Magdeburg l Als der 62-jährige Allgemeinmediziner Hans D. erklärt, dass er seit 6. Dezember 2019 rechtskräftig geschieden ist, sieht ihn der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg ungläubig an. Am 9. Januar hatte die Angeklagte etwas anderes behauptet. Sie sei seit 2018 „nur getrennt lebend“.

Unwahrheiten wie diese ziehen sich nach Aussagen von Hans D. durch das ganze Leben mit seiner Ex-Frau. Er attestiert ihr: „Sie ist eine Meisterin der Manipulation, eine notorische Lügnerin und die beste Schauspielerin der Welt.“ Schon das Kennenlernen Anfang 2012 basierte auf einer Unwahrheit. Sie gab sich als privatversicherte Patientin aus und ließ sich eine Rechnung schicken. Weil kein Geld einging, telefonierte er mit ihr. Es folgte erst eine Unterhaltung, dann ein Flirt. Später ging wohl alles sehr schnell. „Am 19. Juni 2012 ist sie zu mir gezogen“, sagt er. Im Sommer folgte ein Urlaub „mit euphorischen Emotionen einer Liebe“, wie er sagt. Für den damals 55-Jährigen ging mit der 20 Jahre jüngeren Blondine ein Traum in Erfüllung. Hans D.: „Ich hatte mir immer eine intakte eigene Familie gewünscht.“

Diese war ihm bis dahin nicht vergönnt. Doch mit Anja D., eine angeblich erfolgreiche Fachanwältin für Wirtschafts- und Insolvenzrecht, sollte alles anders werden. Er wusste nicht, dass sie nur eine abgebrochene Ausbildung in einer Rechtsanwaltskanzlei hatte. Auf einem Wolkenkratzer in Thailand folgte der Heiratsantrag. Ende September 2012 sagte sie ihm, dass sie schwanger ist. Noch im Dezember heiratete das Paar. Sie selbst schlug sogar einen Ehevertrag vor. Beide gingen acht Tage später zum Notar. Auch dort gab sie sich als „Juristin für Wirtschaftsrecht“ aus.

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Hans D.: „Dadurch vertraute ich ihr voll und ganz. Wem soll ich denn sonst vertrauen, wenn nicht der eigenen Ehefrau.“ Zunächst habe es keine Hinweise auf eine Betrügerin gegeben. Selbst ihre Eltern hätten ihn nie gewarnt, obwohl sie von den Lügen ihrer Tochter seit der Kindheit gewusst haben sollen, wie er sagt. Und: Anja D. half ihm in der Praxis mit allen Papieren. Zumindest tat sie so. „Ich kümmerte mich um die Kinder und sie war die Geschäftsfrau, die das Geld nach Hause bringt.“ Laut Anklage sein eigenes vom Konto.

Erst nachdem im Oktober 2018 alles aufflog, kamen viele Geschichten hoch, für die es bis dahin für ihn keine rechten Erklärungen gab. So auch diese: Er wünschte sich immer einen Sohn. Sie kam in der zweiten Schwangerschaft nach Hause und soll ihm gesagt haben: „Schatz, beide Professoren haben gesagt, es wird tausendprozentig ein Junge.“ Entbindungstermin sei 25. Mai. Beides stimmte am Ende nicht, denn am 18. März stand sie plötzlich nachts in der Arztvilla und bekam ein Mädchen.

Hund in Obhut gegeben

Der Rettungswagen kam wegen eines falschen Straßennamens zu spät, so dass der Arzt dem Kind alleine auf die Welt half. „Zum Glück konnte ich das Kind beleben“, sagt er. Ein Kollege habe ihm später gesagt, dass es auch keine Frühgeburt war. Anderes Beispiel: „Sie hat meinen Hund erschießen lassen.“ Es gab zunächst einen Beißunfall mit dem Golden Retriever. „Jonny“ habe zugeschnappt, als die kleine Tochter nachts versehentlich auf das Tier trat. Hans D.: „Wir haben den Hund zu einem Freund in Obhut gegeben, der Jäger ist.“

Anja D. habe ihrem Mann dann erklärt, der Hund habe auch andere angefallen und erschossen werden müssen. Nach der Trennung sagte der Jäger aber wohl: „Sie gab mir den Befehl dazu.“ Und er dürfe auf keinen Fall Hans kontaktieren. So habe seine Ex-Frau viele manipuliert. Sie habe seine Funktelefonnummer zu sich umgeleitet und die E-Mails abgefangen – auch zu seinem 60. Geburtstag. Er wunderte sich, dass sich keiner meldete.

Das Lügenkonstrukt brach zusammen, als er am 3. Oktober 2018 nach einem Urlaub mit den Kindern nach Hause kam. Die Villa war verwüstet. Die Polizei ging nicht von einem Einbruch aus, konnte Anja D. aber auch nichts nachweisen. Offenbar wusste sie, so vermutet der Arzt, dass Strom, Wasser, Energie wegen nicht gezahlter Rechnungen und Mahnungen abgeschaltet werden sollten. So erfand sie eine Geschichte, um ihn und die Kinder in den Urlaub zu schicken.

Konto leergeräumt

Entgegen allen Versprechungen habe sie sich um nichts gekümmert. Zu diesem Zeitpunkt war sie zusammen mit ihrem Liebhaber, dem Gastronomen Olaf B., in New York. Dem habe sie wiederum vorgelogen, dass beide seit Jahren geschieden sind. Insgesamt, so die Anklage, räumte sie 900.000 Euro vom Konto des Arztes ab. Sie kaufte ohne sein Wissen einen Mini, einen Maserati und einen Mercedes G-Klasse. Letzteren hatte sie Olaf B. überschrieben. Der Prozess wird am 22. Januar fortgesetzt.