Sachsen-Anhalts Landesregierung und Großfirmen an der Saale wollen ihn - die Bundesregierung will ihn eher nicht. Gutachter stempeln einen Saalekanal als unwirtschaftlich ab. Nun hat das Land eine Gegenexpertise in der Schublade, die das Gegenteil behauptet.

Magdeburg l Der von der Bundesregierung beauftragte Gutachter Planco aus Essen fällt ein vernichtendes Urteil. "Die gesamtwirtschaftliche Rentabilitätsschwelle wird deutlich verfehlt" steht auf Seite 2 der 53seitigen Expertise über den Bau eines Saalekanals bei Calbe im Salzlandkreis. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis erreiche selbst bei optimistischer Betrachtung lediglich einen Wert von 0,58. Im Klartext: Für einen investierten Euro kommen läppische 58 Cent Nutzen heraus. Nun hat das Land eine Gegenexpertise vorliegen. Die Fachleute der LUB Consulting aus Dresden kommen im optimistischen Falle auf einen Wert von 2,0. Das heißt: Der Nutzen ist doppelt so hoch wie der Aufwand.

Auch mit diesem Wert schnellt der Kanalbau nicht an die Spitze der Prioritätenliste des Bundes (dafür bräuchte man einen Nutzfaktor von 3,0 und mehr), er könnte es aber immerhin in den nächsten, ab 2015 geltenden Bundesverkehrswegeplan schaffen.

Was realistisch ist, was nicht - das wollen Land und Bund in den nächsten Tagen ausfechten. Die Aufregung ist groß. Firmen an der Saale verstehen nicht, wie Planco auf so miese Werte komt. Verkehrsminister Thomas Webel (CDU) auch nicht, weswegen er sein Haus in Bewegung gesetzt hat, das Planco-Gutachten zu überprüfen. Vor allem die CDU steht bei der Wirtschaft im Wort.

Seit fast 20 Jahren warten Firmen in Bernburg darauf, Soda, Salz oder Zement über das kostengünstige Binnenschiff an die Häfen zu bringen. Sie alle sitzen an der Saale, haben aber dennoch keinen Anschluss ans Wasserstraßennetz. Ursache: Das Stück zwischen Calbe und der Einmündung in die Elbe bei Barby ist für Binnenschiffe nahezu unpassierbar. Zu engkurvig und flach ist die Saale hier. In einem Kanal aber würden die Schiffe die Engstelle umfahren. Das Projekt kam in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans. Das Raumordnungsverfahren gab 2008 grünes Licht. Die entscheidende Baugenehmigungsphase wurde jedoch immer wieder verschoben. Bis 2010 der Bund als Bauherr festlegte, ein weiteres Gutachten möge über den Fortgang entscheiden. Hält Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) an der Planco-Expertise fest, wäre der Kanal K.o.

2004, als Planco ein erstes Gutachen erstellte, lag der Nutzwert viel höher. Damals ging man von 1,4 Millionen Tonnen Güter aus. Heute sind es keine 0,6 Millionen Tonnen. Wieso?

Nicht einen Sack Zement

Ein Knackpunkt in Plancos Rechnung: Für die großen Firmen sei es betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll, Güter per Schiff ab Bernburg über die Saale zu den großen Häfen zu schippern. Denn: Auf dem Weg dorthin müssen die Schiffe durch die Elbe. Und die biete zwischen Barby und Magdeburg an vielen Tagen nicht genug Wasser, um mit voll bepackten Pötten und mithin wirtschaftlich nach Antwerpen oder Hamburg zu kommen. Selbst Schubverbände, die im flachen Wasser der Elbe deutlich mehr Last aufnehmen können als große Motorschiffe, machen die Rechnung nicht viel besser. Meint Planco. Und sagt: Es sei kostengünstiger, Soda oder Zement mit dem Laster nach Magdeburg zu fahren, dort im Hafen aufs Schiff umzuladen und dann über den Mittellandkanal in die großen Häfen zu bringen. Der Mittellandkanal bietet das ganze Jahr über ausreichend Wassertiefe. Für Soda-Hersteller Solvay etwa rechnet Planco so: Beim Schiffstransport ab Bernburg kostet die Tonne 23 Euro. Bei der Lkw-Schiff-Variante hingegen fielen nur Tonnen-Kosten zwischen 18 Euro und 22,50 Euro an - je nach Schiffstyp.Plancos Fazit: Solvay würde Null (!) Tonnen über einen Saalekanal transportieren.

Bernburgs Solvay-Werkleiter Thomas Müller ist baff. Er sagt der Volksstimme: "Diese Rechnung kann ich so nicht nachvollziehen." Solvay stellt Soda her, Grundstoff für Glas- und Waschmittelhersteller. Die Schiffs-Tonne kalkuliert seine Firma mit unter 20 Euro. "Auch nicht voll beladbare Schiffe sind günstiger als Lkw und Bahn", sagt Müller. Das Werk in Bad Wimpfen in Baden-Württemberg nutze auch das Schiff, obgleich auf dem Neckar nur kleinere Schiffe fahren können.

Johann Trenkwalder, Werkleiter von Schwenk Zement in Bernburg, meint zur Planco-Rechnung: "Die mag für heute stimmen, aber wie sich die Kosten in Zukunft entwickeln, wissen wir nicht." Er bleibt dabei: "Wir sind für den Kanal und geben eine Jahreskapazität von 500 000 Tonnen an." Die Alternative Bahn sei aus heutiger Sicht unlukrativ. Im Planco-Gutachten steht bei Schwenk eine Null.

Für Bernburg eine existenzielle Frage

Solvay meldet ein Jahres-Potenzial von knapp 300 000 Tonnen an, etwa die Hälfte der Jahresproduktion. Derzeit wird viel per Bahn zum Seehafen Wismar gebracht. Käme der Saalekanal, wäre der Schiffstransport von Bernburg via Magdeburg nach Antwerpen interessant. Käme er nicht? Müller: "Ich befürchte, dass diese Frage für den Standort mal existentiell sein könnte." Das internationale Großunternehmen hat in Deutschland sieben Werke. Alle haben Schiffsanschluss - außer in Bernburg.

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