Halle (dpa) l Mit den steigenden Corona-Infektionszahlen wird es für übergewichtige Menschen gefährlicher. "Auch wenn die Gründe vielschichtig sind, sind wir nicht ohne Grund zugleich mit Thüringen Spitzenreiter bei der Anzahl der übergewichtigen Personen", sagte die Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, Simone Heinemann-Meerz.

Auch in Sachsen-Anhalt sind den Angaben zufolge steigende Fallzahlen zu verzeichnen, das gehe aus den Krankenkassenberichten von 2003 bis 2016 hervor. Laut Meißner habe die Corona-Pandemie sicherlich nicht gegen die Verringerung der Adipositas geholfen. Dies seien jedoch nur Vermutungen, denn eindeutige Zahlen gebe es noch nicht für unsere Region.

"Das hat mit Sicherheit für die Betroffenen Folgen, die wir in den nächsten Wochen spüren werden", sagt die Leiterin des Adipositaszentrums im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle, Barbara Renz. In die Einrichtung in Halle kommen Menschen aus ganz Sachsen-Anhalt. "Jährlich führen wir 80 bis 100 bariatrische Operationen, also Magenverkleinerungen, durch", sagt Renz.

Im Durchschnitt wiegen die Betroffenen 130 bis 180 Kilogramm, wobei das Gewicht immer im Verhältnis zur Körpergröße steht. "Es suchen bei uns deutlich mehr Frauen als Männer Hilfe", sagt Renz. "Viele kommen, wenn sich ihr Kinderwunsch nicht erfüllt."

Es gibt verschiedene Auslöser

"Fettsucht ist eine Krankheit und die Gründe für extremes Übergewicht sind vielfältig", sagt Psychotherapeutin Anke Schmiedeberg. "Auslöser kann das soziale Umfeld, aber auch Depressionen und Angststörungen sein."

Psychische Probleme können auch nach der Operation auftreten. Wichtig ist eine lebenslange Nachsorge. Dazu gehört das Erlernen eines gesunden Essverhaltens verbunden mit Sportangeboten. Zudem müssen nach einer Magenverkleinerung bestimmte Vitamine, Mineralstoffe und Nahrungszusätze eingenommen werden, um Mangelernährung zu verhindern.

Aber wie kommt es zu einem extremen Übergewicht? "Es gibt verschiedene Phasen. Das fängt mit ein bisschen Übergewicht an", sagt der Leiter der Adipositas Selbsthilfegruppe der paritätischen Selbsthilfekontaktstelle Halle-Saalekreis, Thomas Heinrich, und erklärt: "Im Winter hat man vielleicht drei Kilo zugenommen und man tröstet sich, dass die Pfunde im Frühjahr wieder runter kommen, aber es passiert nichts."

Es geht weiter: Nach einem Jahr seien die Pfunde immer noch nicht weg, dann komme der nächste Winter. Die Betroffenen trösteten sich, das könne mit ein bisschen Sport wieder runtergehen. Dann kämen noch Knieschmerzen dazu, da werde Sport gestrichen. Irgendwann hängen 20 Kilo Übergewicht am Körper, dann werden es 30 oder 40 Kilo. Die Familie schaue komisch, die Freunde auch. Die Spirale drehe sich.

In diesem Jahr tat die wochenlange erzwungene Abgeschiedenheit infolge der Pandemie den Betroffenen nicht gut. "März, April gab es ja keine Treffen nur die Möglichkeit der telefonischen Beratung und online. Nicht alle waren bereit, online gleich alles zu sagen", sagt Heinrich. Er hat eine Magenverkleinerung hinter sich, sein Fazit heute: "Wichtig ist ein strukturierter Tagesablauf."

Industrie verhindert mehr Transparenz

"Auch wenn die Gründe vielschichtig sind, sind wir nicht ohne Grund zugleich mit Thüringen Spitzenreiter bei der Anzahl der übergewichtigen Personen", sagt die Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, Simone Heinemann-Meerz. "Eine fundierte Ampelkennzeichnung für Lebensmittel begrüßen wir ausdrücklich." Die Industrie verhindere die Transparenz und führe die Verbraucher durch Werbung und Marketing in die Irre.