Zahlen und Fakten

2013/14 nahmen die ersten sieben Gemeinschaftsschulen (GMS) im Land ihre Arbeit auf. Die Zahl ist seither auf 44 gestiegen. Die Schülerzahlen steigen, auch, weil die Schulform nach der Neugründung noch immer in höhere Klassenstufen aufwächst. 2016/17 lernten 9643 Schüler an GMS, 2018/19 12 951. GMS können wählen, ob sie selbst eine Oberstufe anbieten oder mit Gymnasien kooperieren. Die meisten (33 GMS) entscheiden sich für Letzteres.

Magdeburg l Es soll die Krönung eines Prestige-Bildungsprojekts der Sozialdemokratie werden. Erstmals führen in diesem Schuljahr zwei Gemeinschaftssschulen im Land Schüler zum Abitur. Es ist die erste Oberstufe seit Einführung der Gemeinschaftsschule vor fünf Jahren. Anders als an Gymnnasien, Realschulen und Hauptschulen lernen Jugendliche in der Schulform bis zum Ende der achten Klasse zusammen. Erst danach trennen sich die Wege, je nach Abschluss. Zu den Optionen gehört – aus Sicht der Anhänger – jetzt endlich auch das Abitur.

48 Schüler in Wolmirstedt und 44 in Aschersleben sind im August in die elften Klassen gestartet. Der Start sei sehr gut gelaufen, sagt etwa Regine Albrecht, Leiterin der Johannes-Gutenberg-Schule Wolmirstedt.

Jetzt aber bringt ein Brief von Bildungsminister Marco Tullner (CDU) Unruhe in die junge Schulform. Von den landesweit 44 Gemeinschaftsschulen planen aktuell noch drei weitere eine eigene Abi-Stufe. Nach den geltenden Regeln sei die erreichte Schülerzahl der elften Jahrgänge in Wolmirstedt und Aschersleben zu gering, ließ Tullner SPD-Fraktionschefin Katja Pähle in seinem Schreiben wissen. Für die Organisation einer Oberstufe seien wenigstens 50 Schüler nötig. Für Ärger sorgt vor allem die Deutlichkeit der angekündigten Konsequenzen. Tullner schrieb:

„Sofern mit Beginn des zweiten Schulhalbjahres 2019/2020 die erforderliche Mindestschülerzahl nicht erreicht wird, wird keine Qualifikationsphase (12. Klasse, Anm. d. Red.) eingerichtet.“ In diesem Fall würden die Schüler nach Beginn des zweiten Halbjahres informiert und an andere Oberstufen – heißt auf Gymnasien – aufgeteilt.

„Die Gemeinschaftsschule zu erhalten und zu entwickeln, ist Geschäftsgrundlage der Koalition“ grollte Pähle danach. Die von Tullner angeführten Unterschreitungen seien an Gymnasien gang und gäbe, „ohne, dass der Minister diese Oberstufen schließen würde.“ Dass der CDU-Politiker sich so positioniere, sei offenkundig eine politisch motivierte Ungleichbehandlung von Schulformen.

SPD will Klärung im Koalitionsausschuss

Die SPD will jetzt Klärung. Für den 1. Oktober hat sie das Thema auf die Tagesordnung des Koalitionsausschusses gesetzt. Beistand kommt von den Grünen. Eine fixe Untergrenze sei gerade in der Startphase nicht sinnvoll, betonte Bildungspolitiker Wolfgang Aldag.

Auch andere unterstellen Tullner, mit zweierlei Maß zu messen. So die Bildungsgewerkschaft GEW: „Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass aus parteipolitischen Motiven bewusst Unruhe erzeugt werden soll“, sagte Landeschefin Eva Gerth. Ähnlich äußerte sich der Chef des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Torsten Wahl.

Dass Tullners CDU der Dreigliederung des Schulsystems zugeneigt ist, ist kein Geheimnis. Wie groß die Vorbehalte mitunter sind, lässt sich gerade in Sachsen beobachten. Dort gibt es die Gemeinschaftssschule bisher nicht. Laut einer Umfrage befürworteten 2017 allerdings 64 Prozent der Sachsen das lange gemeinsame Lernen – viele wohl aus eigener Erfahrung zu DDR-Zeiten.

Eine Bündnis zur Einführung der Gemeinschaftsschule sammelte gerade 50 000 Unterschriften. Der neu gewählte Landtag im Freistaat muss nun abstimmen. CDU-Kultusminister Christian Piwarz macht aus seiner Ablehnung dennoch kein Hehl: Eine neue Schulart würde eher Schwierigkeiten machen, als dass sie zu einer qualitativen Verbesserung führt, sagte er Journalisten.

Sein Kollege Tullner äußert sich deutlich weniger festgelegt: „Die Gemeinschaftsschule – zumindest das Modell mit eigener Oberstufe – kommt in eine entscheidende Phase“, sagte Tullner der Volksstimme. Für eine Beurteilung sei es zu früh. „Klar ist aber auch, das Modell der Gemeinschaftsschule mit eigener Oberstufe im Konzert der Gemeinschaftsschulen eine vereinzelte Stimme bleiben wird.“

Nach Bekanntwerden des Briefs wies Tullners Ministerium Schließungspläne für die neuen Oberstufen dann auch als „spekulativ“ zurück. Richtig sei aber, dass eine Oberstufe sinnvoll erst ab 50 Schülern gebildet werden könne, sagte Sprecher Stefan Thurmann. Er kündigte an, es werde ein Treffen mit den Schulleitern geben, bei dem das Vorgehen besprochen werde.

Für die Linke ist die Deutung indes klar: „Dass der Minister an Gemeinschaftsschulen eigene gymnasialen Oberstufen verhindern will, zeugt von der Angst, eine erfolgreiche Entwicklung nicht aufhalten zu können“, sagte Fraktionschef Thomas Lippmann. Im Landtag will die Linke in dieser Woche einen Antrag stellen. Oberstufen der Gemeinschaftssschulen sollen vorerst auch mit Mindestschülerzahlen von nur 40 arbeiten können.