Die gegenwärtige Krise – durch das Corona-Virus ausgelöst – ist ein dramatischer Einschnitt in unser gesellschaftliches Leben, den sich vor ein paar Wochen oder sogar Tagen kaum jemand hätte vorstellen können. Maßnahmen sind erforderlich geworden, von denen inzwischen jede und jeder betroffen ist. Der Alltag muss neu organisiert werden. Viele kommen an die Grenzen ihrer Kräfte, haben Not mit der auferlegten Einsamkeit und müssen um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten. Schmerzhaft wird uns bewusst, dass wir nicht alles im Griff haben und sehr verwundbar und verletzlich sind. Was bislang normal und selbstverständlich schien, gilt nicht mehr. Das verunsichert und macht Angst.

Und weil wir sicherheitshalber auf Abstand gehen müssen, ist es nötiger denn je, andere Formen der Kommunikation und des Füreinander-Daseins zu suchen und zu pflegen. Wie es trotz allem menschenfreundlich zugehen könnte, hat Rabbi Yosef Kanefsky aus Los Angeles so ausgedrückt: „Jede Hand, die wir nicht schütteln, sollte stattdessen ein Telefonanruf werden. Jede Umarmung, die wir vermeiden, sollte Ausdruck in Worten von Wärme und Sorge finden. Jeder Zentimeter, den wir Abstand zueinander halten, sollte zum Nachdenken darüber führen, wie wir einander helfen können, wenn es notwendig wird.“

Ja, es geht in diesen Tagen nicht allein um das Virus und seine Eindämmung, es geht auch um unser persönliches Verhalten und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn eine Notlage kann unter uns sowohl das Beste als auch das Schlechteste zum Vorschein bringen. Dass einige trotz aller Warnungen sich nach wie vor zu Partys getroffen oder andere sogar aus Kliniken die Behälter mit Desinfektionsflüssigkeit aus der Wand gerissen haben, sind traurige Belege dafür. Die Bedrohung, der jede und jeder von uns ausgesetzt ist, fordert enorm heraus. Und niemand weiß derzeit, wie es weitergeht, wie lange wir in diesem Ausnahmezustand leben müssen und welche Auswirkungen diese Krise langfristig haben wird.

Umso wichtiger ist es jetzt, besonnen und solidarisch zu bleiben. Und vielleicht ist es auch genauso wichtig, auf der Hut zu sein, dass die eigene Unsicherheit sich nicht unversehens gegen andere richtet, die „zu wenig tun“, „mich eventuell leichtsinnig angesteckt haben“, oder wie auch immer die Schuldzuweisungen lauten mögen.

Seelsorger stehen bereit

Solidarisch zu sein, bedeutet auch, an all diejenigen zu denken und ihnen zu danken, die jetzt alles geben, damit das Leben trotz aller Einschränkungen aufrechterhalten werden kann: im medizinischen Bereich und bei der Versorgung mit Lebensmitteln, bei politischen Entscheidungen und bei der Aufrechterhaltung von Sicherheit. Solidarisch zu sein, bedeutet aber auch, diejenigen nicht aus dem Blick zu verlieren, denen es derzeit noch schlechter geht als uns, vor allem in den Kriegsregionen und Flüchtlingslagern, wo die meisten keinerlei Möglichkeit haben, sich vor dem Virus zu schützen.

Als Kirchen versuchen wir nach Kräften, unseren Beitrag zur Mitmenschlichkeit und zum Gemeinwohl zu leisten. Dabei halten wir uns selbstverständlich an die staatlichen Vorgaben. Schweren Herzens haben wir schon vor Tagen sowohl unsere öffentlichen Gottesdienste und anderen Veranstaltungen abgesagt als auch unsere sonstigen Einrichtungen geschlossen. Dennoch besteht weiterhin, solange es keine anderen Weisungen gibt, die Möglichkeit, individuell in unseren Kirchen zur Ruhe zu kommen, vielleicht eine Kerze anzuzünden oder auch zu beten. Gern stehen unsere Seelsorgerinnen und Seelsorger auch telefonisch oder über andere Kommunikationsmittel für Gespräche zur Verfügung. Angesichts des Leids, das die gegenwärtige Krise mit sich bringt, haben wir Christen zwar auch keine einfachen Antworten. Doch wir glauben, dass wir nicht nur auf uns selbst gestellt sind, sondern auch auf den vertrauen können, den wir Gott nennen. Davon motiviert, lassen wir uns nicht lähmen, sondern hoffen, auch anderen Trost und Zuversicht vermitteln zu können.