Schierke l Er ist eines der Wahrzeichen des Harzes und prägt mit einem Hotelturm samt Kuppel die Silhouette der Brockenkuppe: der 116 Meter hohe, rot-weiße Sendeturm auf Norddeutschlands höchstem Berg. Die Deutsche Telekom betreibt auf 1141 Metern Höhe eine der modernsten Funkbetriebsstellen in Deutschland. „Der Sender Brocken als erster geplanter Senderstandort außerhalb Berlins spiegelt in seiner Entwicklung der letzten 80 Jahre die Geschichte des Fernsehens in Deutschland wider“, sagt der Wernigeröder Heinz Schiller, der sich dieser Geschichte persönlich besonders verbunden fühlt.

Schiller, Jahrgang 1949, ist ein absoluter Kenner der Materie: Von 1978 bis 1990 hat der Ingenieur auf dem Brocken gearbeitet. Als Schichtleiter der Sendanlage hatte er einzigartige Einblicke in die dort verwendete Technik, die alles andere als veraltet war. Das hat er gern seinen späteren Kollegen vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) unter die Nase gerieben: „Alte Technik? Die war nicht älter als ihre UKW-Sender“, weiß Schiller, der mit der Wende die Chance nutzte, zum NDR zu wechseln. Von 1990 bis 2011 hat er auf dem gegenüberliegenden Berg seinen Dienst versehen: auf dem Torfhaus - erst als Techniker, später als Systemadministrator und als Betreuer der Senderüberwachung.

Eine besondere Begeisterung

Sein Faible für Fernmeldetechnik und insbesondere die Geschichte des Brockensenders hat ihn nie losgelassen. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kollegen Gustav Witte, einst als Gruppenleiter für Instandhaltung der Deutschen Post auf dem Brocken im Einsatz, hat er in Archiven recherchiert und anhand eigener Betriebsunterlagen eine 72-seitige Dokumentation zusammengetragen. In einer Kleinstauf-lage ist sie in gebundener Form veröffentlicht worden. Für jedermann zugänglich in der Harzbücherei in Wernigerode. „Aus Interesse an diesem Hobby, aber auch, um jene zu berichtigen, die immer wieder gern voneinander abschreiben und falsche Informationen in den Medien verbreiten“, beschreibt Heinz Schiller seine Motivation. Illustriert ist die Sendergeschichte auch mit Fotos, die Schiller heimlich mit seiner Praktica im damaligen militärischem Sperrgebiet aufgenommen hat, wo absolutes Fotografierverbot herrschte. In Alufolie eingewickelt, als Kuchen getarnt, hatte er die Spiegelreflexkamera ein ums andere Mal im Rucksack einschmuggeln können. „Wenn das rausgekommen wäre, wäre ich in den Knast gekommen“, sagt Heinz Schiller, der trotzdem das Risiko eingegangen war.

Bilder

In seinem Buch räumt er auch mit einigen gern verbreiteten Irrtümern auf. So ist der Sender Brocken keineswegs der älteste Fernsehsender der Welt. Und auch der Fernsehturm nicht der älteste. „Vom 1926 in Berlin errichteten Funkturm wurden in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts schon Fernsehversuchsprogramme ausgestrahlt. Das erste regelmäßige Fernsehprogramm der Welt begann in Berlin am 22. März 1935. An drei Wochentagen wurde von 20.30 Uhr bis 22 Uhr ein Programm vom Sender Witzleben ausgestrahlt“, klärt Heinz Schiller auf, ohne jedoch die Bedeutung des Brockens zu schmälern. Immerhin wurde dort oben von April bis Juni 1935 von einem fahrbaren Fernsehsender mit Hilfe eines eigenen Filmgebers ein Versuchsprogramm abgestrahlt - zu Testzwecken.

Tonsender nie in Betrieb

Zwar wurde in den von 1936 bis 1938 errichteten Fernsehturm noch ein funktionstüchtiger Fernsehsender eingebaut. In Betrieb ging er jedoch nie. Der Tonsender strahlte lediglich einen 800-Hertz-Messton aus. Für Freunde des Superlativen hat Schiller immerhin eines parat: „Auch wenn der 1938 fertiggestellte Sender nicht mehr in Betrieb ging, gilt der Brocken doch als ältester Fernsehberg der Welt.“ Nach den Zerstörungen durch amerikanische Bomber am 17. April 1945 und bei der späteren Besetzung durch US-Truppen ging wertvolle Technik verloren. Den Rest demontierten die Russen, nachdem die Amerikaner am 26. April 1947 abgerückt waren.

Dem damals in der Landesregierung tätigen Referenten für Hochbau, Kurt Geisenhainer, ist es zu verdanken, dass der Turm nicht wie eigentlich befohlen gesprengt wurde: „Er machte den Vorschlag, nur die oberen fünf aus Holz bestehenden Etagen abzutragen und den unteren massiven Teil als Ersatz für das zerstörte alte Brockenhotel zum Hotel umzubauen“, weiß Heinz Schiller. Der Architekt Max R. Wenner aus Wernigerode erhielt den Auftrag, nach Geisenhainers Ideenskizzen einen Entwurf vorzulegen. Danach sollte als oberer Abschluss ein „Höhencafé“ mit schrägen Aussichtsfenstern - etwa nach dem Vorbild des Berliner Funkturm-Restaurants - gesetzt werden. Am 21. Mai 1950 konnte ein Restaurant mit 250 Sitzplätzen in der ehemaligen Dieselhalle, dem heutigen Touristensaal, eröffnet werden.

Ab 1. Juli 1955 im Regelbetrieb

Doch der Brockenturm blieb vor allem als Sender interessant. Am 1. Mai 1951 wurde in der 7. Etage ein 250 Watt UKW-Sender eingeschaltet. Er strahlte seine Leistung auf 94,5 MHz über eine Kreuzdipol‑Antenne, die auf dem Dach des Turms montiert war, ab. Ab dem 23. Juni 1955 nahm erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg ein Fernsehsender auf dem Brocken einen Probebetrieb auf - ab 1. Juli 1955 im Regelbetrieb.

Trotz der exponierten Lage waren die ersten Fernsehbilder vom Brocken sehr schlecht. „Der Videofrequenzgang betrug nur 2 MHz, was zu unscharfen Bildern führte. Das Bild hatte außerdem einen Geist oder Schatten, der durch eine Fehlanpassung des Senders an die Antenne entstand“, schildert Heinz Schiller. Dagegen war das Bild, das der NDR vom Torfhaus abstrahlte, selbst in Magdeburg und Halle noch gut zu empfangen. Als Konsequenz wurde am 6. Oktober 1959 in der 6. Etage des Senders Brocken eine Anlage der Firma Siemens in Betrieb genommen: „Der Sender hatte eine Bildleistung von 10 kW und eine Tonleistung von 2 kW und war bis 1966 Betriebssender und noch bis 1993 als Reservesender in Funktion.“

Brocken zum Sperrgebiet erklärt

Heinz Schiller schildert auch, wie es gelang, die Embargopolitik während des Kalten Krieges zu umgehen. So hatte die DDR in einer europaweiten Vergabe auch Frequenzen für Fernsehsender im UHF-Bereich erworben. Das Problem war, dass im gesamten Ostblock keine UHF-Sender hergestellt wurden. Die gab es nur im Westen. „Die Sowjetunion bestellte deshalb bei der französischen Firma Thomson CSF vier Fernsehsender. Das Frachtschiff mit den Sendern fuhr aber nicht direkt nach Leningrad, sondern lud diese vier Sender in Rostock aus. Einer war für den Brocken bestimmt und wurde nach einer Zwischenlagerung in Burg 1964 in Eigenregie aufgebaut“, erläutert der Experte. Dabei tauchte ein weiteres Problem auf: „Der Sender hatte eine russische Beschriftung, eine französische Beschreibung und vorwiegend englische Bauelemente. Außerdem war er für Kanal 28 konstruiert und musste auf Kanal 34 umgebaut werden. Auch dies geschah in Eigenleistung durch das Senderpersonal.“

Mit dem Mauerbau in Berlin im August 1961 wurde der Brocken zum Grenz- und militärischen Sperrgebiet erklärt, der Hotelbetrieb eingestellt und der Senderbetrieb auf die tieferen Etagen des Turms ausgeweitet. Am 10. Februar 1966 wurde in der 5. Etage ein neuer 10/2 kW Fernsehsender für Kanal 6, hergestellt im Funkwerk Köpenick, in Betrieb genommen. In der 2. Etage waren Elektrowerkstatt und Lager untergebracht. In der 3. und 4. Etage befanden sich Büro- und Unterkunftsräume. In die 1. Etage des Turmes zogen die Grenztruppen ein, ab 1963 eine Funkaufklärungskompanie des Ministeriums für Staatssicherheit (FAK) mit dem Tarnnamen „Urian“.

Großer Qualitätssprung

Von 1973 bis 1976 wurde schließlich der prägnante Antennenträger auf dem Brocken errichtet. Die 123,5 Meter hohe Stahlkonstruktion steht ohne Abspannungen auf vier Beinen, die mit je acht Stahlankern im Brockengranit befestigt sind. „Jeder Stahlanker besteht aus sieben einzelnen Stahlstangen, die in 17 Meter tiefen Bohrlöchern mit Spezialzement verpresst sind. Von diesem Antennenträger wurde bis nach 1990 nur der Kanal 34 abgestrahlt“, erläutert Schiller.

Nach der Wiedervereinigung kam der Sender Brocken, der bisher zur Deutschen Post der DDR gehörte, zur Telekom. Zuerst wurde die Farbfernsehnorm am 1. Dezember 1990 von SECAM auf PAL umgestellt. Im September 1994 waren alle alten Sendeanlagen im Turm abgelöst. Die Funkbetriebsstelle Brocken hatte mit dem Einbau moderner Sendertechnik einen gewaltigen Qualitätssprung gemacht.

Das bedeutete aber auch einen harten personellen Schnitt: Der Schichtbetrieb wurde am 23. Dezember 1994 nach 42 Jahren beendet. Bis dahin waren beim Sender mehr als 30 Mitarbeiter tätig, davon 12 im Dreischichtsystem. Die Telekom war bemüht, die restlichen UKW-Sender aus den Jahren 1961 bis 1963, die mit viel Liebe und hohem Pflegeaufwand über 30 Jahre betrieben wurden, zu erneuern. Das Gleiche galt für die Fernsehsender. So wurde am Fuß des Antennenträgers ein Neubau errichtet, der am 14. Dezember 1995 feierlich eingeweiht wurde. Der Sender Brocken hat im März 2017 mit der Abstrahlung von 19 digitalen Fernsehprogrammen in HD-Qualität, 6 analogen und 42 digitalen Rundfunkprogrammen seinen vorläufigen Endausbau erreicht.