Wernigerode l „Kriminalkommissar Thomas Meier“, meldet sich der Anrufer bei Ingrid Dohle (Name von der Redaktion geändert). Die Familie der Wernigeröderin sei von einem Rumänen bei Bankgeschäften beobachtet worden, berichtet der vermeintliche Polizist. Um weiter ermitteln zu können, benötige er Daten zu den Bankverbindungen von Familie Dohle. „Lassen Sie uns das lieber persönlich klären“, entgegnet die Rentnerin geistesgegenwärtig. Daraufhin wird der Anrufer wütend. „Sie werden schon sehen, was Sie davon haben.“

„Wir waren so überrumpelt, dass wir uns beinahe darauf eingelassen hätten“, sagt die Wernigeröderin gegenüber der Harzer Volksstimme. Im Display ihres Telefons habe die korrekte Nummer des Revierkommissariat in Wernigerode geblinkt - nur eines war auffällig: „Am Ende stand eine zusätzliche Eins.“ Stutzig geworden sei sie wegen des rheinischen Dialektes der Stimme am anderen Ende der Leitung. Deshalb habe sie sofort die echte Polizei verständigt.

Drei Fälle in Wernigerode

„Wir gehen davon aus, dass ein Trickbetrüger über einen Computer diese täuschend echte Telefonnummer generiert“, erläutert Bettina Moosbauer vom Polizeirevier Harz auf Nachfrage. Möglicherweise agiere der Täter aus dem Ausland. 2018 seien der Behörde bereits drei solcher Betrugsfälle aus Wernigerode gemeldet worden.

Doch die Dunkelziffer ist vermutlich weitaus größer. „Das ist für uns ein Problem, da wir nicht das ganze Ausmaß abschätzen können“, so die Verantwortliche für Kriminalitätsprävention in Vertretung im Harzer Revier. Für die Polizisten sei das wichtig, um Parallelen zu erkennen – etwa eine markante Stimme.

Polizeistreifen bei Betroffenen

„Der Täter hat fast keinen Aufwand – alle nötigen Daten der Opfer kann er aus Telefonbüchern und im Internet schnell recherchieren“, warnt Bettina Moosbauer. Die Betrüger scheinen gezielt nach altdeutschen Namen zu suchen, hinter denen sie leichtgläubige Senioren vermuten.

Ungewöhnlich sei vor allem die Tatzeit. „Meist versuchen Trickbetrüger ihr Glück tagsüber. In Wernigerode gingen alle Anrufe aber erst nach 18 Uhr ein“, sagt Bettina Moosbauer. Auf die abendlichen Betrugsversuche habe die Harzer Polizei mit zusätzlichen Streifen vor den Häusern der Betroffenen reagiert. „Bislang konnten die Telefonbetrüger im Bereich unseres Reviers Gott sei Dank kein finanziellen Schaden anrichten“, so die Polizistin.

Die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord rät bei verdächtigen Anrufern dazu, niemals am Telefon über seine persönlichen und finanziellen Verhältnisse zu sprechen. Die Betrüger fragten häufig danach, ob ihre Opfer Bargeld, Schmuck oder andere Wertgegenstände im Haus haben oder forderten sie auf, Geld zu überweisen, insbesondere ins Ausland.

Falsche Polizisten auch in Magdeburg

Die neue Betrugsmasche sei auch schon in Magdeburg aufgefallen, teilt die Polizeidirektion mit. Dort versuchten Trickbetrüger in fünf Fällen bis Ende Januar, vorwiegend ältere Leute um ihre Ersparnisse zu bringen. Die Täter riefen meist unter der Notruf-Nummer 110 an und erkundigten sich, ob Wertsachen in der Wohnung seien. Man müsse diese in Sicherheit bringen oder Spuren sichern. Gleich stünde deshalb ein weiterer Beamter vor der Haustür stehen, um die Wertsachen in Empfang zu nehmen.