Magdeburg l Würde man einem Fremden ein Foto von Elisabeth Wiesniwski zeigen, er dürfte sie auf ungefähr 80 Jahre schätzen, maximal 85. Statt tiefer Furchen zeichnen das Gesicht dieser 100-Jährigen nur flache Fältchen. Ihre Haut hat noch immer eine rosige Farbe. Cremetöpfchen haben daran keine Aktien. Genauso wenig hat sie früher mit gesundem Essen oder einem ehrgeizigen Sportpensum nachgeholfen. "Es liegt wohl an meinen Genen", sagt sie und fährt sich mit den Händen etwas schüchtern über die Wangen.

Die quirlige Art geht, der kleine Dickkopf aber bleibt

Ob es sie stolz macht, dass sie quasi wie ein junge Hüpfer aussieht? "Nö", sagt die Magdeburgerin und winkt hastig ab. Überhaupt ist Elisabeth Wiesniwski sehr bescheiden. Das zeigt auch diese Szene bei ihrer Geburtstagsfeier im Seniorenheim: Als Tochter Doris der alten Dame als Erste an der Tafel Kaffee einschenken will, zieht sie ihre Tasse weg. Die anderen könnten doch ruhig zuerst etwas bekommen, sagt sie. Dass an diesem Tag sie im Mittelpunkt steht, scheint ihr unangenehm.

Das rührt wohl noch von früher her. An erster Stelle stand für die geborene Oschersleberin stets die Familie. Für ihren Mann und die drei Kinder blieb sie lange Zeit zu Hause. Später arbeitete sie in einem Schokoladenwerk. Die viele Nascherei dort hat ihr übrigens bis heute den Appetit auf Schoki verdorben.

Zwei große Schläge musste Elisabeth Wiesniwski in ihrem Leben wegstecken: den Tod ihres Mannes und eines ihrer Söhne. Doch egal, was kam: "Für sie war das Glas schon immer halbvoll", sagt Tochter Doris. Bestimmt hat ihr das geholfen, so alt zu werden, vermutet sie.

Wenn sie über ihr Leben spricht, wirkt die 100-Jährige ganz schön verträumt. Vielleicht liegt es daran, dass es ihr mittlerweile schwerfällt, alles zu verstehen, was um sie herum passiert. Früher aber war sie anders, richtig quirlig. Da trällerte sie ständig vor sich her. Zusammen mit ihrem Mann sang sie sogar im Chor - sie Alt, er Tenor. Ganz verloren hat Elisabeth Wiesniwski ihren Hang zur Musik nicht. Wenn das Radio dudelt, summt sie manchmal immer noch leise mit. Und wenn sie in ihren bunten Zeitschriften das Neueste über Hansi Hinterseer liest, hält sie das nicht nur auf dem neuesten Stand der Volksmusikszene, sondern auch geistig fit.

Noch etwas hat sich die Magdeburgerin bewahrt: ihren kleinen Dickschädel. Mit dem hat sie sogar dem Tod getrotzt, als sie eine Zeit lang alle drei Monate ins Krankenhaus musste. Jetzt geht es ihr nämlich wieder besser. Dass sie ihn wohl noch ein bisschen pflegen wird, zeigt eine weitere kleine Szene an ihrem 100. Geburtstag: Die Heimküche hatte extra für sie Fisch gekocht, weil sie den so mag. Doch als die alte Dame sah, dass die anderen Bohnensuppe essen, war ihr der Fisch plötzlich völlig Wurst.