Wernigerode/Hötensleben l Als er das erste Mal vom mysteriösen Tod der Franziskanerschwester Sigrada Witte hört, „durchzuckt“ es den Wernigeröder Jürgen Wolke. Er ist 2001 bei einem Schulfreund in Hötensleben, als er in dem Buch „Heringsbahn – Die innerdeutsche Grenze bei Hötensleben, Offleben und Schöningen“ von Achim Walther und Joachim Bittner einen Text über das Schicksal der Franziskaner-Schwester liest, die am 10. August 1951 nahe der Interzonengrenze bei Hötensleben und Schöningen tot aufgefunden wurde. „Ihre Geschichte hat mich seitdem nicht mehr losgelassen“, sagt Jürgen Wolke, der in Hötensleben aufgewachsen ist. Er beginnt zu recherchieren und sticht unbewusst in ein Wespennest.

Dank Jürgen Wolke erinnert seit 2007 ein gesegneter Gedenkort an das Schicksal der Ordensschwester. Ein drei Meter großes Holzkreuz und ein Stein mit Bronzeplakette stehen ganz in der Nähe der Stelle, an der die Schwester vermutlich vor dem Grenzübertritt ohne Interzonenschein erschossen wurde, zehn Kilometer südlich von Helmstedt und zwei Kilometer östlich von Schöningen am Ende des Mühlenwegs. Gut 8000 Euro Spenden hat der 66-Jährige gesammelt, um der getöteten Ordensschwester ein Denkmal zu setzen.

„Es geht mir nicht um eine Schuldfrage, sondern um Erinnerung“, betont Wolke, der bis zu seiner Rente als Küster in der Basilika Sankt Godehard in Hildesheim gearbeitet hat. „Das Kreuz steht für jene 26 Menschen, die im Umfeld der Grenze zwischen 1945 und 1952 umgekommen sind. Eigentlich müsste man für jeden dieser Toten ein Kreuz aufstellen“, sagt er. Doch nicht alle wollen sich wie er an jene Opfer der deutsch-deutschen Grenze erinnern. „Viele haben mit der Vergangenheit abgeschlossen.“ Bei einem Klassentreffen in seiner Heimat habe er seine Schulkameraden gebeten, ihn zu dem Gedenkort zu begleiten, den er geschaffen hat. Doch bis auf eine Schulfreundin weigern sich die einstigen Mitschüler. „Du hast uns etwas gegeben, das wir nicht haben wollten“, habe eine Mitschülerin zu ihm gesagt.

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Sigrada wird vielleicht Märtyrerin

Dass er den Todesfall an der Grenze nach vielen Jahren zurück in das Bewusstsein der Menschen in Hötensleben und Oschersleben gerückt hat, gefällt nicht jedem. „Aber die Kirche diskutiert nun, ob Schwester Sigrada als Märtyrerin des 20. Jahrhunderts eingestuft wird“, berichtet er. „Und das ist sie defintiv.“

Rücklick: Es ist das Jahr 1951. Sigrada Witte arbeitet seit 27 Jahren als Kindergärtnerin, davon 20 Jahre im Kindergarten im damaligen Katholischen Waisen- und Erziehungshaus Oschersleben. Die katholische Ordensschwester plant, ihren Vater am 12. August zu seinem 80. Geburtstag zu besuchen. Er wohnt in ihrer Heimatstadt, in Meggen bei Olpe in Westfalen, auf der anderen Seite der damals noch offenen, grünen Grenze. Streckmetallzaun, Todesstreifen und Schießbefehl – davon ahnen die Bewohner von Offleben und Hötensleben noch nichts. Die beiden Orte liegen keine drei Kilometer auseinander – und dennoch werden hier Welten getrennt: West und Ost.

Sigrada hat schon fünf Wochen vor dem Geburtstag des Vaters bei der Kreispolizei in Oschersleben einen Interzonenpass beantragt, doch vergebens auf die Bewilligung des Papiers gewartet, das einen Monat gültig gewesen wäre. Ihre Oberin im Franziskanerkloster von der ewigen Anbetung zu Olpe – die strikt gegen das unerlaubte Übertreten der Grenze war – signalisiert ihr schließlich kurz vor dem Geburtstag des geliebten Vaters, dass sie es Sigrada nicht verbieten wolle, in den Westen zu gehen, um von dort aus weiter mit der Bahn in ihre Heimat zu reisen.

Polizei spricht von Herzinfarkt

Mit dem Zug fährt die 51-Jährige am 8. August um 13.20 Uhr von Oschersleben nach Hötensleben – offiziell, um eine befreundete Familie zu besuchen. Es ist ein wolkiger und angenehm kühler Sommertag. Im Kloster kommt drei Tage lang keine Nachricht von ihr an. Die Oberin ist nicht beunruhigt, schließlich hat sie selbst Sigrada geraten, kein Telegramm zu schicken. All das ist nachzulesen in der Chronik des Franziskanerhauses. Am 11. August um 8.30 Uhr klingelt schließlich das Telefon im Kloster. Die Kriminalpolizei Oschersleben bittet eine Schwester, die Tasche Sigradas abzuholen. Die Gläubige selbst habe man tot bei Hötensleben aufgefunden, erklärt der Polizist. Nach Angaben der Behörden erlitt sie einen Herzinfarkt.

Schwester Angelona und Schwester Faustina gehen zur Polizei. Dort heißt es, ein Schäfer mit Schäferhund habe den leblosen Körper tags zuvor um 18 Uhr entdeckt. Der russische Kommandant sowie ein Arzt seien informiert worden. In der Leichenhalle bestätigen ein Gerichtsarzt aus Magdeburg, ein Amtsrichter, ein Mitarbeiter der Kriminalpolizei und ein Hausarzt die Todesursache „Herzschlag“. Die Schwestern, der Kaplan und die Oberin dürfen Sigradas Leiche dennoch nicht noch einmal sehen.

Unter großer Anteilnahme wird Sigrada Witte beerdigt. Hunderte Trauergäste geben ihr das letzte Geleit, darunter viele ehemalige Kindergartenkinder und deren Familien. Von einem „tragischen Dunkel, das ihr Sterben umgibt“ spricht Kaplan Kluge in seiner Trauerrede, und deutet damit an, was viele an diesem Tag denken.

Witte von Mord überzeugt

„Herzschlag? Daran glaubte niemand“, sagt Jürgen Wolke. Er ist überzeugt, dass Sigrada ermordet wurde. „Ich habe mit Zeitzeugen gesprochen. Mehrere Kinder, die in der Nähe spielten, hörten eindeutig Schüsse“, berichtet er. Einer der Zeugen, Günther Drewes, ist mittlerweile selbst nicht mehr am Leben. Jürgen Wolke hat auf Video festgehalten, wie Drewes den Tag, an dem Sigrada starb, erlebte. Er habe mehrere Schüsse gehört und sei dann in Richtung der Geräusche gelaufen. Überall sei Blut gewesen, als er den leblosen Körper der Nonne erblickte. Auch an ihrer Schläfe habe die Frau in Ordenstracht geblutet. „So sieht niemand aus, der einen Herzinfarkt hatte“, sagt Drewes in dem Film. Russische Soldaten hätten ihn und seine Freunde weggescheucht.

Auch zwei Ferienkinder, der zehnjährige Siegfried und der elfjährige Julius, aus dem Waisenhaus in Oschersleben, wo Sigrada arbeitete, haben die Schwester erkannt. Sie habe auf der Abraum-Kippe des Braunkohletagebaus gelegen, berichteten die Kinder im Kloster. An ihrer Schläfe habe ein kleines blutverkrustetes Loch geklafft. Den Kindern wird eingeflößt, kein Wort zu sagen. Zu groß ist die Angst vor Repressalien.

Jürgen Wolke kennt diese Angst. Gemeinsam mit zwei Schulfreunden gehört er einer Gruppe an, die sich „die Aufrechten“ nennt. „Es war Krieg, auch wenn man keine Kämpfe gesehen hat“, beschreibt er jenes beklemmende Gefühl, mit dem er aufwuchs. „Ich bin schon immer gegen den Strom geschwommen“, sagt der gläubige Katholik. „Wir konnten in Hötensleben weder nach Norden, noch in den Westen. Wir haben den Wald immer vor Augen gehabt, durften aber nicht hinein.“ Grenzer seien Tag und Nacht durch den Ort gefahren.

Waisenjunge nahm Kreuz mit

Was genau am 9. oder 10. August geschehen ist, das weiß Jürgen Wolke bis heute, nach vielen Jahren Recherche nicht. Im Tageskurzbericht der Oscherslebener Volkspolizei vom 10. August heißt es: „Es handelt sich vermutlich um einen Mord.“ Dies erfährt Wolke im Zuge seiner Nachforschungen beim Landeshauptarchiv. „Die ganze Wahrheit kennt nur Moskau“, ist Jürgen Wolke überzeugt. Über befreundete Landtags- und Bundestagsabgeordnete hat er Anfragen stellen lassen. Bislang ohne Ergebnis. Seine Hoffnung? „Dass kein Opfer jemals vergessen wird“, sagt er. Deshalb lädt Jürgen Wolke am Sonntag, 13. August, zu einer ökumenischen Andacht an das Kreuz Sigrada ein. Der Beginn ist um 16 Uhr. Bei schlechtem Wetter findet der Gottesdienst in der katholischen Kirche St. Josef und St. Augustinus in Hötensleben statt.

Einer der beiden Waisenjungen, die Sigradas Leichnam auf der Halde fanden, nahm damals das Kreuz an sich, das die Nonne um den Hals trug. Aus Angst habe er das Kreuz über Jahrzehnte geheim gehalten und Wolke gegeben, nachdem er von dessen Engagement erfuhr. Jürgen Wolke hält es wie ein rohes Ei in den Händen. „Ich werde es den Hinterbliebenen Sigradas zeigen und den Ordensschwestern überreichen“.