Wahrenberg l Mehr Elbdeich-Romantik geht nicht: Anne Zinke betreibt seit knapp zehn Jahren in Wahrenberg bei Wittenberge ein Café und macht dort vieles anders als andere. Was auf den Teller kommt ist meistens bio, meistens regional und nie aus dem Tiefkühlschrank. Fleisch gibt es gar nicht. Und das funktioniert. Verrückt, oder?

Herbst 2005: Eine junge Ergotherapeutin sitzt in Berlin und entdeckt im Stadtmagazin Zitty eine Anzeige: Ein Wohnprojekt in der Altmark, direkt am Elbdeich, sucht nach Menschen, die in und mit der Natur leben und arbeiten wollen. Anne Zinke überlegt ein wenig. Hatte sie nicht vor einiger Zeit die Idee sich selbständig zu machen, mit einem integrativen Urlaubskonzept?

Sommer 2017: Am Elbdeich spielt der Wind mit den silbrigen Weidenblättern, am Elbstrand schnattern Gänse und lachen Kinder. Störche sitzen klappernd auf dem First des Elbehofes. Der Himmel lädt ein, nach Wolkentieren zu suchen. Ein Ort zum Träumen. Und aus Anne Zinke ist Anne Elbe geworden – oder fast. Seit neun Jahren führt sie das Café, das ihren Vornamen trägt. Und dazu der Elbe die Ehre gibt, die als spektakuläre Kulisse für Café und Kuchen, Quiches und Salat dient. Für Anne Zinke sind der ehemalige kleine Fährschuppen, die Tische und Bänke auf dem Deich zum Lebensmittelpunkt geworden.

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Zunächst ohne Euphorie

Wie es dazu kam? Nun, der Weg war nicht besonders geradlinig, erzählt Anne Zinke. Nach dem ersten Besuch in Wahrenberg war an einen Umzug an die Elbe nicht zu denken: „Ich fand es schön, ja. Aber ich war nicht euphorisch.“ Normalerweise, sagt die 42-Jährige, müsse sie allen und jedem davon erzählen, wenn sie eine bestimmte Sache gut finde. „Aber da hatte ich nicht das Gefühl.“

Und trotzdem: Sie fuhr ein zweites Mal nach Wahrenberg, im Frühjahr 2006. Und war verwirrt, denn sie sah viele Seen links und rechts der Straße. „Ich dachte, ich hab mich verfahren.“ Doch dann ging ihr auf, dass das Hochwasser die Landschaft verwandelt hatte – und damals muss es gewesen sein, dass sich Anne Zinke verliebte: In die Elbe und die Wiesen, die im Laufe des Jahres immer wieder anders aussehen. Sie entschied sich für den Sprung aus der Stadt an den Deich, zog nach Wahrenberg, lebte und arbeitete in der ökologisch orientierten Gemeinschaft des Elbehofes.

Dort leben und arbeiten – das hieß auch immer wieder: Ein paar Minuten auf dem Deich sitzen, auf die Elbe schauen, mit einem Becher Kaffee in der Hand. „Dann kamen immer wieder Radfahrer vorbei und fragten, wo man hier etwas essen und trinken kann – oder gar, ob wir etwas für sie zum Essen hätten“, erzählt Anne Zinke. Gasthäuser gab es früher in Wahrenberg mehrere, nach und nach machten sie zu. Irgendwann machte Anne Zinke wahr, was für andere nur ein Gedankenspiel geblieben wäre: Sie eröffnete an genau dieser Stelle ein Café und nannte es „Anne“ und „Elbe“. Ein Wortspiel auf altmärkisch. Dazu verband sie beide Worte mit einer Tilde – ein Zeichen in Form einer Welle. Oft findet man es in Stammbäumen als Symbol für die Taufe, die Aufnahme in eine Gemeinschaft.

Das Café könnte kleiner kaum sein, gerade mal 11 Quadratmeter misst der Gastraum, 10 Quadratmeter die offene Küche. Das Fachwerkhäuschen war marode, alle Gefache mussten herausgenommen, das Gebälk neu zusammengesetzt und alles wieder ausgemauert werden. Aber gerade, weil es so winzig war, empfand Anne Zinke das Häuschen als perfekt: „Ich dachte immer, so ein kleines Projekt kann ich im Notfall auch alleine stemmen.“ Vom alleine arbeiten kann keine Rede mehr sein.

60 bis 70 Arbeitsstunden pro Woche

Insgesamt hat sie einen Personalstamm von bis zu sieben Leuten im Sommer; in Spitzenzeiten kümmern sich zwei um die Küche, zwei um den Service. Inzwischen machen die anderen Pause, schließlich hat das Café von Mai bis September keinen Ruhetag. Doch obwohl die dunkelhaarige Frau viel arbeitet – sechzig bis siebzig Stunden pro Woche seien es in der Hochsaison sicher – wirkt sie geerdet und zufrieden. Sie lerne mehr und mehr auszutarieren, abzuwägen, auch mal eine Pause zu machen. „Der Fluss, die Natur und vor allem die Ruhe am Abend auf dem Deich geben mir ganz viel.“ Seit ein paar Jahren ist sie passionierte Elbschwimmerin, überquert den Fluss wann immer möglich – auch, um sich von der Strömung mitnehmen zu lassen und ihre Kraft zu spüren.

Eigentlich hatte Anne Zinke mit der Elbe nie was am Hut. Sie wuchs in Berlin auf, lebte immer in der Großstadt. „Als ich nach einer Weile zum ersten Mal nach Berlin zurückfuhr, merkte ich plötzlich, wie viel meiner Energie diese Stadt verbraucht“, erinnert sie sich. „All die vielen Menschen – dafür war mir wohl von klein auf ein Schutzschild gewachsen, der sich hier draußen aber schnell abgebaut hatte.“

Es ist eine kleine und doch eine große Welt, in der Anne Zinke hier draußen lebt. Klein, weil sie im Sommer fast all ihre Zeit im Café auf dem Deich verbringt. Jeden Tag kommt Herr Kloth vorbei, ihr Stammgast aus dem Dorf. Jeden Tag bäckt sie Kuchen und Sauerteigbrot. Jeden Tag erntet sie frischen Salat, Obst und Gemüse im Garten des Elbehofes hinterm Deich. Aber Anne Zinkes Welt ist auch groß, weil Menschen aus ganz Deutschland, aus ganz Europa bei ihr Rast machen, ihr manchmal Geschichten erzählen. Und Anne Zinke erzählt selbst manchmal eine kleine Geschichte, zum Beispiel die von den Bauern in Mittelamerika, die die Bohnen für den Kaffee anbauen, den sie am Elbdeich serviert.

Anne Zinke sagt, sie wolle sicher sein, dass auch diese Menschen einen fairen Lohn für ihre Arbeit bekommen – genau wie alle anderen auch, mit denen sie zusammenarbeitet. Café und Tee sind aber auch schon die einzigen Zutaten, die eine weite Reise hinter sich haben. Fleisch und Wurst kommen gar nicht erst auf den Tisch, und alle anderen Zutaten kauft sie möglichst lokal und möglichst biologisch ein. Die Eier stammen aus der Umgebung – der Hühnerhof hat sich, extra wegen Anne Zinkes Café, die Zertifizierung als Ökolandbetrieb geholt. Ihr Prinzip: „Die Leute sollen einfach etwas wirklich Gutes auf dem Teller haben.“ Und ihre Haltung zeitigt Effekte. Über die Jahre hat sich im Dorf herumgesprochen, dass Anne Elbe ein guter Ort ist, einer, den man weiterempfehlen kann.

Essbares vom Deich

Doch der Weg dahin war nicht leicht, führte die leidenschaftliche Köchin sogar dazu, einem Gast mal die einzelnen Gewächse eines Wildkräutersalates separat auf einem Teller zu präsentieren und ihm zu erklären, wie all dieses essbare Grünzeug heißt, das da hinterm Deich wächst. „Das eigene Dorf ist für jeden Gastwirt schwierig“, sagt sie. Mancher beäugte das kleine Café lange skeptisch. Auf die Frage von Touristen, wo man hier etwas essen könne, antworteten viele aus dem Ort: „Hier gibt‘s nichts.“

Nach fast zehn Jahren haben sich die Dinge gewandelt. Mal hat jemand zu viel Rhabarber im Garten und bietet ihn Anne Zinke an. Mal sind es Gurken und Tomaten. Und immer öfter reserviert jemand für eine Geburtstagsfeier. Oder die Leute kommen, um einen Kaffee zu trinken. Und zwar einfach nur so – weil es schön ist, oben am Deich in Wahrenberg.

Mehr Infos im Internet www.elbehof.de