Halle l Woher stammt das Wissen auf der über 3600 Jahre alten Himmelsscheibe von Nebra und wer hat es hierher gebracht? Ein Team von Wissenschaftlern des Landesmuseums Halle sucht an der Adriaküste in Süditalien nach Antworten. "Es geht um das fehlende Bindeglied", sagte der Professor am Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Universität Halle, François Bertemes.

Fehlendes Glied in der Informationskette

Gemeint ist die Informationskette. "Wir wissen, dass die Ursprünge des Bildprogramms auf der Scheibe in Ägypten und dem Zweistromland liegen. Aber wir wissen nicht, auf welchem konkreten Weg diese Informationen nach Mitteleuropa gelangten." Das soll die Forschungsexpedition herausfinden.

Es gibt Indizien: "An der Adriaküste Süditaliens wurden rund 3700 Jahre alte Scherben gefunden, die auf die bronzezeitliche Hochkultur der Minoer auf der Insel Kreta verweisen", sagte Bertemes. Etwas jüngere mykenische Scherben reichen sogar bis in die Po-Ebene. Die Archäologen vermuten, dass ein naher Verwandter eines bronzezeitlichen Fürsten nach Ägypten reiste. Der damals einfachste Weg war mit dem Schiff über das Mittelmeer mit Zwischenstation Kreta.

Über die Alpen nach Mitteldeutschland

An der Adriaküste gab es, wie auf einer Perlenschnur aufgereiht, vor rund 3700 Jahren etwa alle 20 Kilometer mächtige bronzezeitliche Befestigungen. Strömungen und Winde sind hier ideal, so dass die Schiffe aus dem Mittelmeer die hiesigen Häfen gar nicht verfehlen konnten. Von Süditalien ging es weiter auf dem Land- oder Seeweg die Adriaküste hoch bis zur Po-Ebene, schließlich über die Alpen nach Mitteldeutschland.

Die Forscher werden an zwei Küstenorten arbeiten. Zum Einsatz komme eine hochmoderne Unterwasserdrohne, ein sogenanntes Autonomous Underwater Vehicle (AUV) namens SeaCat, sagte Tauchspezialist und Historiker Sven Thomas vom Landesmuseum Halle. "Erste Station ist die Küste bei Torre Guaceto." Dort wolle man nach einem Schiffswrack tauchen, einer Galeasse aus dem Mittelalter, und die Überreste dokumentieren. "Außerdem wird auf zwei vorgelagerten Inseln, unter und über Wasser, nach bronzezeitlichen Funden gesucht", sagte Thomas.

Wichtiger Hafen in der Bronzezeit

Der zweite Ort liegt rund 92 Kilometer südlich: Roca Vecchia. Hier existierte in der Bronzezeit ein wichtiger befestigter Hafen. Es gibt einen Karsthöhlenkomplex. Im Mittelpunkt der Forschung steht die "Grotta della Poesia" (Grotte der Poesie). Die Höhlendecke stürzte in der Zeit nach der Antike ein, die Grotte befindet sich teils unter Wasser.

Das Besondere: Die Wände sind über und über, teilweise vier Lagen übereinander, auf etwa 600 Quadratmeter mit tausenden schwer entzifferbaren Inschriften und Gravuren bedeckt. "Auffällig ist eine Schiffsdarstellung. Ein Schiff ist auch auf der Himmelsscheibe zu sehen. Zudem war die Höhle ein vorgeschichtlicher Kultplatz, ein Höhlenheiligtum", sagte Landesarchäologe Harald Meller. Der Ort war ohne Unterbrechung von der mittleren Bronzezeit seit 3700 Jahren bis vor 2200 Jahren besiedelt, dann noch einmal im späten Mittelalter.

Grund der Grotte wird abgesucht

"Der Grund der Grotte wird mit einem Magnetometer nach Funden abgesucht. Es wird auch nach dem Zugang einer zweiten, bisher unbekannten Grotte gesucht. In der Umgebung werden Schiffswracks vermutet", sagte Thomas. "Die Felszeichnungen in der Grotte werden derzeit von unseren italienischen Kollegen systematisch abfotografiert, um sie später am Computer entziffern zu können."

Die Forschungsmission ist ein Kooperationsprojekt zwischen Halle, der italienischen Denkmalbehörde, dem staatlichen Naturschutzgebiet Riserva naturale dello Stato und des Meeresschutzgebietes Area Marina Protetta di Torre Guaceto sowie der Gemeinde Melendugno.

Himmelsscheibe von Nebra in Halle

Die grünlich schimmernde Himmelsscheibe von Nebra zeigt die weltweit älteste bekannte, konkrete Darstellung astronomischer Phänomene. Zu sehen sind Archäologen zufolge unter anderem Mond, Sterne und ein Schiff. Die fast kreisrunde Scheibe hat einen Durchmesser von gut 30 Zentimetern. Zwei Raubgräber entdeckten sie als Teil eines Bronzeschatzes 1999 bei Nebra mit Metallsuchgeräten. Die Schweizer Polizei stellte 2002 den Fund sicher. Seit 2008 ist die Scheibe im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/Saale zu sehen.