Bismark l Es mag als Kompliment ja etwas abgegriffen klingen, aber Kerstin Mauer kann man es ruhigen Gewissens machen: Diese Frau kann einfach alles tragen. Ob Staatsrobe einer gekrönten Prinzessin, ob im schwarzweiß-gefleckten Kuhplüsch, etwas freizügiger unterm Masseurinnenkittel oder im großkarierten Kleid nebst altgedientem Strohhut – die 54-Jährige macht immer eine gute Figur. Vor allem jetzt, in dieser Zwischenzeit, die zwar kein meteorologischer Kalender ausweist, die aber jeder kennt: die fünfte Jahreszeit.

Zu sagen, Kerstin Mauer ist begeisterte Karnevalistin, würde nur die halbe Wahrheit sein. Richtiger ist: Sie liebt den Karneval. Und die Liebe war es auch, die vor mittlerweile 35 Jahren ihren Weg zum Schinner Carneval Club, kurz SCC, geführt hat. Die Liebe zu ihrem Mann Jörg. Der war mit dem 1971 gegründeten Karnevalsverein im altmärkischen Schinne, heute ein Ortsteil von Bismark, aufgewachsen, während seine Zukünftige in Kinder- und Jugendtagen bei der benachbarten Rochauer Karnevalsgesellschaft erste karnevalistische Erfahrungen sammelte. Als Kerstin und Jörg Mauer dann aus beider Lebenswege einen gemeinsamen machten, war die Vereinsfrage schnell geklärt: Ab sofort schlug beider Herzen rot-weiß, für die Farben des SCC. Und schlagen sie noch heute, wenn der Schlachtruf erklingt: „Schinne – et levt“.

„Wir leben den Karneval, leben die besondere Gemeinschaft und ein besonderes Kulturerbe in unseren Dörfern“, bekennt Kerstin Mauer, die mit ihrer Familie in Neuendorf am Speck zu Hause ist. Gelebt hat sie den Karneval anfangs als Tänzerin in der Showtanz-Gruppe und der Funkengarde, nach und nach kam das gesprochene Wort hinzu. „Ich war mir für nichts zu schade“, sagt die 54-Jährige, die wunderbar über sich selbst lachen kann. Und der jeder, der sie einmal live erlebt hat, bescheinigen wird: Sie ist für die Bühne geboren.

Gäste sollen richtig lachen können

Sie begeistert mit einem komödiantischen und schauspielerischen Talent. Sie gibt dem Affen ordentlich Zucker, wie man so schön sagt, auch wenn das als Kompliment vielleicht wieder etwas abgegriffen klingt. Noch gut erinnert sie sich an die Reaktionen ihrer Töchter und deren Frage: „Ist dir denn gar nichts peinlich?“ Zumindest auf der Bühne nicht, sagt die 54-Jährige. „Mir geht es nur um den Spaß und darum, dass die Gäste mal wieder richtig schön lachen können.“ Um gleich die Frage, die sich viele jetzt sicher stellen, zu beantworten: Beruflich geht es bei Kerstin Mauer sachlich-korrekt zu, da wär ein Affe mit zu viel Zucker nicht so gern gesehen. Sie arbeitet in der Personalabteilung der Agentur für Arbeit in Stendal.

Kerstin Mauer möchte sich bei dem, was sie auf die Bühne bringt, nicht festlegen. Sie geht gern als Solistin in die Bütt, reiht sich in Spaßtänze ein, mag das gemeinsame Agieren mit Bühnenpartnern. In dieser Session ist sie mit Dirk Liebrecht und jeweils zwei Zuschauern zu erleben, nimmt sie das närrische Publikum mit ins Wartezimmer einer Arztpraxis. Sie agiert gern mit anderen, genießt das spielerische Miteinander. Denn sie weiß: „Allein auf der Bühne zu stehen, ist schon ein richtiger Kraftakt.“ An ihre erste Rolle kann sie sich noch ganz genau erinnern: „Ich stand als Putzfrau in der Bütt. Während der Rede flog der Schrubberkopf, den ich neu gekauft hatte, ins Publikum, und ich habe nur noch gelacht.“ Ja, räumt Kerstin Mauer ein, es ist gar nicht so leicht, auf der Bühne ernst zu bleiben, wenn unten im Publikum richtig gelacht wird.

Die meisten ihrer Texte schreibt sie selbst. „Früher gab es in den Vereinen untereinander einen Austausch, heute schaue ich oft ins Internet. Ich habe aber schon immer ganz viele eigene Ideen gehabt“, erzählt die 54-Jährige. Wenn die Gruppe Programmgestaltung, in der gewählte Vereinsvertreter sitzen, ihr Okay gibt, kommt ihre Nummer auf die Bühne. „Mittlerweile haben wir so viele Erfahrungen, da weiß man, was man sagen kann und was nicht.“ Aber zum Glück seien die Zeiten vorbei, in denen die Büttenreden zuvor von staatlicher Seite abgesegnet werden mussten.

Mauer fehlte 2018 im Programm

Ihr liegen die Alltagsthemen, gern auch mal derb-humorig dargeboten. „Eine politische Büttenrede könnte ich nicht halten“, gibt sie gern zu. Das wollen ihre Fans auch gar nicht. Die wurden in der vergangenen Session übrigens auf eine harte Probe gestellt. Vor allem aus familiären Gründen, aber auch wegen der Überlegung, die ehrenamtlich-karnevalistische Bühnenkarriere an den Nagel zu hängen, fehlte sie im Programm. Was sie dann zu hören bekam? „Kerstin, es geht nicht ohne dich.“

Also sagte sie für die laufende Session wieder zu. Und mal ehrlich, so richtig groß war der Widerstand nicht. Denn, dass gibt die Neuendorferin gern zu, auch sie habe die Auftritte vermisst. Denn heute denkt sie anders als vor Jahrzehnten. Damals als Jugendliche geisterte ihr beim Anblick von Mittfünfzigerinnen auf der Bühne eine Einstellung in ihrem Kopf herum: „Wenn du mal so alt bist, dann stehst du nicht mehr auf der Bühne.“ Heute sagte Kerstin Mauer: „Ich mache es, solange ich Spaß daran habe.“ Und das wird, wenn man sie so erlebt, wohl noch einige Zeit so sein.

Dass sie dafür viel Freizeit investieren muss, nimmt sie gern in Kauf. „Im Januar und Februar kann man sich am Wochenende nicht wirklich etwas vornehmen.“ Denn der Schinner Carneval Club absolviert immer ein ordentliches Pensum. In der Session 2018/19, die unter dem Motto „Autobahn und DSL, das alles geht hier nicht so schnell. Uns ist das heut’ total egal, wir feiern Schinner Karneval“ steht, gibt es fünf Abendveranstaltungen, einen Kinderkarneval und eine Nachmittagsveranstaltung vor allem für Senioren. Hinzu kommen die Proben, die meist schon im Herbst des Vorjahres beginnen. Aber, da spricht sie für die rund 50 Vereinsmitglieder: „Wir sind vom Karneval infiziert, wir haben Herzblut dafür.“ Für sich fügt sie hinzu: „Man wird vom Alltagsstress abgelenkt. Je älter ich werde, umso wertvoller wird mir das.“

Junge Leute kommen von auswärts zur Probe

Was ihr am Verein gefällt, ist die Altersmischung. Jugendliche sind mit ebenso großer Begeisterung dabei wie die gestandenen Damen und Herren, einige seit der Gründungszeit. Sie ziehe den Hut vor allem vor den jungen Leuten, die wegen der Ausbildung oder des Studiums auswärts wohnen und für Proben und Auftritte immer wieder nach Schinne kommen. Und ihr gefällt, „dass es immer ums gesamte Team geht“, wenn der SCC etwas anpackt. „Darauf bin ich richtig stolz.“ Darum wird die Gemeinschaft nicht nur in der fünften Jahreszeit gepflegt, sondern auch mit einem Grillfest an wärmeren Tagen und einer jährlichen Tagesfahrt.

Im Hause Mauer kommt zum Glück hinzu, dass das Narren-Gen in der Familie liegt. Jörg Mauer war viele Jahre Präsident des SCC und moderierte die Veranstaltungen, die beiden Töchter standen und stehen in Tanzgruppen auf der Bühne, gehörten über Jahre zur Mannschaft im Kinderkarneval. Und jetzt kommt der nächste Schritt. Tochter Josephin, 22 Jahre jung, steht in dieser Saison erstmals mit einem Redebeitrag auf der Bühne.

Kerstin Mauer hilft aber auch hinter der Bühne, hat früher eifrig Kostüme für die Truppe genäht. Sie selbst hat sich in den 35 Jahren einen ordentlichen Fundus zugelegt. „Von meinen Tanten habe ich früher Kleider und Pelze geschenkt bekommen“, verrät sie eine ihrer schier unerschöpflichen Quellen. Im Schrank gibt es also noch genug Kostüme für die nächsten Jahre. Und wie gesagt, Ideen hat die 54-Jährige ja immer schon gehabt.