Kritik am Gemeindemodell hält an:

Lindauer Ortsbürgermeister Seidler hätte gern mehr Rechte für die kleinen Ortschaften um Zerbst

Die Bildung der Einheitsgemeinde würde der Lindauer Ortsbürgermeister Helmut Seidler am liebsten wieder rückgängig machen. Er erhofft sich von der Landespolitik mehr Lockerungen in der Zukunft.

Von Thomas Höfs
Die ehemalige Sekundarschule in Lindau steht seit Jahren leer. Gern würde der Ortsbürgermeister das Gebäude für die Grundschule und den Hort mit nutzen.
Die ehemalige Sekundarschule in Lindau steht seit Jahren leer. Gern würde der Ortsbürgermeister das Gebäude für die Grundschule und den Hort mit nutzen. Foto: Thomas Höfs

Lindau - „Ich bin gegen die Einheitsgemeinde. Das können Sie ruhig schreiben“, sagt Helmut Seidler. Der Lindauer Ortsbürgermeister kann sich auch nach mehr als einem Jahrzehnt in der Einheitsgemeinde nicht für das Verwaltungsmodell erwärmen. Der Verlust der Finanzhoheit in der eigenen Kleinstadt wiegt für ihn immer noch schwer.

Jahre bevor der Breitbandausbau zum allgemeinen Thema in der Politik wurde, hatte Helmut Seidler das Thema bereits abgeräumt und Lindau mit schnellen Datenkabeln erschließen lassen, erinnert er gern. So konnten die Einwohner der Kleinstadt unter der Burg längst auf der Datenautobahn surfen, als in anderen Orten noch über die Erschließung diskutiert wurde. Die vergangenen Jahre in der Einheitsgemeinde habe ihm vor allem gezeigt, dass die Ortschaften Ausdauer brauchen, wenn sie etwas erreichen wollen. Über lange Wege stöhnt nicht nur Helmut Seidler, sondern auch andere Ortsbürgermeister.

Standorte der Grundschulen kommen ins Wanken

Wäre die Kleinstadt noch selbstständig, hätte er schon längst die Grund- und die ehemalige Sekundarschule zu einem gemeinsamen Schulzentrum gemacht. Doch seit Jahren bewegt sich an der Stelle nichts. Im Gegenteil. Die Standorte der Grundschulen in den Ortschaften im Umland kommen ins Wanken, weil in den Orten weniger Kinder geboren werden.

Dabei liege für den Erhalt der Schulstandorte ein einfaches Rezept auf der Hand, weiß er. Die Nachfrage nach Baugrundstücken könne junge Familien anlocken und damit die Schulen wieder ebenso sicher machen wie die Kindergärten. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass längst nicht mehr alle abhängig Beschäftigten täglich in einem Büro vorbeischauen müssen, sondern auch aus dem heimischen Arbeitszimmer berufstätig werden können, ohne jeden Tag weite Strecken mit dem Auto zu fahren. Die Nachfrage nach Baugrundstücken kann die Stadt allerdings in den Ortschaften kaum befriedigen. Zahlreiche Orte sind hier gleichermaßen betroffen, wie die Ortsbürgermeister schildern. Und es dürfte noch eine Weile dauern, bis neue Baugebiete erschlossen und nutzbar sein werden, ahnt Helmut Seidler, der dem Bauausschuss des Stadtrates vorsteht.

Infrastruktur in den Ortschaften muss verbessert werden

Die hohen Grundstücks- und Immobilienpreise in den größeren Städten und Ballungsgebieten lassen die Familien nach günstigeren Alternativen suchen. Das Zerbster Umland, bislang eine Region, in der die Bevölkerung zunehmend älter wurde und sich die Zahl der Einwohner in den Ortschaften auf natürliche Weise reduzierte, ist dabei in den Blickpunkt geraten. Kleine Baugebiete entstehen bereits in einigen Orten. Doch es könnten noch mehr sein, um die Infrastruktur in der Fläche zu erhalten, sagt Helmut Seidler. „Wenn wir noch selbstständig wären, hätten wir hier schon viele Dinge auf den Weg gebracht“, sagt er immer wieder.

Die Einheitsgemeinde habe aus seiner Sicht die Wege und Entscheidungen verlängert. Auf die Frage, ob er noch einmal einer Hochzeit mit einer anderen Kommune zustimmen würde, verneint er.

Rückblickend wäre es besser gewesen, man hätte den kleinen Orten die Bildung einer Verbandsgemeinde genehmigt. Bei dieser Form der kommunalen Zusammenarbeit bleiben die Kommunen finanziell selbstständig und behalten einen eigenen Haushalt. Die Verwaltungsleistung wird zwar ebenso zentral erbracht. Das Modell ähnelt aber der früheren Verwaltungsgemeinschaft. Allerdings werden auch hier die Einrichtungen zentral von der Verbandsgemeinde betreut und finanziert. Die Kommune müssen für die Erbringung der Verwaltungsaufgaben eine Umlage zahlen.

Unzufriedenheit in kleinen Orten vorhanden

Hoffnungen hat der Lindauer Ortsbürgermeister, dass die nächste Landesregierung sich mit dem Zustand der Einheitsgemeinden beschäftigt. Die Unzufriedenheit sei vorhanden in den kleinen Orten, begründet er. Er könne sich vorstellen, dass in Zukunft die Ortschaften wieder mehr Mitspracherechte erhalten und mehr mitgestalten können, erzählt er.

Die Erfahrung habe gezeigt, dass die kleinen Orte bei der Entwicklung nach der Wiedervereinigung in der Regel sehr schnell und flexibel waren. Warum sollte dieses Potenzial in der Zukunft nicht genutzt werden, fragt er. Schließlich wüssten die Menschen vor Ort, was gut für ihren Ort ist. Dann würde wahrscheinlich auch wieder mehr investiert in die Ortschaften, hat er einen Überblick über die Investitionen. Aktuell, kritisiert er, gehe das meiste Geld in die Stadt. Dafür blieben Projekte in den Orten liegen oder müssten weiter in die Zukunft verschoben werden.