Mit Katrin Herlt im Gespräch

 

Was finden Sie am Beruf des Zustellers gut?
Man arbeitet im Wohnort und kann selbst entscheiden, wie man seine Arbeit erledigt. Entscheidend ist nur, dass man die Zeitungen bis 6 Uhr zugestellt hat. Das reine Austragen dauert bei normalem Wetter etwa zwei bis zweieinhalb Stunden. 

Hatten Sie ein Erlebnis, was besonders im Gedächtnis haften blieb?
Ich bekam in der Nacht beim Austragen einen Anruf von meiner älteren Tochter, dass ich Oma geworden bin. Normalerweise erhält man ja um diese Zeit keine Anrufe. Jetzt ist schon das dritte Enkelkind unterwegs. Schön ist es auch, wenn man zu Weihnachten kleine Präsente erhält. 

Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Vor Beginn ihrer Lehre hatte meine Tochter als Überbrückung eine Arbeitsstelle gesucht, unsere Zustellerin Bärbel Kloske hatte ihr damals den Job vermittelt. Ich wurde dann ebenfalls mit Bärbel Kloskes Hilfe ihre Nachfolgerin, wollte dies ursprünglich nur zwei Jahre machen. Nun sind es schon elf Jahre. Damals war es noch auf 450-Euro-Basis, seit 2015 bin ich auf Teilzeitbasis angestellt. 

Gewöhnt man sich eigentlich an die ständigen Nachtschichten?
Nein – und das wird mit zunehmendem Alter sogar immer schwieriger. Wir arbeiten schließlich sechs Nächte am Stück.

Klietz l Es ist 22.15 Uhr. Nur noch eine Stunde Zeit, bis ich von der Zustellerin abgeholt werde. ‚Was soll ich alles mitnehmen?‘ – überlege ich. Ein Getränk oder was zu essen erübrigt sich. – Keine Zeit, muss ja zwischendurch noch Notizen machen. Eine Stirnlampe wäre hilfreich, gibt sicher dunkle Ecken. Und es ist Regen angesagt, Regenjacke und Mütze sind also ein Muss. Von der Armeezeit her weiß ich, dass ein Kaugummi gut gegen Müdigkeit sein soll.

23.15 Uhr. Ich werde von Zustellerin Katrin Herlt abgeholt. Mit ihrem Auto fährt sie von Klietz, wo auch ich wohne, nach Havelberg zum Depot des Osterburger Dienstleistungs-Centers, einer Tochterfirma der Mediengruppe Magdeburg. Wie gut, dass ich auch einen Kugelschreiber mit Beleuchtung als Reserve in der Tasche habe. Der leistet mir im dunklen Auto auf dem Beifahrersitz nun gute Dienste.

Elf Jahre Zeitungs-Zustellerin

Seit elf Jahren ist sie bereits Zustellerin, berichtet die Klietzerin. Anfangs hatte sie die meisten Strecken im Ort zu Fuß zurückgelegt, denn ihrem Auto-Motor bekamen die vielen Starts und Stopps gar nicht gut. Die Volksstimme-Zeitungen für Klietz lud der Kurier, vom Druckzentrum aus Barleben kommend, immer in einem wetterfesten Kasten an der Feuerwehr ab.

Bilder

Seit 2015 können die Zusteller auf Firmenfahrzeuge der Mediengruppe Magdeburg zurückgreifen und sind fest angestellt. Seitdem müssen sie aber auch zum Depot nach Havelberg fahren, für Hin- und Rückfahrt wird etwa eine Stunde benötigt. Im Depot – es befindet sich in der einstigen Sekundarschule – werden die Briefe der Biberpost sowie die Zeitungen vorsortiert. Dabei geht jeder Kollege anders vor. Katrin Herlt zum Beispiel sortiert den Generalanzeiger schon hier mit der Volksstimme, dann muss sie es nicht mehr in Klietz erledigen. Die Zeitungsstapel werden zurechtgelegt, am Ende der Tour darf keine Zeitung übrig bleiben – aber auch keine fehlen.

Ein Brief fällt ihr ins Auge: Der Name stimmt nicht mit der Adresse überein. Ein weiterer Brief soll eigentlich nach Klötze. Beide bekommen einen Aufkleber, und sie fertigt einen Vermerk zu den Irrläufern an.

Vorsicht vor dem großen Hund

Um 1 Uhr. Wir sind wieder zurück im nächtlichen Klietz, jetzt beginnt die Verteilung. Dazu packt die Zustellerin normalerweise einen Zeitungsstapel griffbereit auf den Beifahrersitz, doch da sitze ja ich. Ich nehme ihn auf den Schoß.

„Hier wohnt mein Freund“, sagt Katrin Herlt an einem Gehöft an der Bundesstraße. Der Briefkasten ist am Zaun befestigt, dahinter lauert ein großer Hund. Sie muss aufpassen, dass sie schneller ist als der Vierbeiner. Die Bundesstraße 107 liegt im Dunkeln, oft brettern Fahrzeuge schneller als erlaubt vorbei. Zum Glück verläuft die B 107 nicht mehr durch Klietz. In Havelberg, Sandau, Schönfeld, Schönhausen, Fischbeck oder Hohengöhren müssen die Zusteller verstärkt auf den Verkehr achten.

Apropos Verkehr. Da nur nachts gefahren wird, muss man auch immer mit Wildwechsel rechnen – wie fast überall in der waldreichen Elb-Havel-Region. Oft schon musste die Klietzerin eine Vollbremsung tätigen – obwohl sie lediglich maximal 80 Stundenkilometer fährt. Meistens waren es Rehe, auf der Platzrandstraße des Klietzer Übungsplatzes musste sie auch wegen einer Rotte Wildschweine bremsen. Ein Kurierfahrer war vor einiger Zeit zwischen Wulkau und Schönfeld mit einer solchen Rotte kollidiert...

Zeitungs-Zustellerin auf Teilzeit

Wie so manche ihrer insgesamt 28 Kollegen im Altkreis Havelberg arbeitet auch Katrin Herlt auf Teilzeit, früher war sie neben Klietz auch für Scharlibbe und die beiden Damm-Dörfer zuständig. Jetzt betreut sie eine Hälfte von Klietz, ein Kollege arbeitet im anderen Teil.

Der Himmel zieht sich immer weiter zu, es wird noch dunkler. Zeit übers Wetter zu reden, da hat man doch in elf Jahren sicher einiges erlebt? Das Ärgste, was sie mitgemacht hatte, waren Temperaturen von Minus 20 Grad Celsius gleich zu Beginn ihrer Zusteller-Zeit. Damals froren sogar die Wasserleitungen ein. Übel ist auch Blitzeis. Dafür besitzt sie Spikes zum Unterschnallen. Man rutscht zwar nicht mehr, kann aber dennoch nicht so schnell gehen wie gewohnt.

In Klietz darf auch ich mit aus dem Fahrzeug. Katrin Herlt gibt mir Tipps: Für diesen Briefkasten die Zeitung zusammenrollen, für jenen längs falten und dort quer. Ich lerne die verschiedensten Kastenarten kennen – soweit man diese in der Dunkelheit erkennen kann.

Kasten klein, Zeitung groß

Ein Kasten ist so winzig – wie bekommt man hier nur den Generalanzeiger vollgepackt mit Werbung rein? Das ist eines der Probleme der Zusteller: Oft sind die Röhren so eng, dass sie mit Not und Mühe die Zeitungen reingeschoben bekommen. Katrin Herlt berichtet mir, dass ihr vor allem nach der Samstagschicht die Hand oftmals mächtig weh tut. Denn da ist der Generalanzeiger immer besonders dick.

Ein weiteres Problem der Zusteller ist – wie soll es bei Nachtschichtlern auch anders sein – die Dunkelheit. Zu Beginn der Forststraße fällt mir dies besonders auf. Etliche Straßenlampen sind finster. Ich sehe nicht mal die Briefkästen, sie sind so dunkel wie der Zaun, an dem sie hängen. Hat man endlich den Kasten gefunden, muss man die Klappe ertasten. Bei einem in der Heidestraße habe ich besonders lange zu tun. Der Kasten ist zwar am Tage schön anzuschauen, für Zusteller in der Nacht aber unpraktisch. Zumindestens für jene, welche sich nicht auskennen.

Und da folgt schon das nächste Problem: Ist Katrin Herlt mal im Urlaub, kommt eine Vertretung. Diese hat dann nicht nur mit dem Auffinden der Kästen zu kämpfen, sondern auch mit dem mancher Adresse. Nicht an jedem Kasten steht der Name, nicht überall eine Hausnummer. So können denn von der Urlaubsvertretung auch manche Briefe gar nicht zugestellt werden. Klingeln und mal nachfragen geht in der Nacht schlecht.

Durch Finsternis und Regen

Als ob dies nicht reicht, beginnt es in der finsteren Forststraße auch noch zu regnen. Katrin Herlt zieht ihre Regenjacke an, und ich streife schließlich auch meine Kopflampe über. Die werde ich später noch einmal brauchen, auch in der Dammstraße gibt es dunkle Ecken – hier zudem noch mit Stolperfallen.

In der Dammstraße darf ich auch mal die Tasche mit den Zeitungen umhängen. Obwohl der „General“ mit dabei ist, ist sie hier noch relativ leicht. Vollgepackt bringt sie einige Kilogramm auf die Waage – vor allem in der Nacht zum Sonnabend.

2.30 Uhr. Wir sind bei mir in der Heidestraße angekommen, ich schieße ein letztes Foto, nehme meine Zeitung und die der Nachbarin und verabschiede mich. Meine „Kollegin auf Zeit“ hat ihre Tour auch fast beendet. In der Seestraße muss sie später noch ordentlich laufen, dort hängen die Kästen neben den Türen – wobei lange Vorgärten zu durchqueren sind. Zu Hause sehe ich: Meine Finger sind dunkel wie die Nacht von der Druckerschwärze.

3 Uhr. Ich liege endlich im Bett. An Schlaf ist aber vorerst nicht zu denken. Mein Fazit: Zusteller müssen ganz schön viel auf sich nehmen, damit man zum Frühstück seine Tageszeitung lesen kann.

Hier geht es zum letzten Teil der Sommerserie.