Verkehr

Ausgedünnter Bus-Fahrplan in Wernigerode: Bleiben Fahrgäste auf der Strecke?

Die Wernigeröder müssen in diesen Tagen länger als sonst auf den Bus warten. Der ausgedünnte Fahrplan stößt in der Stadt auf wenig Gegenliebe. Den Harzer Verkehrsbetrieben sind aber die Hände gebunden.

Von Ivonne Sielaff Aktualisiert: 14.05.2022, 00:31 • 12.05.2022, 20:11
Die Busse im Wernigeröder Stadtverkehr fahren derzeit nicht so häufig wie gewöhnlich.
Die Busse im Wernigeröder Stadtverkehr fahren derzeit nicht so häufig wie gewöhnlich. Foto: Ivonne Sielaff

Wernigerode - Normalerweise verkehren die Citybusse in Wernigerode im 30-Minuten-Takt. Die Harzer Verkehrsbetriebe haben den Fahrplan aber vorübergehend auf Einstunden-Takt runtergefahren – und zwar nicht zum ersten Mal in 2022. In Wernigerode sorgt das für ordentlich Kritik.

„Ich wollte mit dem Bus fahren und bin kläglich gescheitert“, sagt Cary Barner. Und nicht nur das. Im Gespräch mit einigen Schülern habe die CDU-Stadträtin erfahren, dass der Tagesablauf der Kinder von der veränderten Taktung der Busse stark beeinträchtigt sei. Sie hätten kaum noch Freizeit, weil sie so lange auf den Bus warten müssten. „Das kann doch nicht sein. Die Stadt zahlt nicht unwesentlich dafür, dass die Busse jede halbe Stunde fahren“, so Barner.

Einschnitte für Fahrgäste

Im Wernigeröder Rathaus sind bereits Beschwerden eingegangen. „Wir haben einige Hinweise bekommen“, sagt Baudezernent und Vize-OB Immo Kramer auf Volksstimme-Nachfrage. Die veränderten Fahrzeiten würden auch ihm „Bauchschmerzen“ bereiten. Die Änderung bedeute „deutliche Einschnitte“ für die Wernigeröder. Vor allem die Schüler seien aus seiner Sicht an „ihrer Reizgrenze“ angekommen. „Sie müssen sich komplett neu eintakten.“ Die Touristen seien ebenfalls betroffen. Der Harz werbe schließlich mit dem kostenlosen Hatix-Busticket für Urlauber. „Und dann stehen sie eine Stunde an der Haltestelle?“

Grund für die veränderte Taktung sind krankheitsbedingte Personalausfälle bei den Harzer Verkehrsbetrieben (HVB). So hat es das Unternehmen kommuniziert. Für eine solche Ausnahmesituation habe er durchaus Verständnis, sagt Kramer. Aber wenn das mehrfach hintereinander passiere, sei es etwas anderes. „Und dann immer so eine Hauruck-Aktion. Wir werden immer erst kurzfristig vorher informiert.“

Der Citybusverkehr in Wernigerode mit seiner 30-Minuten-Taktung bewege sich auf einem hohen Niveau – im Vergleich zu anderen Orten, so Kramer. „Aber dafür haben wir als Stadt einen Vertrag. Und wir zahlen selbstverständlich nur für die erbrachte Leistung.“ Zwar werde der städtische Haushalt durch den Stundentakt weniger stark belastet. „Aber das ist nichts, worauf wir stolz sein können“, so der Dezernent. „Wir haben uns zum 30-Minuten-Takt bekannt. Und wir wollen, dass diese Leistung auch erbracht wird.“

Träger des Öffentlichen Personennahverkehrs ist der Landkreis Harz. Aktuell beteiligt sich der Kreis mit zwei Dritteln an der Summe, die nach Abrechnung der Einnahmen aus dem Stadtverkehr übrig bleibt. Vor Corona lag das Minus jährlich bei etwa 577.000 Euro. Ab 2023 machen Stadt und Landkreis halbe-halbe bei der Finanzierung. Der Landkreis hatte auf die neue Kostenaufteilung bestanden und sie als Bedingung für die Beibehaltung des 30-Minuten-Taktes gestellt.

Notfalldienstplan für Krise

Eine Bedingung, die zumindest im Moment nicht erfüllt ist. Zweimal sei er 2022 bisher gezwungen gewesen, die Taktung in Wernigerode runterzufahren, so HVB-Chef Christian Fischer. Zwischen dem 16. März und dem 19. April und jetzt seit 2. Mai wieder. „Wir kommen aus einem Quartal, in dem Corona sämtliche Personalplanungen über den Haufen geworfen hat“, so Fischer.

Im März habe die Omikron-Welle im Unternehmen seinen Höhepunkt erreicht. Von 296 Beschäftigten seien im März 120 Mitarbeiter kurz- oder langzeitig nicht arbeitsfähig gewesen. „Das ist schon eine Hammerzahl. Es grenzt an ein Wunder, dass wir den Fahrplan in der Fläche trotzdem vorhalten konnten.“

Die HVB würden den gesamten Kreis bedienen. „Wir bitten da um Nachsicht. Aber wir können in Krisenzeiten die Fläche nicht vernachlässigen“, so Fischer. Deshalb sei in Zeiten von Corona ein Notfalldienstplan erarbeitet worden. Es sei darin festgelegt, dass Regionalverkehr, landesbedeutsame Linien und der Schülerverkehr Vorrang hätten. Die einfachste Lösung sei es daher, den Stadtverkehr runterzufahren. „Wir könnten auch auf Wochenendverkehr runterstufen, dann würden aber noch weniger Busse fahren.“

Die veränderte Taktung treffe zwar hauptsächlich die Wernigeröder. „Aber die Busse fahren nach wie vor - wenn auch nur im Stundentakt.“ Zudem sei die Stadt an das Regionalnetz angebunden.

Fahrplanänderungen müssten nicht extra genehmigt werden, sofern sie einen Monat nicht überschreiten, erläutert Fischer. Das sei so im Personenbeförderungsgesetz geregelt. Finanziell gesehen sorge die Reduzierung beim Landkreis, bei den HVB und und auch bei der Stadt bei Einsparungen. „Wenn weniger Busse fahren, muss auch weniger bezuschusst werden“, so Fischer. „Die Stadt muss also nicht befürchten, dass sie für weniger Leistung mehr bezahlt.“

Keine Sicherheit für Zukunft

Was die nächsten Monate angeht, kann Fischer keine Sicherheit in Sachen Personal geben. „Die Situation ist immer noch angespannt. Nach den schwierigen Zeiten ist unser Überstundenkonto angewachsen. Außerdem schleppen wir ein Urlaubskontingent vor uns her, das uns das ganze Jahr beschäftigen wird.“ Auch in Hinblick auf den Krieg in der Ukraine gebe es Unsicherheiten. „Das ist das nächste Problem. Wenn es irgendwann keinen Sprit oder kein Gas mehr gibt, können wir nicht fahren.“ Zudem wisse keiner, ob und wann die nächste Corona-Welle komme.

Für die Wernigeröder hat Christian Fischer dennoch eine gute Nachricht. Die Änderung im Fahrplan läuft am Freitag, 13. Mai, aus. „Das heißt, ab Montag fahren wir wieder im 30-Minuten-Takt.“

Mit roten Schildern wird in Wernigerode über die veränderten Fahrzeiten der Stadtbusse informiert.
Mit roten Schildern wird in Wernigerode über die veränderten Fahrzeiten der Stadtbusse informiert.
Foto: Ivonne Sielaff