Landesweit Spitze?

• Laut der Studie „Markt für Wohnimmobilien 2020“ der Landesbausparkassen werden in Wernigerode sogar Sachsen-Anhalt-weit die höchsten Preise für Ein- und Zweifamilienhäuser verlangt. Im Schnitt seien 350 000 Euro zu zahlen – 100 000 Euro mehr als in Magdeburg und mehr als doppelt so viel wie in Halberstadt. Vor fünf Jahren seien vergleichbare Häuser in der bunten Stadt am Harz noch für 150 000 Euro verkauft worden.

• Baugrundstücke sind in Wernigerode für 130 bis 250 Euro pro Quadratmeter zu haben. Meist kostet dieser um die 160 Euro, berichten die Bausparkassen-Fachleute. Der Preis hat sich in fünf Jahren mehr als verdoppelt. (mg)

Wernigerode l Für Häuslebauer und -käufer bleibt Wernigerode ein teures Pflaster. Davon, dass die Preise für Grundstücke und Wohnhäuser in der bunten Stadt am Harz weiter steigen, ist Steven Buhlmann überzeugt. „Aber wahrscheinlich nicht mehr so rasant wie in den vergangenen Jahren“, sagt der Immobilienfachwirt.

Der Experte des Immobilienverbandes Deutschland (IVD) vermutet: „Wir erleben derzeit keine Immobilienblase in der Stadt, die Nachfrage ist ungebrochen.“ Das Angebot dagegen sei weiter derart knapp, dass sich Interessenten gegenseitig überbieten und Verkäufer Traumpreise weit über Wert der Immobilien aufrufen können. „Ein bezugsfertiges Einfamilienhaus ohne großen Sanierungsaufwand ist in Wernigerode kaum unter 300.000 Euro zu finden“, berichtet der Makler mit Büro in Hasserode.

Zuzügler aus Großstädten

Zum Vergleich: Für einen funktionalen Neubau ohne Schnickschnack mit 130 Quadratmetern Wohnfläche seien – inklusive Grundstück – rund 500.000 Euro zu zahlen. Das liege zum einen an den Baupreisen, die in den vergangenen zehn Jahren um ein Viertel gestiegen seien, zum anderen an Grundstückspreisen, die durch die Decke schießen. „Das gilt sowohl für mittlere Wohnlagen wie entlang der Friedrichstraße mit viel Verkehr und langgestreckten, schmalen Grundstücken wie für Top-Lagen am Humboldtweg, Eisenberg oder in der Straße Am Großen Bleek“, so der Fachmann.

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Großstädter zeiht es nach Wernigerode

„Viele unserer Kunden wollen naturnah wohnen und dennoch einen kurzen Weg in die Innenstadt haben“, erläutert Buhlmanns Mitarbeiter Dominik Bodenstedt. Dieser Mix aus hübscher Kleinstadt mit dem Harz direkt vor der Haustür und guter Verkehrsanbindung sei vor allem für Großstädter interessant.

„Wir erhalten immer mehr Anfragen aus Ballungsräumen wie Hamburg, Berlin, dem Ruhrgebiet oder Hannover.“ Darunter seien nicht nur Wohnungssuchende ab dem mittleren Alter, sondern auch Rückkehrer und viele junge Familien, die ihre Kinder lieber im gemütlichen Wernigerode als im Trubel einer Metropole aufwachsen sehen wollen.

Das Problem für sie: „Grundstücke und Häuser sind genauso als Kapitalanlage und Feriendomizil interessant“, ergänzt Buhlmann. Junge Mittelständler könnten sich so kaum noch den Traum von den eigenen vier Wänden in der bunten Stadt am Harz erfüllen. Sie suchten stattdessen in der Umgebung wie den Neubau-Gebieten von Darlingerode und Drübeck.

Blankenburg als Alternative

Von der übergroßen Nachfrage in Wernigerode profitiere inzwischen eine weitere Nachbarstadt: „Blankenburg entwickelt sich mehr und mehr zu einer echten Alternative“, erläutert Buhlmann. Die Blütenstadt locke mit günstigeren Wohnpreisen, sei in einer Viertelstunde erreichbar und verfüge genauso über Ärzte, Supermärkte und alles weitere, was zur Grundversorgung gehört.

Um diesen Trend zu stoppen, sieht der Immobilien-Fachmann nur einen Ausweg: „Sukzessive bezahlbares Bauland ausschreiben, aber nicht den Markt überschwemmen.“ Ein erster Schritt in diese Richtung sei dem Wernigeröder Rathaus mit der im Januar besiegelten Kooperation mit den Stadtwerken gelungen. Der Energieversorger soll künftig die Erschließung von Wohngebieten übernehmen. An den Planungen für neue Häuser etwa an der Heinrich-Heine-Straße und Weinbergstraße wirkt das städtische Tochter-Unternehmen bereits mit.

Aus Gartenanlage wird Wohngebiet

„Nur so lässt sich der Markt beruhigen“, konstatiert Steven Buhlmann. Ebenso bewertet er die Pläne, die frei werdende Gartenanlage im Nesseltal für neuen Wohnraum zu nutzen, als Schritt in die richtige Richtung. Hintergrund: Die Schutzfrist für Kleingärten war 2015 ausgelaufen. Seither dürfen Gemeinden die Verträge mit Pächtern ohne besondere Gründe kündigen. Bis zum Ende des Jahres sollen alle 70 Parzellen übergeben werden.

Fortschritte sieht der Experte vor allem beim altersgerechten Wohnen. „Auf diesem Gebiet macht die Wernigeröder Wohnungsgenossenschaft einen guten Job mit ihren Projekten“, erläutert Buhlmann. So komme Bewegung in den Markt: „Im Idealfall verkauft ein älteres Ehepaar sein Stadthaus an eine junge Familie, um selbst in eine barrierefreie Wohnung zu ziehen.“

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