Salzwedel l Zwei Tage nach dem Zugriff der Polizei herrscht in Salzwedel große Betroffenheit. Nach Brandattacken auf zwölf Pkw mit mehr als 100.000 Euro Schaden sitzt seit dieser Woche der 32-jährige Jugendwehrleiter in Haft. Vier weitere beteiligte 16-jährige Mitglieder der Feuerwehr wurden gestern aus der Untersuchungshaft entlassen. Ein 18-jähriges Wehrmitglied aus dem aktiven Dienst war bereits Ende Oktober festgenommen worden.

Bekannte der jungen Männer äußern sich gestern fassungslos zu den Festnahmen: „Ich kenne den Jugendwehrleiter als immer freundlichen, aufgeschlossenen, sportbegeisterten jungen Mann“, erzählt einer, der seinen Namen nicht nennen möchte.

Der Jugendwehrleiter sei ein bei der Stadt angestellter Familienvater, der stets mit Herz bei der Sache gewesen sei. „Man hat gespürt, dass er einen guten Draht zu den Jugendlichen hat“, berichtet der Zeuge. Dass er an solchen Taten beteiligt sein könnte, sei kaum vorstellbar, wird erzählt.

Auch die verhafteten Jugendlichen – allesamt aus der Kernstadt Salzwedel – seien in der Vergangenheit eher durch ihre Unscheinbarkeit aufgefallen. „Ich hätte ihnen nie zugetraut, ein Wässerchen trüben zu können.“ Salzwedels Stadtwehrleiter Holger Schmidt hat die Nachricht von den Festnahmen kalt erwischt: „Ich befinde mich im absoluten Schockzustand“, sagt er. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass so etwas in unserer Feuerwehr passiert.“

Auch Schmidt hat im Vorfeld keinerlei Auffälligkeiten bemerkt: „Weder der Jugendwehrleiter noch die Jugendlichen sind jemals negativ in Erscheinung getreten“, sagt er.

Dabei hat die Salzwedeler Feuerwehr durchaus Erfahrungen mit Brandstiftungen. Nach einer Reihe von Autobränden in den Jahren 2012 und 2013 habe man auch in den eigenen Reihen kritisch geprüft, berichtet Holger Schmidt. „Damals hatten wir einen Verdacht“, sagt er. Der habe sich allerdings nicht bestätigt.

Generell sind Brandstiftungen durch Feuerwehrleute die Ausnahme. Bei bundesweit 1,3 Millionen Mitgliedern gebe es jährlich 40 bis 50 Brandstiftungen aus den Reihen der Kameraden, sagt der Brandsachverständige Frank Dieter Stolt. Die meisten Fälle würden von Einzeltätern begangen, Taten durch Gruppen seien eher selten.

Fast nie kämen Brandstiftungen unter Beteiligung von Führungspersonal vor. „Sollte sich bestätigen, dass der Jugendwehrleiter in die Fälle in Salzwedel involviert war, wäre das schon sehr atypisch“, sagt Stolt. Ein ähnliches Ereignis sei ihm nur aus Köln bekannt. Vor 17 Jahren seien nach Brandstiftungen 11 Mitglieder einer Ortswehr der Rheinmetropole verhaftet worden. Die Ortsfeuerwehr wurde anschließend aufgelöst.

Ein Drittel in Haft

Karin Wunderlich, Chefin des Feuerwehrverbands Altmarkkreis Salzwedel, warnt dann auch davor, die Salzwedeler Jugendwehr unter Generalverdacht zu stellen. „Wir werden die Salzwedeler weiter unterstützen“, sagt sie. Auch wenn mit 4 von 15 Mitgliedern derzeit fast ein Drittel der Jugendabteilung der Hansestädter unter Verdacht stehe, so gebe es doch mehr als 300 unbescholtene junge Leute im Verband. „Sie alle betrifft das, deshalb sollte man sensibel mit dem Thema umgehen“, fordert Karin Wunderlich.

Die Stadt Salzwedel hatte am Mittwochabend unmittelbar nach Bekanntwerden der Festnahmen Konsequenzen gezogen. Bürgermeisterin Sabine Blümel suspendierte alle Verdächtigen mit sofortiger Wirkung vom Dienst. Bis zum Abschluss der Ermittlungen haben sie zudem Hausverbot für alle Gebäude und Anlagen der Feuerwehr. Bei einem Treffen am selben Abend berieten Stadtwehrleiter Holger Schmidt und Ortswehrleiter Mario Müller über mögliche Schritte. Am Freitag werde es weitere Informationen an die Kameraden geben, sagt Karin Wunderlich.

Der Jugendausschuss des Landesfeuerwehrverbandes beschäftigt sich morgen mit den Ereignissen in Salzwedel. Auch Landeschef Kai-Uwe Lohse zeigte sich tief betroffen. Auf die Salzwedeler Feuerwehr komme eine Menge Arbeit zu. „Der Imageschaden ist beträchtlich.“

Bei der Pkw-Brandserie in Salzwedel hatten Täter am 3. sowie vom 21. bis 23. Oktober zwölf Autos zerstört oder stark beschädigt. Ein 18-Jähriger, der vor kurzem aus der Jugendwehr in den aktiven Dienst gewechselt war, wurde von Passanten beim Zündeln an einem Auto erwischt und bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten. Er hat die Brandstiftung an einem Ford gestanden.

Ob seine Aussagen die Polizei zu den jetzt ermittelten Verdächtigen geführt haben, blieb offen.