Magdeburg l Jehad Ahmo ist schwarzgefahren. So sehen das die Mitarbeiter der Magdeburger Verkehrsbetriebe in der Servicestelle. Tageskarte vergessen, macht dann 62 Euro. Das sieht der Syrer anders.

Schließlich hat er eine unterschriebene Tageskarte, nur halt vorhin bei der Kontrolle vergessen. Das sieht auch die Deutsche so, die ihn kurz darauf anspricht. Sie will ihm helfen.

Und sie hilft. Brigitte Kaiser-Kovács protestiert, schreibt an die Volksstimme, wird von den Verkehrsbetrieben zur Einzelfallprüfung eingeladen, wendet sich an den Fahrgastverband. Und erreicht am Ende tatsächlich, dass der Syrer die Strafe nicht zahlen muss. So haben sich Ahmo und Kaiser-Kovács vor zweieinhalb Jahren kennengelernt.

Es ist eine Kennenlern-Geschichte, die viel über die heute 57-jährige Integrationshelferin erzählt. Die etwas verständlicher macht, wieso sie die Menschen, die sie betreut, ihre „Schützlinge“ nennt. Und wieso sie erwachsene Männer, die sie erst wenige Jahre kennt, „Mama“ nennen.

Was Kaiser-Kovács ehrenamtlich für die Integration von Flüchtlingen leistet, ist außergewöhnlich. Von einem „Extremfall“ spricht Laura Lubinski, die Koordinatorin des Magdeburger Integrationslotsen-Programms. Die rund 30 ehrenamtlichen Lotsen der Stadt würden durchschnittlich etwa zehn bis 15 Stunden im Monat für die Integrationsarbeit aufwenden, berichtet Lubinski. Bei Kaiser-Kovács sind es nach eigenen Angaben 50 Stunden in der Woche. Wie ein Vollzeitjob mit Überstunden.

Sie bekommt dafür monatlich 70 Euro Aufwandspauschale, wie alle anderen Integrationslotsen der Stadt auch. Nur weil ihr Mann arbeite, könne sie sich das leisten, sagt sie. Fragt man die engagierte Ehrenamtlerin, wieso sie das macht, kommen Sätze wie: „Ich will den Leuten das Leben ein bisschen leichter machen.“ Oder: „Mein Lohn ist Dankbarkeit.“

Selbst Initiative ergriffen

Rückblick, September 2015. Kaiser-Kovács sieht die Bilder ankommender Flüchtlinge an deutschen Hauptbahnhöfen. Sie ist berührt, aber auch besorgt. Dass erst einmal alle aufgenommen werden, findet sie richtig. Sie stimmt zu als Angela Merkel sagt: „Wir schaffen das.“

Ihren Job in der IT-Branche hat die ehemals freiberufliche Dolmetscherin kurz zuvor gekündigt. Sie habe „andere Prioritäten setzen“ wollen, sagt sie, „weniger materielle.“ Nie habe sie sich vorher ehrenamtlich engagiert. Auch mit Geflüchteten habe sie zuvor nie etwas zu tun gehabt. Das soll sich ändern. Der September 2015 habe sie verändert, berichtet sie rückblickend. „Ich habe gefühlt, ich muss irgendwas machen.“

Sie engagiert sich im Magdeburger „Willkommensbündnis Stadtfeld“, beginnt mit Deutschunterricht. Erst ein Mal die Woche, dann zwei Mal. Zu Weihnachten lädt sie christliche Flüchtlinge ein. Noch gibt es im Land kaum etablierten Strukturen in der Integrationsarbeit. Also ergreift Kaiser-Kovács die Initiative. Sie bittet um Freikarten beim 1. FC Magdeburg, beim SC Magdeburg, beim Schauspielhaus. Erfolgreich. Die Flüchtlinge für Aktivitäten aus den Heimen holen, darin sieht sie ihre Aufgabe in der ersten Zeit. Dazu erläutert sie gesellschaftliche Gepflogenheiten, liest Hausordnungen vor. Es entstehen Bindungen. Die Religiösität ihrer Schützlinge färbt ab. Die Frau, die sagte, sie habe keine Religion, schließt sich nun einer freikirchlichen evangelischen Gemeinde an und lässt sich taufen.

Belastungsgrenze erreicht

Über Jehad Ahmo lernt sie seinen Bruder Thamer kennen. Beide sind im September 2015 nach Deutschland aufgebrochen. Beide haben ihre Familien nachgeholt. Beide werden von der Integrationslotsin umfassend unterstützt.

„Sie hilft überall“, betont Thamer Ahmo. Beinahe jeden Tag würden sie sich sehen oder telefonieren. Sie holt die Kinder vom Kindergarten ab, manchmal schlafen sie bei ihr. Sie hat dem 35-Jährigen einen Job besorgt, einen Kitaplatz ebenso, den Umzug in die eigene Wohnung organisiert. Sie hat einen Wohnungsschlüssel und bei den Behörden eine Vollmacht. „Sie ist ein Grund, hier in Magdeburg zu bleiben“, sagt Thamer Ahmo.

Für ihr Engagement hat Kaiser-Kovács im vergangenen Jahr den Integrationspreis des Landes erhalten. Derzeit betreut sie 25 geflüchtete Familien und Einzelpersonen bei Behördengängen, hilft bei der Wohnungs- oder Jobsuche und anderen Problemen. Sie sei jetzt an ihre Belastungsgrenze gekommen, sagt Kaiser-Kovács. „Auch mein Tag hat nur 24 Stunden.“

Mittlerweile gibt es in Sachsen-Anhalt etablierte Strukturen für die Flüchtlingsarbeit. Trotzdem nimmt Kaiser-Kovács die Dinge immer mal wieder selbst in die Hand. Um ihren Flüchtlingen Jobs zu vermitteln, spricht sie auf Parkplätzen Fahrer von bedruckten Firmenwagen an. Dadurch hat Thamer Ahmo vor eineinhalb Jahren seinen Montage-Job gefunden.