Ungeklärte Kriminalfälle in Sachsen-Anhalt (1)

Der tote Rentner im Wohnzimmer

Von Bernd Kaufholz 12.07.2011, 04:37

In Sachsen-Anhalt werden Jahr für Jahr rund 1500 sogenannte Kapitalverbrechen begangen - darunter etwa 100 Tötungsdelikte. Die meisten Fälle werden aufgeklärt. Doch bleiben immer noch einige Straftaten übrig und die Täter unerkannt. Die Volksstimme nimmt sich in ihrer Sommerserie gemeinsam mit Staatsanwaltschaft und Polizei einiger dieser Delikte an und fragt: Wer kann Hinweise geben?

Ilsenburg. Die Rentnerin hat einen hervorragenden Blick auf das Backstein-Fachwerk-Haus mit der Dreizimmerwohnung im Ilsenburger Vogelgesang. Und sie kennt ihren Nachbarn Gunter Rüter schon seit mehr als 40 Jahren. Auch seinen geregelten Tagesablauf: Morgens machte der 66-Jährige nach dem Frühstück zumeist Besorgungen und fährt danach in den Garten. Nachdem er mittags in seine Wohnung zurückgekehrt ist, setzt er sich dann ein paar Stunden später erneut auf sein gelbes Simson-Moped der Marke "Schwalbe" und fährt wieder zu seiner Parzelle am Ortsrand der Harzstadt - Sommer wie Winter.

Doch Mitte Dezember 2007 scheint Rüter von seinem täglichen Ritual abgekommen zu sein. Die Nachbarin hat den wortkargen Mann, der so gut wie nie Besuch bekommt und lieber alleine vor sich hinpusselt, seit zwei Tagen nicht zu Gesicht bekommen. Außerdem stellt sie fest, dass die Zeitung vom Vortage (Sonnabend) noch vor der Haustür liegt. Das macht sie stutzig. Ist der Gunter vielleicht krank?, fragt sie sich. Braucht er möglicherweise Hilfe?

Sie geht zum Haus von Rüters Sohn, der schräg gegen-über wohnt. Ihm schildert sie am Mittag des 16. Dezember 2007 ihre Sorge. Frank Rüter steht wenige Minuten später vor dem versetzt zum Haupthaus liegenden Gebäude mit dem kleinen Zweischeibenfenster und der weißen Tür.

Erschlagen und mit Messer in der Brust

Der 41-Jährige findet seinen Vater mit einem Küchenmesser in der Brust im Wohnzimmer auf dem Fußboden liegend. Rechtsmediziner stellen jedoch später fest, dass weitaus mehr Gewalt gegen den 66-Jährigen im Spiel war. Sein Kopf ist zerschmettert - stumpfe Gewaltanwendung. Möglicherweise ging dem tödlichen Stich eine Serie von Schlägen voraus. Die Schlagwaffe wurde jedoch bis heute nicht gefunden.

Die Todesursache ist sogenannte Aspiration - das Einatmen von Blut, ausgelöst durch die Kopfverletzung. Zum Tatverlauf gehört weiterhin, dass der Unbekannte zum Messer griff und es dem Opfer in die Brust stach.

Der Rentner muss den Täter in die Wohnung gelassen haben. Denn die Eingangstür war nicht beschädigt. "Wir gehen somit davon aus", sagt Kriminaloberkommissarin Karin Mialkas, "dass das Opfer seinen Mörder kannte. Denn Gunter Rüter war sehr vorsichtig und ließ keine Fremden ein. Bevor er öffnete, hat er sich immer erst durchs Fenster vergewissert, wer draußen stand."

Die Mordkommission und auch der Sohn des Getöteten sind sich von Anfang an klar, dass der Fall eine sogenannte Beziehungstat ist. Dass sich Opfer und Täter kannten.

Anhand der umfangreichen Zeugenaussagen können sich die Ermitter bald ein Bild von den letzten Stunden des Rentners machen: Am Freitag, dem 14. Dezember, gegen 9 Uhr, hat er seinen Neffen auf dem Parkplatz des "Lidl"-Supermarkts getroffen. Um 10 Uhr ging er zum Arzt, anschließend zur "Äskulap"-Apotheke in der Ilsenburger Friedensstraße 45. Der Grauhaarige löste dort ein Rezept ein. Apotheker Uwe Lenz, der den 66-Jährigen kannte, fiel an diesem Vormittag nichts Besonderes an seinem Kunden auf.

EC-Karte weg, aber kein Geld abgehoben

Gegen Mittag setzte sich der Rentner seinen weißen Motorradhelm mit den zwei schwarzen Streifen auf und fuhr in den Garten. Dort fütterte er ein wildes Kätzchen, das seit einigen Tagen immer mal wieder vorbeischaute. Es war 14 Uhr, als er zum letzten Mal lebend gesehen wird.

Das sind die Fakten.

Die Tat selbst könnte sich folgendermaßen abgespielt haben: Es klingelt an der Tür des Hauses. Der Witwer öffnet und lässt die Person ein, die er kennt.

Im kleinen Wohnzimmer kommt es wenig später zum Streit - wahrscheinlich um Geld. Rüter springt vom Fernsehsessel auf. Im selben Moment schlägt sein Gegenüber zu - gegen den Kopf. Als das Opfer röchelnd auf dem Boden liegt, stößt der Mörder mit dem Messer zu, mit dem sich Rüter kurz zuvor einen Apfel aufgeschnitten hatte.

War es ein Raubmord? Dafür könnte sprechen, dass der 66-Jährige, der sehr bescheiden lebte, jedoch eine beträchtliche Summe auf dem Konto hatte, hin und wieder größere Geldbeträge abhob. Manchmal mehr als 1000 Euro. Doch fehlten nach der Tat nur ein Schlüsselbund, 15 Euro aus dem Portemonnaie und die EC-Karte. Mit letzterer wurde allerdings bis heute kein einziger Cent abgehoben.

Gunter Rüter war im Ort bekannt wie ein "bunter Hund". Als Maurer war er überall gern gesehen. Die Ilsenburger sagen: "Er war immer da, wenn man Hilfe brauchte - eine zuverlässige Haut." Feinde habe er nicht gehabt, heißt es. Er wird als "eher wortkarg" und "niemals aufbrausend" beschrieben.

Der Kontakt zum Sohn habe sich nach dem Tod seiner Frau 1994 abgekühlt, ergeben die Ermittlungen der Polizei. Gegenseitige Besuche seien eher selten gewesen.

"Der Täter kommt aus dem näheren Umfeld des Opfers", ist sich Kriminal-oberkommissarin Mialkas sicher. Das macht sie auch daran fest, dass ein "Ortsfremder" in der Gegend um die Straße Vogelgesang aufgefallen wäre.

Mialkas: "Seit 2007 wurde kontinuierlich an diesem Fall gearbeitet. Erst von den Mordermittlern der Polizeidirektion Halberstadt, dann von uns und dem Landes-kriminalamt." Es sei fast alles zusammengetragen worden, was zusammengetragen werden konnte. "Die Zeugen waren sehr kooperativ. In-teressant zu wissen wäre allerdings, ob Gunter Rüter am 14. Dezember 2007 nach 14 Uhr noch gesehen wurde."

Man habe "jemanden im Visier", lehnt sich Mordkommissions-Chef Harald Meier aus dem Fenster. Doch gegenwärtig wird noch an der Auswertung einiger Spuren und Beweise gearbeitet. Und Mialkas ergänzt vielsagend: "Wenn ich der Täter wäre, könnte ich nicht mehr ruhig schlafen." Selbst ein spätes Geständnis könnte sich möglicherweise noch strafmildernd für den Täter auswirken.

Am Sonnabend:

Die Altmärker Kofferraumleiche

Schernikau. In einem Waldgrundstück im Altmarkkreis Salzwedel wird am 1. Dezember 2008 die völlig verkohlte Leiche eines Mannes gefunden. Er war erschlagen worden.