Köthen/Zerbst. Seit geraumer Zeit wird in einigen Städten eine kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs für Schüler diskutiert. Scheinbar einziges Problem sind die Kosten. Der Kreistag hat nun am Donnerstag ein Modellprojekt beschlossen, dass Schüler ab 1. Januar mit einer Schülernetzkarte kostenlos den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nutzen können – allerdings nur den Bus.

Das Ticket ist ein neues Tarifprodukt des Verkehrsunternehmens Vetter für alle 6 bis 25-jährigen Schüler und Azubis. Der Landkreis übernimmt die Kosten für diese Tickets, Voraussetzung: Die Kinder und Jugendlichen müssen die 1. bis 10. Klasse und die nächstgelegene Schule besuchen. Der Landkreis zahlt die Netzkarte also nicht für Azubis und Schüler ab der 11. Klasse. Für sie ist die Schülernetzkarte im Freiverkauf erhältlich. Sie kostet im Abo monatlich 31 Euro. Aber auch hier wird ein Teil der Kosten übernommen. Der Eigenanteil beträgt 100 Euro im Jahr.

Projekt läuft bis Juli 2023

Das Projekt soll laut Beschlussvorlage zunächst bis zum 31. Juli 2023 laufen. Hintergrund: Der Mitteldeutsche Verkehrsverbund (MDV) erweitert ab dem 15. Dezember sein Tarifgebiet. Der MDV-Tarif gilt dann auch in den S-Bahnen und Regionalzügen nach Dessau-Roßlau und in die Landkreise Anhalt-Bitterfeld und Wittenberg und ersetzt den bisherigen Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg-Tarif (ABW).

Aus diesem Grund erfolgt seitens der Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH (NASA) ab 16. Dezember keine Fortführung der Kooperationsvereinbarung im Rahmen des ABW-Tarifs. Dieser wird bisher hauptsächlich von Schülern und Auszubildenden in Anspruch genommen. Die Stadt Dessau-Roßlau, der Landkreis Wittenberg sowie der Landkreis Anhalt-Bitterfeld beauftragten ein externes Fachunternehmen mit der Prüfung von möglichen Alternativen zum ABW-Tarif.

Kreis trägt Zusatzkosten von 400.000 Euro

Letztlich habe man sich für die Schülernetzkarte entschieden, auch um den zusätzlichen Finanzierungsaufwand des Landkreises in Höhe von 400.000 Euro jährlich einer größeren Zielgruppe im gesamten Landkreisgebiet zukommen zu lassen, heißt es in der Beschlussvorlage.

Die Schülernetzkarte berechtigt zur Nutzung des gesamten festen und flexiblen Fahrplanangebotes – auch des Rufbusses – in allen Tarifzonen des Landkreises für zwölf Kalendermonate. Darüber hinaus können die Kinder und Jugendlichen das kostenlose Angebot auch außerhalb der Schulzeit nutzen – auch in den Ferien, sieht die Beschlussvorlage weiter vor.

Werbung für den Nahverkehr

Weiter heißt es in dem Papier: „Da durch die Einführung einer Schülernetzkarte ausschließlich die betroffenen Schüler und Auszubildenden des Landkreises profitieren, erweist sie sich als effektvollere Alternative zum MDV-Beitritt. Die Schülernetzkarte ist zudem leicht verständlich und einfach zu handhaben. Es ist damit die Hoffnung verbunden, die Nutzungshäufigkeit im ÖPNV, insbesondere in der Freizeit sowie in den Ferien, zu erhöhen und die Kinder und Jugendlichen somit dauerhaft an öffentliche Verkehrsmittel heranzuführen.“

„In enger Zusammenarbeit mit dem Busunternehmen Vetter macht der Landkreis mit der Schülernetzkarte einen weiteren großen Schritt in Richtung Familienfreundlichkeit und familienfördernde Unterstützung im Bereich des öffentlichen Personennahverkehrs“, so Uwe Hippe, verantwortlich für Wirtschaftsentwicklung und ÖPNV in einer Pressemitteilung. Mit diesem kostenlosen Angebot für die Schüler sei der Landkreis Anhalt-Bitterfeld Vorreiter im Land Sachsen-Anhalt, so Hippe.

Freie Fahrt quer durch den Kreis

Mit der Schülernetzkarte haben ab dem kommenden Jahr Schüler die Möglichkeit, den Bus im Landkreis kostenfrei und zu jeder Zeit zu nutzen. Das heißt, die Schülernetzkarte kann nicht nur für die Fahrt zur Schule und zurück, sondern auch beispielsweise zu Veranstaltungen im Kreisgebiet oder zu Freizeiteinrichtungen von den Kindern und Jugendlichen genutzt werden.

Lokalpolitiker aller Parteien aus Anhalt hatten sich Ende vergangenen Jahres in einer Volksstimme-Umfrage für ein generell kostenloses Schülerticket ausgesprochen, das sowohl für Bus und Bahn gilt und auch Azubis einschließt. Probleme sehen die Parlamentarier allerdings bei der Finanzierung eines solchen Tickets. Andreas Dittmann, Fraktionsvorsitzender der SPD im Kreistag, schätzte die Kosten für ein solches Angebot auf etwa zwölf Millionen Euro jährlich.

Diskussionen auch in anderen Städten

„Ein kostenloses Schülerticket macht zudem nur Sinn, wenn es neben dem Schülerverkehr tatsächlich ein zusätzliches Bus-Angebot gäbe und dieses nicht ständig weiter ausgedünnt und auf Rufbusse umgestellt wird“, brachte es Landtagsmitglied Holger Hövelmann (SPD) auf den Punkt.

Ausgelöst hatte die Diskussion die Hansestadt Rostock, wo Schüler ab 2020 kostenfrei Busse und Bahnen nutzen können. Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) möchte nun ebenfalls ein kostenloses Schülerticket ab 2020 einführen. Auch der Magdeburger Stadtrat beschäftigte sich bereits mit diesem Thema.