Schon wieder ist ein Jahr vorbei, und Gertrud Thurau ist kaum älter geworden. Ihren 103. Geburtstag feierte die Bergzowerin gestern. Klar, dass auch diesmal Landrat und Bürgermeisterin sowie viele andere Gäste kamen, um zu gratulieren.

Bergzow l Sie scheint es selbst kaum fassen zu können, dass sie bereits ein so stolzes Alter erreicht hat. Gertrud Thurau lässt die Gratulationscour tapfer über sich ergehen und meint, das wäre nun wohl das letzte Mal. "Nein, nein", widerspricht da eine der Nachbarinnen. "Zu uns hat sie vorhin gesagt, ihren 105. Geburtstag feiert sie im Saal!" Das wäre gut vorstellbar, denn noch immer ist Gertrud Thurau fiter als manche 80-Jährige oder auch 70-Jährige. Und das bescheinigt ihr ohne zu zögern auch ihre Hausärztin Elke Aßmann, die ebenfalls zu den Gratulanten gehörte. Wie oft sie in die Sprechstunde kommt? "Höchstens dreimal im Jahr!" Nichtmal eine Schmerztablette wolle sie nehmen, wenn\'s mal gar zu sehr zwickt in den Gelenken, betont ihre Tochter Christa Urbanczik.

Worin das Geheimnis ihrer Gesundheit bis in dieses hohe Alter liegt, darüber mag weiter gerätselt werden. Fest steht: Geschont hat sie sich nie. Das konnte sie gar nicht. Die gebürtige Bergzowerin war kaum 18 Jahre alt, als sie ihre Mutter verlor. Fortan musste sie sich um den Haushalt und ihre vier jüngeren Geschwister kümmern und hat auch noch in der Landwirtschaft gearbeitet. Eine Zeitlang war sie auf dem Gut in Parey, kam 1949 aber wieder zurück nach Bergzow. Auch ihren Mann hatte sie früh verloren, schon 1971.

Ausgeholfen hat sie in der Landwirtschaft noch, bis sie 78 Jahre alt war. "Da hat sie noch jeden Herbst bei Parchen auf der Kartoffelklapper gesessen!" Erst mit 79 habe sie gesagt: "Jetzt ist es genug!" Zu ihrem 70. Geburtstag ist noch "die ganze LPG" zum Gratulieren gekommen.

Viele Jahrzehnte hat Gertrud Thurau wegen des frühen Todes ihres Mannes allein gelebt und wohnt auch heute noch allein in ihrem Haus, jedoch ganz in der Nähe von Tochter und Schwiegersohn, bei denen sie Mittag isst und die sich auch sonst gut um sie kümmern.

So richtig gut auf den Beinen ist sie nicht mehr wie noch vor ein, zwei Jahren. Bis dahin hatte sie auch ihren Garten noch selbst bestellt. Dort weiden nun Pferde, und Gertrud Thurau "muss" sich damit begnügen, gelegentlich rund ums Haus Unkraut zu hacken.

Tatsächlich hat sie auch erst seit dem vergangenen Jahr die Pflegestufe 1, weil sie nun doch schon etwas mehr Betreuung braucht. Und im September war sie auch schon mal für elf Tage im "Kastanienhaus" in Güsen zur Urlaubspflege, weil Tochter und Schwiegersohn verreist waren. "Es hat ihr gut gefallen", erzählen diese. "Aber ganz dort bleiben will sie noch nicht. Dafür ist sie noch zu rüstig!"

Geburtstag gefeiert wird am Sonnabend. Dann kommt die ganze Familie. Zwei Enkel und zwei Urenkel gehören dazu. Und auch Gertrud Thuraus Schwester - die einzige, die noch lebt - wird aus Berlin kommen. Sie ist inzwischen 94 Jahre alt.

Als Gertrud Thurau gestern zum Abschied noch einmal sagte, dass dies wohl ihre letzte Geburtstagsfeier sein würde, meinte Bürgermeisterin Jutta Mannewitz: "Sie brauchen doch gar nicht zu feiern. Wir kommen trotzdem!"

Dem konnte sich Landrat Lothar Finzelberg nur anschließen, denn ihn überraschte die 103-Jährige damit, dass sie das Gedicht auf seinem Gratulationsschreiben ganz allein laut vorgelesen hat.