Sohn in Deutschland.
Julia Baiduzh ist seit dem 11. März in Staßfurt. Die 38-Jährige ist Anwältin und kommt aus Krementschuk, einer Großstadt am Dnepr, 300 Kilometer südöstlich von Kiew. Sie ist zusammen mit ihrem elfjährigen Sohn in Deutschland. Foto: Enrico Joo

Staßfurt - An diesem warmen Tag im Mai kennt der Frühling kein Halten mehr. Es grünt an allen Ecken und Enden, es sind Vögel zu hören, die um die Wette piepsen. Meist sind es Spatzen, die ihr fröhliches und hohes Gezwitscher durch die Luft tragen. Spatzen scheinen immer gut gelaunt zu sein.

Julia Baiduzh braucht eine rote Sonnenbrille, die Sonne scheint. Sie sitzt auf der Bank zwischen den Gebäuden des Berufsförderungswerkes in Staßfurt Nord und lächelt. Im Hintergrund laufen ein paar Mitarbeiter und andere Bewohner vorbei. Hier wird gegrüßt! Egal, ob man sich kennt. Vieles scheint hier in der Mitte Deutschlands ziemlich in Ordnung zu sein. Zumindest für Julia Baiduzh. In Staßfurt schrillen keine Sirenen. Es fallen keine Bomben. Julia Baiduzh ist in Sicherheit.

Seit dem 11. März lebt die 38-Jährige zusammen mit ihrem elfjährigen Sohn in Staßfurt. Die beiden kommen aus Krementschuk in der Ukraine, einer Großstadt am Dnepr, 300 Kilometer südöstlich von Kiew. Dort fallen Bomben. Julia Baiduzh weiß das, weil ihre Eltern noch dort sind. „Sie hören ständig Sirenen. Tag und Nacht. Sie sind beide psychisch angeschlagen“, erzählt sie. Wohnhäuser sind noch weitestgehend intakt, aber industrielle Gebäude werden attackiert. Jeden Tag.

Täglich steht sie im Austauch. Mit ihren Eltern, mit ihrem Ex-Mann, dem Vater ihres Sohnes, der in einer Eisenbahn-Manufaktur arbeitet und zu dem sie noch guten Kontakt pflegt. Julia Baiduzh lächelt immer wieder. Aber manchmal streicht sie sich unsicher über den Hals, schaut gedankenverloren in den Himmel. Natürlich macht sie sich Sorgen. „Es ist jeden Tag unterschiedlich. Es ist eine Achterbahn der Gefühle“, lässt sie über ihre Dolmetscherin, Soziallotsin Tatjana Keller, Einblick in ihr Seelenchaos zu. Der Krieg in der Ukraine hat alles verändert.

Ich bin dafür, dass wir in die EU und in die Nato aufgenommen werden. Russland macht, was es will und hält sich nicht an Gesetze. Vielleicht nimmt Russland uns morgen noch mehr von unserem Land weg?

Julia Baiduzh

In der Ukraine hatte Julia Baiduzh ein gutes Leben. Als Anwältin war sie beruflich anerkannt. Im eigenen Büro hat sie große Firmen im Steuerrecht beraten. Beim Jugendstrafrecht oder Familienstrafrecht hat sie im Streitfall Familien vertreten. Julia Baiduzh hatte ein gutes berufliches Renommee, war kurz davor, Richterin zu werden. Zusammen mit anderen Anwälten hat sie dabei auch unermüdlich um den guten Ruf der Judikative gekämpft.

Flucht über vier Länder nach Deutschland

Denn: In der Ukraine ist die Korruption noch nicht verschwunden. „Politiker versuchen, Schlupflöcher zu finden. Korruption ist nicht vom Tisch, weil es keine einheitlichen Strukturen und Kontrollen gibt. Mit jedem Präsidenten ändert es sich“, erzählt sie. „Wir haben uns dafür eingesetzt, dass es weniger Korruption gibt. Ich selbst habe immer abgelehnt, weil ich viele Jahre viel Fleiß investiert habe. Ich würde ja alles verlieren.“ Sie schätzt, dass fünf Prozent aber immer noch beeinflussbar sind.

In schönen Zeiten ist Krementschuk sehr grün, von viel Wasser umgeben. Julia Baiduzh liebte ihr Leben dort. Ihre Eltern lebten sieben Jahre in Charkiw, hatten dort einen Haushaltswarenladen. Als der Laden nicht mehr gut lief, zogen sie in die Nähe ihrer Tochter nach Krementschuk zurück und machten sich dort wieder selbstständig. „Meine Eltern wollen in Krementschuk bleiben, weil sie den Vater meiner Mutter nicht allein lassen wollen“, so Baiduzh. Ihr Opa ist nicht mehr gut zu Fuß. Seine Tochter und sein Schwiegersohn kümmern sich um ihn.

Julia Baiduzh hingegen wartete nach Kriegsbeginn im Februar zehn Tage ab, bevor sie eine Entscheidung fällte. „Ich wollte meinen Sohn retten“, sagt sie. Also ging es dann schnell: Das Auto wurde beladen, mit nötigsten Dingen. Mit dabei: Ihr Sohn, eine Tante und deren Enkel. Das erste Ziel: Lodz in Polen. Dort wohnt die Mutter des Kindes und die Tochter der Tante, eine Cousine also von Julia Baiduzh. „Wir haben 1,5 Tage bis dahin gebraucht“, erklärt Baiduzh. Weil sie im Fernsehen die überfüllten Grenzübergänge zwischen Polen und der Ukraine gesehen hatte, machte die Familie einen Umweg, um 20 Kilometer lange Staus zu umgehen. Einen großen Umweg.

Ich weiß nicht, wann der Krieg endet. Ich will schon zurück, aber ich weiß nicht, wann ich wieder Fuß fassen kann. Vielleicht in ein paar Jahren? Vielleicht sollte ich mir in Deutschland etwas aufbauen?

Julia Baiduzh

Über Rumänien, Ungarn und die Slowakei ist sie nach Lodz gefahren. Dort ließ sie ihre Tante und deren Enkel bei der vereinten Familie zurück. Dann fuhr sie mit ihrem Sohn weiter nach Deutschland, nach Leipzig. Weil ihr das ein Bekannter geraten hatte, der schon in Deutschland war. Dort waren die Hallen als Aufnahmeeinrichtungen aber überfüllt. „Ich hatte in der Ukraine eine Arbeitskollegin, deren Tante schon länger in Staßfurt lebt. Sie meinte: Kommt nach Staßfurt. Hier gibt es eine freie Wohnung“, erzählt Baiduzh. Und so wurde die 38-Jährige zusammen mit ihrem Sohn in Staßfurt in deren Wohnung aufgenommen, in der Nähe des Gymnasiums. Dort gab es aber keine Spüle, wenig Möbel und kaum Privatsphäre, weil noch drei weitere Familien dort untergebracht waren. So kam sie vor einigen Wochen in das Wohnheim vom Berufsförderungswerk in Staßfurt Nord.

Hier ist Julia Baiduzh zum Nichtstun verdammt. „Ich weiß nicht, wann der Krieg endet. Ich will schon zurück, aber ich weiß nicht, wann ich wieder Fuß fassen kann. Vielleicht in ein paar Jahren? Vielleicht sollte ich mir in Deutschland etwas aufbauen?“

Es sind so viele Fragen im Kopf. Schon jetzt geht sie zu einem Deutsch-Kurs im „Kaiserhof“ in Staßfurt, nimmt auch online Unterrichtsstunden, ihr Sohn geht zur Schule. Sie selbst fährt zweimal die Woche nach Magdeburg und berät dort ehrenamtlich als Anwältin. Julia Baiduzh tut eben, was sie kann.

Wut über Putin

Denkt sie an Russland, wird sie wütend. „Was zum Teufel macht Putin auf unserem Territorium?“, fragt sie. Das war noch eine milde Übersetzung, versichert Dolmetscherin Tatjana Keller. „In der Bevölkerung haben wir bis zum Schluss nicht daran geglaubt, dass es wirklich Krieg gibt, obwohl 1,5 Monate vorher darüber gesprochen wurde. Es waren ja russische Truppen an der Grenze, Politiker haben gewarnt.“

Der Extremfall schien jedoch undenkbar. Natürlich war der Schock im Februar dann groß.

Julia Baiduzh selbst spricht fließend Russisch. Das liegt auch an familiären Verbindungen. Ihr gebürtiger Vater kommt aus Russland, sie war oft in Moskau, hat also Verwandtschaft dort. Früher gab es gute Kontakte dorthin. „Sie glauben wirklich, dass die Ukrainer sich selbst beschießen und Russland die Ukraine vom Faschismus befreit. Meine Stiefmutter meint, ich solle den Bildern aus Butscha nicht glauben, die wären gefälscht“, sagt sie. Sie schüttelt den Kopf. „Wir sind eine eigene Nation, wir sind Ukrainer, auch wenn wir Russisch können. Ich kann das nicht verstehen. Ich kenne Menschen, die es in Butscha mit eigenen Augen gesehen haben. Ich halte mittlerweile Abstand zu diesen Verwandten, ich habe keine Energie dafür, sie zu überzeugen. Ich habe genug andere Sorgen und Ängste.“

Treffen in Lwiw: Sohn soll seinen Vater sehen

Julia Baiduzh hat klare Leitplanken für die Ukraine. „Ich bin dafür, dass wir in die EU und in die Nato aufgenommen werden. Russland macht, was es will und hält sich nicht an Gesetze. Wir können als Volk nicht verstehen, wie wir mit so einem Nachbarn weiter umgehen sollen. Vielleicht nimmt Russland uns morgen noch mehr von unserem Land weg?“

In ihrer Funktion als Anwältin hat sie sich mit anderen Juristen zusammengeschlossen. „Wir wollen Russland anklagen und setzen uns auf allen Ebenen dafür ein, dass die Kriegsverbrechen bewiesen werden.“

Natürlich ist ihr Kopf aber auch privat in Turbulenzen. Mit ihrem Ex-Mann war sie bis 2020 13 Jahre verheiratet. Bis zum Krieg war der Kontakt gut. Der Vater sah seinen Sohn regelmäßig. „Mein Sohn vermisst ihn.“ Daher steht die Tage ein nicht ungefährliches Unterfangen an. In Lwiw in der West-Ukraine soll es ein Familientreffen geben, soll der Sohn nach vielen Wochen seinen Vater wiedersehen. Das Problem: In der Ukraine gibt es wegen des Kriegs Beschränkungen an den Tankstellen. „Wir fragen uns, ob das Benzin bis Lwiw für ein Treffen reicht“, so Baiduzh. Die logistischen Herausforderungen sind also groß. Nach diesem Treffen will die 38-Jährige mit ihrem elfjährigen Sohn zurück nach Staßfurt fahren. Schon vor ein paar Wochen war sie bereits einmal in Lwiw.

In Deutschland hat sich Julia Baiduzh bereits informiert. Möglicherweise kann ihr Hochschulabschluss anerkannt werden, kann sie auch in Deutschland als Anwältin arbeiten. Im Kopf macht sie Pläne. Sie will für ihren Sohn da sein, ihm ein gutes Leben bieten. In Sicherheit und Wohlstand. Ohne Krieg und in Frieden. Wann das der Fall sein wird? Das weiß ja niemand.

„Wo gibt es in Deutschland Schuhe und Stiefel, kugelsichere Westen?“ Neben Waffen sind es manchmal alltägliche Sachen, die die ukrainischen Soldaten an der Front brauchen. In der Ferne ist Julia Baiduzh gefragt, hört sich um. Auch an sonnigen Frühlingstagen in Deutschland kreisen ihre Gedanken um Ereignisse, die mehr als 1800 Kilometer entfernt sind. Ja, Julia Baiduzh lächelt. Aber ihr Lächeln ist ernst und beschwert. Denn nichts ist leicht in diesen Tagen.