24 Stolpersteine für die Angehörigen
von neun Magdeburger Familien werden am heutigen Dienstag im Gedenken
an ehemalige Mitbürger verlegt, die zu Zeiten des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden. Die mit Messingplatten und Lebensdaten
versehenen Pflastersteine kommen an den ehemaligen Wohn- oder
Arbeitsorten der Opfer - von dort aus erfolgte die Deportation - in den
Boden. Magdeburger sind zum gemeinsamen Gedenken vor Ort eingeladen.

Die Termine und Orte der heutigen Stolperstein-Verlegung/ Die Menschen, denen das Gedenken gilt:
- 14 Uhr, Thiemstraße/ Ecke Karl-Schmidt-Straße: für Dr. Rudolf Löwenthal und Laura Löwenthal geb. Blumenthal (Vier in den USA beheimatete Urenkel des jüdischen Arztehepaares sind eigens
nach Magdeburg angereist, um der heutigen Zeremonie beizuwohnen. Die
Stolpersteine für Löwenthals wurden gespendet von fünf Protestanten aus
dem niederländischen Gouda, die über ihre Gemeinde engen Kontakt zur
Magdeburger St. Michaelsgemeinde haben. Auch sie sind heute in Magdeburg zu Gast.)


- ca. 14.30 Uhr, Breiter Weg/ Ecke Leiterstraße: für Dr. Martin Reinhold und Ella Blumenthal


(Für das Gedenken an den jüdischen Zahnarzt und seine Frau recherchierten
und sammelten die Verdi-Senioren mit Sitz am Breiten Weg 193/194. Einst
war Familie Reinhold hier zu Hause.)


- ca. 14.50 Uhr, Goldschmiedebrücke: für Anna Drechsler geb. Zauderer, Kalman Drechsler und Wolfgang Drechsler


- ca. 15.20 Uhr, Weitlingstraße/gegenüber der Einmündung Peterstraße: für Itte Zauderer geb. Juran, Klara Zauderer und Rosa Zauderer (Ein junger Nachfahre der miteinander verwandten jüdischen Familien Drechsler/Zauderer war unlängst über den deutsch-israelischen
Jugendaustauschdienst in Magdeburg zu Gast. Dieser Umstand war Anlass,
sich dem Schicksal dieser Familien zu nähern. Schüler des
Schollgymnasiums und der Francke-Schule sowie der Jugendaustauschdienst
recherchierten die Familiengeschichte und sammelten Spenden für die
Stolpersteine.)


- ca. 15.50 Uhr, Peterstraße: für Samuel Nemlich, Chaja Menia Nemlich geb. Silberschein, Israel Nemlich,
Jakob Nemlich und Leopold Nemlich (Mit dem Schicksal dieser jüdischen Familie in Magdeburg befassten sich im
Vorfeld des Gedenkens Schüler des Ökumenischen Domgymnasiums und
spendeten für die Stolpersteine.)


- ca. 16.20 Uhr, Listemannstraße/Ecke Weitlingstraße: für Max Friedländer und Margot Friedländer (Der Jude Max Friedländer war Zahnarzt in Magdeburg.)


- ca. 16.45 Uhr, Hohepfortestraße/Ecke Pfälzer Straße: für Fritz Arnold Kruse (Der Magdeburger wurde von den Nazis wegen seiner Homosexualität ins KZ
deportiert und ermordet. Für das Gedenken an ihn spendete die Linke-Landtagsabgeodnete Helga Paschke den Stein.)


- ca. 17.15 Uhr, Lübecker Straße/Höhe Neustädter Friedhof: für Stadtrat Eugen Petzall, Elli Petzall geb. Sander, Alice Schüler geb.
Cohn-Petzall und Ernst Schüler (Der Jude Eugen Petzall war von 1912 bis 1919 Stadtverordneter in Magdeburg und Theaterdezernent von 1926 bis 1929)


- ca. 17.50 Uhr, Tucholskystraße: für Hans August Knüppel (Der Magdeburger wurde von den Nazis wegen seiner Homosexualität ins KZ
deportiert und ermordet. Für das Gedenken an ihn spendete der Ottersleber Gemeindepfarrer Ronny Hillebrand den Stein.)


Lesung, 18.30 Uhr, Rathaus, Gotisches Zimmer: Anlässlich der Stolperstein-Verlegung liest Alexander Zinn aus "Das Glück kam immer zu
mir: Rudolf Brazda - das Überleben eines Homosexuellen im Dritten
Reich".

Seit 2007 werden in Magdeburg sogenannte Stolpersteine verlegt. Jeder Stein markiert das schlimme Schicksal eines ermordeten Magdeburgers. 286 dieser Steine sind bereits über die Wege und Plätze der Stadt verteilt. 24 neue kommen heute hinzu.

Magdeburg l Pflastersteine mit Messingoberflächen - darauf graviert Namen mit Geburts- und Sterbedaten als Botschaft von einem viel zu kurzen Menschenleben - werden heute einmal mehr auf Magdeburger Wegen verlegt. Sie gelten Männern, Frauen und Kindern, die mitten aus dem Leben gerissen wurden: abgeführt, deportiert, interniert, ermordet. Weil sie Juden waren, Sinti oder Roma, homosexuell, oppositionell oder behindert; Opfer des Nationalsozialismus. Der Feind wohnte gleichsam oder bisweilen ganz wirklich nebenan. Magdeburger führten Magdeburger ab und in den Tod. Diesen schlimmen Umstand verbildlichen die Stolpersteine in besonders eindrucksvoller Weise, da sie uns an ebenjenen Orten mitten in der Stadt in den Weg gelegt werden, von denen weg die Menschen ins Verderben abtransportiert wurden.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig erdachte in den 1990er Jahren diese Art der Mahnung und schnell machte sie bundesweit Schule. Ihre Umsetzung in Magdeburg geht auf eine Initiative der Grünen im Stadtrat zurück. Sie hinterlässt ihre Spuren längst nicht nur auf den Straßen der Stadt, sondern vielmehr noch in den Köpfen der Städter. Hunderte Magdeburger Schüler haben sich inzwischen detailliert mit den Geschichten der Opfer befasst, in Archiven recherchiert, Angehörige angehört und für das Gedenken an die Ermordeten Spenden gesammelt. Sämtliche Stolpersteine (einer kostet 120 Euro) sind rein spendenfinanziert verlegt worden. Zu jedem Stein gehört eine Dokumentation über das Menschenschicksal, dessen er gedenkt; sie geht in ein "Magdeburger Gedenkbuch" ein.

Die mit langem Atem und auf Dauer angelegte Gedenkaktion zielt wider das Vergessen und trifft auf viel positive Resonanz auch aus dem Ausland. Regelmäßig reisen Angehörige von Magdeburger Nazi-Opfern von weither an, so auch heute vier Urenkel der einst in Magdeburg ansässigen Familie Martin und Ella Blumenthal. Ihre Nachfahren leben heute in den USA. So schlimm die Erinnerung an ermordete Familienmitglieder sein mag, so sehr freuen sich deren Kinder, Enkel und Urenkel vielfach darüber, dass sie bis heute nicht vergessen werden und nehmen die Stolperstein-Verlegung als einen Akt der Versöhnung heutiger Generationen dankbar an.

Zum heutigen Gedenken bei der Verlegung von Stolpersteinen für 24 ermordete Mitbürger - Angehörige von sechs jüdischen Familien und zwei Homosexuelle - sind die Magdeburger herzlich eingeladen.