Wolmirstedt l Irmgard Höfler ist 84 Jahre alt und lebt schon lange in Farsleben und zwar so, wie es sich viele Senioren erträumen: bei der Familie ihrer Tochter. Doch irgendwann waren ihr die Treppen im Haus zu viel. Für Irmgard Höfler stand fest: „Wenn die Wohnanlage fertig ist, ziehe ich ein.“

Damit meinte sie die Seniorenwohnanlage An der Kegelbahn, die ganz in der Nähe gebaut wurde. Als die erste Wohnung bezugsfertig war, setzte sie ihren Entschluss um. Am 1. Januar 2018 zog sie als erste Mieterin ein.

Wohnungen waren gefragt

Auch die anderen zehn Wohnungen der beiden Reihenhauszeilen waren gefragt, ebenso vier weitere im alten Konsum, es gibt keine freien Kapazitäten mehr. Deshalb möchte Bauherr Mike Steffens den Wohnpark südlich der Hauptstraße im hinteren Bereich erweitern, also in Richtung Südwesten. „Bis wir beginnen, dauert es aber noch“, dämpft Mike Steffens schnelle Erwartungen. Sobald es losgeht, können dort weitere Reihenhäuser, aber auch Doppelhäuser oder Einfamilienhäuser entstehen.

Derzeit wird der Entwurf für den Bebauungsplan in den politischen Gremien beraten und abgestimmt. Mike Steffens sitzt für die KWG Börde im Stadtrat, kann also selbst nicht mit abstimmen.

Doch was hält Senioren in Farsleben, obwohl es dort weder einen Dorfkonsum oder Arzt gibt? Warum bleiben sie, obwohl sie für Besorgungen und medizinische Betreuung immer auf Verkehrsmittel angewiesen sind?

Viele Kurse besucht

Irmgard Höfler hat eine klare Antwort: „Ich gehe zu Webers Hof.“ Zwar hat Corona dieses Veranstaltungsjahr seit März lahmgelegt, aber davon abgesehen besucht sie im kulturellen Zentrum des Ortes, im alten Vierseitenhof regelmäßig den Sportkurs, den Kartenspielnachmittag, die Feste. Und sie geht nicht allein. „Eigentlich gehen alle Bewohner unserer Wohnanlage gemeinsam. Wenn wir kommen, heißt es bei den Weberanern: Jetzt kommt die Kegelbahn.“

Wer aber sind „die Weberaner“? Geht es um die Seniorenbetreuung, sind das Marita Knackmuß und ein Team rühriger Farsleberinnen. Zum Stamm gehören Anita Ambach, Doris Kaschlaw, Karin Buhe und Petra Gänger. Auch Ortsbürgermeister Rolf Knackmuß ist mit von der Partie, bei Bedarf helfen weitere Mitglieder des Kulturvereins Webers Hof. Sie alle sorgen ehrenamtlich dafür, dass sich Menschen, die nicht mehr im Berufsleben stehen, treffen und Kontakte pflegen können.

„Ich mache die Seniorenbetreuung sehr gern“, begründet Marita Knackmuß das Engagement, „die Senioren sind sehr dankbar und das stimmt mich glücklich und froh.“

Fürs Leben sorgen

Trotzdem: Ältere Menschen, die nicht mehr mobil sind, müssen für ihr tägliches Leben sorgen. Immerhin gibt es zwei Frisöre im Ort, einmal in der Woche hält ein Fischwagen. Um alle anderen Bedürfnisse zu erfüllen, setzt Irmgard Höfler auf die Familie. „Am Wochenende fahre ich mit meiner Tochter einkaufen“, sagt sie. An Wochentagen steigt sie bei Bedarf in den Bus. Auf die Hilfe der Familien und Nachbarn können offenbar alle älteren Bürger Farslebens zählen.

Manche sind aus anderen Städten in die Seniorenwohnanlage gezogen, um in der Nähe ihrer Kinder zu leben, die schon länger in Farsleben wohnen. Der Wolmirstedter Ortsteil scheint bei jungen Familien beliebt zu sein. Doch wer sich ansiedeln will, braucht Glück. Freie Bauplätze sind Mangelware, größere Wohnneubaugebiete sind nicht geplant. „Es gibt lediglich ein paar Baulücken“, bestätigt Rathausmitarbeiterin Doris Bunk.

Senioren, die in die barrierefreie Wohnanlage ziehen, haben bisher sofort junge Farsleber gefunden, die ihre Häuser kaufen. Ähnliches hat auch Irmgard Höfler erlebt. „Als ich ausgezogen bin, hat sich der Enkel die Wohnung schön ausgebaut.“

Aus Idee wurde Wirklichkeit

Dass das Wohngebiet „An der Kegelbahn“ eine Seniorenanlage wurde, ist im Grunde einer Frotzelei entsprungen. „Wir saßen hier oft auf der Wiese zusammen“, erzählt Mike Steffens, „und es gab ein paar ältere Farsleber, die vorbeigekommen sind und immer wieder gefragt haben, was aus dem Gelände werden soll.“ Eher im Scherz habe er geantwortet. „Das wird'n Pflegeheim.“ Doch irgendwann fragte jemand, ob das ernst gemeint sei. „Eigentlich nicht“, sagt Mike Steffens, „aber dann hat sich die Idee der Seniorenwohnanlage entwickelt.“

Irmgard Höfler ist froh, nun in einem Reihenhaus ohne Stufen zu leben, den Tag auch im hohen Alter selbstbestimmt zu gestalten: „Hier bin ich mein eigener Herr.“ Trotzdem freut sie sich schon auf die Zeit, in der es wieder möglich ist, sich mit den anderen Webers Hof zu treffen. Diese Vorfreude teilt auch Marita Knackmuß. Damit der Kontakt bis dahin nicht abreißt, ist die Seniorenbetreuerin längst in ihrer Weihnachtswerkstatt aktiv. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit verrät sie: „Weihnachten gibt es eine Überraschung.“