Hasselfelde l Der Platz an der Mainstreet ist gut gefüllt. Dicht an dicht stehen die Zuschauer am Zaun – die große Wild-West-Show startet jeden Moment. Von der Angst vor Corona ist an diesem Sonntagnachmittag, 31. Mai, nichts zu spüren. Es ist das erste Wochenende, an dem die Westernstadt Pullman City Harz wieder öffnen darf. Acht Wochen nach dem ursprünglich geplanten Saisonstart – und mit dem Schlachtruf „Yee-haw“.

„Wir sind nicht die Polizei. Wir können keinen dazu zwingen, den Abstand einzuhalten“, kommentiert Geschäftsführer Wolfgang Hagenberger die Bilder. „Man muss den Leuten die Freiheit zumuten, das selbst zu entscheiden.“ Und diese hätten genug von Corona, wie ihr Verhalten zeige. „Wir weisen in Durchsagen immer wieder auf die Abstandsregeln hin. Aber die Leute lachen nur darüber“, erklärt er.

Das, was die Westernstadt beitragen könne, werde aber umgesetzt, betont er. So gelten in den Geschäften eine Personenbeschränkung und die Pflicht, Mund-Nasen-Bedeckungen zu tragen. Hinweisschilder erinnern an die Hygienevorschriften und Abstandsregeln, Desinfektionsspender sind angebracht worden. Darüber hinaus habe sich nicht wirklich etwas im Vergleich zur Vorsaison verändert, erzählt Hagenberger. „Wir versuchen, unser normales Programm zu fahren, wie wir es seit 20 Jahren tun, sodass die Leute einfach einen schönen Ausflug genießen können.“

Bilder

Besucher aus der Börde in Hasselfelde

So wie Sarah und Clemens Meißner aus Barleben bei Magdeburg. Zusammen mit Sohn Tom und Tochter Lina ist das Paar bereits zum zweiten Mal in die Westernstadt gereist, hat sich hier mit einer befreundeten Familie aus dem Bördedorf Ivenrode verabredet. „Wir haben auf Facebook gelesen, dass es an diesem Wochenende um Westernpferde geht. Und dann haben wir uns spontan überlegt, hierher zu kommen“, erzählt Sarah Meißner. „Es ist schön, dass es die Möglichkeit wieder gibt. Und wir haben auch nicht so viele Bedenken, weil wir hier vor allem draußen sind und es sich auch gut verläuft.“

Hohe Verluste

Für Wolfgang Hagenberger ist das 200.000 Quadratmeter große Areal auch einer der großen Vorteile hinsichtlich der Umsetzbarkeit der derzeitigen Vorgaben. Gleichzeitig bedeute das aber auch erhöhte Kosten bei gleichzeitig hohen Verlusten. Denn während Einnahmen aus Hotellerie, Gastronomie und Tageskasse fehlten, hätten Belegschaft und Tiere weiterhin versorgt werden müssen. „Ich habe trotzdem von meinen knapp 25 festen Mitarbeitern keinen in Kurzarbeit geschickt. Außer, es wurde vereinzelt aus familiären Gründen gewünscht“, betont der Geschäftsführer.

Um die laufenden Kosten während der Zwangspause zu decken, habe die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bereits eine halbe Million Euro bereitgestellt. Und die sei bereits weg. „In Summe habe ich sogar eine knappe Million als Verlust. Jetzt muss ich sehen, wie die restliche Saison läuft, ob die Leute sich weiterhin raustrauen und was wir abfangen können“, sagt Hagenberger. „Wir werden definitiv mit einem Verlust rausgehen, es ist nur die Frage, wie hoch er sein wird. Mein Ziel ist es, uns aus eigener Kraft wieder hochzurappeln, ohne dass wir einen zweiten Kredit benötigen.“

Corona-Lockerungen entspannen Lage

Vor zwei Wochen war er noch nicht so zuversichtlich, sprach sogar von einer drohenden Insolvenz, sollte er noch bis Mitte Juni schließen müssen. „Zu der Zeit konnte ich das nicht anders abschätzen, weil es seitens der Regierung und Behörden keinen Fahrplan gegeben hat. Mit der Aussicht auf weitere Lockerungen hat sich einiges entspannt“, zeigt er sich versöhnlicher.

Die Unsicherheit trieb auch die engagierten Showacts um, wie Erich Busch bestätigt. Seit 13 Jahren ist der Pferdewirt und Westernreittrainer aus Nordrhein-Westfalen zu Pfingsten in Hasselfelde. Täglich ist er mit zwei Auftritten präsent. „Wir haben alle lange darauf gewartet. Vor 14 Tagen haben wir nicht mal gewusst, ob es stattfindet“, erzählt er. Das belaste zusätzlich zu der finanziellen Komponente. Schließlich habe er wochenlang keine Kurse geben können, während die Pferde dennoch versorgt werden wollten. „Ich merke den Frust aber auch bei den Zuschauern, dass das alles mal vorbei sein könnte“.

Tageseinnahmen um 30 Prozent gesunken

Das Pfingstwochenende scheint zumindest ein Anfang zu sein. Laut Wolfgang Hagenberger sind die Tageseinnahmen im Vergleich zum 2019 zwar um 30 Prozent zurückgegangen, dennoch ist er zufrieden. „Uns hätte es viel schlimmer treffen können. Wenn wir beispielsweise erst nach Pfingsten hätten öffnen dürfen oder schlechtes Wetter gewesen wäre. Es wusste ja auch keiner, wie verunsichert die Leute sind“, erzählt er.

Die Realität habe dann für Erleichterung gesorgt, nicht nur an der Tageskasse. „Wir haben ja auch alle Buchungen in der Hotellerie bis Ende Mai stornieren müssen. Innerhalb von zwei Tagen war es wieder voll“, freut er sich. „Ich hoffe, dass sich jetzt alles noch weiter entspannt und die Virologen mit der Prognose einer zweiten Welle Unrecht haben“, meint der Westernstadt-Geschäftsführer. „Dann kann ich mir vorstellen, dass wir zu alter Stärke zurückkehren.“