Vom Uenglinger Tor bis Roland Wiedersehen nach 17 Jahren: Wie damalige Kinder heute auf Stendal blicken
Zehn Jahre lang haben Kinder Stadtführungen durch die Hansestadt Stendal angeboten. Nun haben sie sich wiedergetroffen. Und festgestellt, was sie aus der Zeit mitgenommen haben.

Stendal - „Wie hoch ist das Uenglinger Tor?“ Diese Frage hat Nicole Muskulus bei jeder Führung durch die Stendaler Innenstadt gestellt. Im Alter von neun bis 14 Jahren hat sie als eine von rund 20 Stadtführerkindern Interessierten ihre Heimat aus ihrer Perspektive als Heranwachsende gezeigt. 17 Jahre nach Ende des Projekts trifft sie auf ihre Mitstreiter. Sie stellen fest, wie diese Zeit sie geprägt hat.
Zehn Jahre lang, von 1998 bis 2008, trafen sich die Kinder aus fünf verschiedenen Schulen in ihrer Arbeitsgemeinschaft (AG) mit Evelyn Gröpler. Als AG an der Goetheschule ging es als Neunjährige für Nicole Muskulus 1998 los. „Ich hatte damals im Hort nichts zu tun, und das war mal was Neues“, sagt die Hüselitzerin. Anfangs haben sie Bilder von Sehenswürdigkeiten ausgemalt und sich langsam über die Theorie herangetastet, erinnert sich die heute 36-Jährige.
Ich war vor einer Führung jedes Mal aufgeregt.
Nicole Muskulus, ehemaliges Stadtführerkind
„Ich war vor einer Führung jedes Mal aufgeregt“, sagt Nicole Muskulus. Es erforderte viel Mut. „Wir mussten uns überwinden, vor einer kleinen Gruppe zu sprechen.“ Das macht der Kundenberaterin heute gar nichts mehr aus.
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Julia Seyer, die seit Beginn bis 2003 dabei war, hat rückblickend betrachtet ebenfalls von der Zeit profitiert: „Was ich dabei gelernt habe, hat mir meinen weiteren Weg geebnet. Heute machen mir der Kontakt mit Menschen und freie Reden gar nichts mehr aus.“ Anders geht es Silvana Rüge. „Ich kann bis heute nicht gut Reden halten“, sagt die Stendalerin.
Viel Wertschätzung für Kinder, die durch Stendal geführt haben
Nach den Führungen haben die Kinder viel Wertschätzungen erfahren. Das unterstreichen anerkennende Worte im Gästebuch. „Und es gab sogar ein kleines Taschengeld dafür.“ Beim Tag des offenen Denkmals und zu besonderen Festen wie beispielsweise vor Weihnachten und bei den Rolandfesten boten sie ihre Führungen an. Ostern durften die Gäste sogar mit ihnen im Anschluss Eier im Klostergarten suchen. Zur Erinnerung hat Evelyn Gröpler Ordner mit alten Zeitungsartikeln und Fotoalben zum Treffen mitgebracht.
Felix Goder aus Havelberg blättert darin und erinnert sich an Ausflüge zu Treffen mit anderen Stadtführerkinder-Gruppen, zum Beispiel nach Gera. Für ihn war das „eine sehr, sehr coole Erfahrung“.
„Wir waren auch als Nachtwächter und Domherren beim Umzug zum Rolandfest unterwegs“, erinnert sich Christoph Rebel. Der 37-Jährige empfand das als Ehre. Er schätzt die Architektur der Stadt.
Was hier im Krieg stehengeblieben ist, ist ein Geschenk, das die Stadt nicht aufgeben sollte.
Christoph Rebel, ehemaliges Stadtführerkind
Christoph Rebel kann trotzdem verstehen, warum viele wegziehen. „Die Stadt ist für junge Menschen unattraktiv“, sagt er.
Interesse für Geschichte verbindet junge Stadtführer
Das sieht Ian Oeser ganz anders. Der 26-Jährige lebt gern in seiner Heimatstadt und kann sich überhaupt nicht vorstellen, sie zu verlassen. Von Kindesbeinen an hat er gern Altmark- und Kirchenbücher gelesen. Erst gegen Ende stieß er zu der Gruppe und war sehr enttäuscht, dass das Projekt beendet wurde. „Geschichte interessiert mich immer noch“, sagt der Stendaler.
So geht es auch Sascha Bernert. Obwohl er heute in Berlin lebt, kennt er noch alle Ecken der Stadt. Seine Mutter hat ihn auf das Treffen aufmerksam gemacht. Sie hatte den Volksstimme-Artikel gelesen, in dem Friedemann Ludwig und Evelyn Gröpler die Stadtführerkinder von einst aufriefen, sich zu melden. Mit Erfolg.
Eine gewisse Vertrautheit und Herzlichkeit war sofort zu spüren.
Evelyn Gröpler, Leiterin der Stadtführerkindergruppe
Als Überraschung organisierte die ehemalige Gruppenleiterin eine Abendführung auf die Türme der Marienkirche. Hans-Jürgen Borstel führte die Teilnehmer hinauf zu den Glocken, die sie sogar anschlagen durften. „Alle haben gesagt, dass die Aktion eine super Idee war. Es ist richtig toll angekommen“, berichtet Evelyn Gröpler.
Der Termin für ein neues Treffen steht schon fest: Am 27. Dezember 2026 wollen sie sich wiedersehen. Bis dahin möchte Nicole Muskulus ihre Kinder durch die Stadt führen. Und vielleicht werden auch sie in einigen Jahren noch wissen, dass das Uenglinger Tor 27 Meter hoch ist.