Modellprojekte in Sachsen-Anhalt

Kultur macht probeweise auf: Theater Dessau öffnet an vier Tagen, in Magdeburg planen 15 Häuser Veranstaltungswoche.

Sachsen-Anhalt ermöglicht unter bestimmten Bedingungen zeitlich befristete Modellprojekte für kulturelle Veranstaltungen in den drei Städten Dessau-Roßlau, Magdeburg und Halle. Wie wird das genutzt?

Von Grit Warnat
Eine Szene aus der Inszenierung "Orphèe". Die Glass-Oper soll während eines Modellprojektes am Anhaltinischen Theater Dessau aufgeführt werden. Foto: Claudia Heysel

Dessau-Roßlau/Magdeburg. Wenn man dieser Tage mit Johannes Weigand spricht, schaut der Intendant des Anhaltischen Theaters Dessau zuallererst auf die aktuelle Inzidenzzahl. Die ist Voraussetzung dafür, dass sein Theater am Modellprojekt teilnehmen kann.

Am Mittwoch lag die Zahl in der Bauhaus-Stadt bei 127,3, gestern noch darunter und somit unter der vom Land geforderten 200-Inzidenz-Marke. Die Zahl sei wechselhaft wie das April-Wetter, sagt Weigand scherzend. Dabei ist Theaterleuten wie ihm so gar nicht mehr nach Scherzen zumute. Seit Anfang November verharrt die Kultur im Geschlossen-Modus. Schon im März habe man auf Öffnungsschritte gehofft, sagt der Dessauer Intendant. Man plane seitdem, man sei vorbereitet.

Die Staatskanzlei und das Ministerium für Kultur haben im Erlass die vorsichtige Öffnung an Bedingungen geknüpft. Es geht um Kontaktnachverfolgung, Hygienekonzepte und wie Kulturminister Rainer Robra (CDU) sagte, um ein konsequentes Testregime sowie um eine Beschränkung auf 100 Gäste pro Tag und Stadt.

Teststrecke im Theaterrestaurant

Am Montag nun soll Weigands Haus öffnen – für ein einwöchiges Modellprojekt am Anhaltischen Theater.

Vom 12. bis 18. April sollen „Frühlingsstimmen“ erklingen. Zweimal ist ein Konzert geplant, ebenso die Premiere der Oper „Orphée“ von Philip Glass. Die Generalprobe hatte noch stattfinden können. Dann musste – wie auf allen deutschen Bühnen – der Vorhang fallen. Somit gehört die Inszenierung zu jenen Stücken, die im Premieren-Stau hängen.

Auch das Ballett soll nächste Woche nach langer Bühnenabstinenz zum Zuge kommen. „Toccata 20“ ist im Bauhaus-Museum geplant. Die Tänzer auf mehreren Bühnen, das Publikum, getestet und mit Mundschutz und Abstand, mittendrin.

Auch die eigenen Mitarbeiter werden getestet, sagt der Indendant. Besucher müssen einen zertifizierten tagesaktuellen Test vorweisen. Da an den Wochenenden die städtischen Testzentren in Dessau und Roßlau nicht geöffnet sind, können sich Besucher im Theater testen lassen. Dafür wird das Theaterrestaurant zur Teststrecke. Weigand erzählt, dass das Deutsche Rote Kreuz die Antigen-Schnelltests durchführen wird. Das Ganze für 100 Besucher zu händeln, nennt er „wahnsinnig kompliziert“. Aber das Haus will aufmachen. „Wir beweisen anhand der vier Spieltage, wie die Öffnung funktionieren kann“, so der Intendant.

Während in Halle die hohen Inzidenzwerte Planungen ganz schwer machen, wollen diesen Öffnungs-Beweis auch Kulturakteure in der Landeshauptstadt. Das Netzwerk freie Kultur, das sich bereits seit dem ersten Lockdown in einem regelmäßigen Austausch zusammenfindet, plant gemeinsam mit kommunalen Einrichtungen „Eine Woche voller Kultur“. Am 24. April soll es losgehen. 15 Häuser wollen sich beteiligen. Der Öffnungswille ist groß, die Kulturakteure breit aufgestellt.

Während in Dessau das Modellprojekt lediglich auf ein Haus zugeschnitten ist, müssen sich in Magdeburg viele Mitmachende auf Zuschauerzahlen einigen. Denn „pro Tag und Stadt dürfen nicht mehr als insgesamt 100 Personen an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen“. So steht es im Erlass. Der Grund laut Staatskanzlei: Im Infektionsfall müssten alle Teilnehmer ohne Mühen nachverfolgt werden können.

100 Besucher pro Tag und Stadt

Das bedeutet ein einmaliges Öffnen von Einrichtungen wie beispielsweise der beiden Kabaretts „Magdeburger Zwickmühle“ und „... nach Hengstmanns“, des Forum Gestaltung, des Kulturzentrums Moritzhof, der Feuerwache, des Theaters an der Angel. Auch das Theater Magdeburg wird laut aktuellem Stand nur einmal für ein Konzert seine Türen aufmachen – und 50 Besucher empfangen. Das Puppentheater Magdeburg wird ein Erwachsenenstück anbieten und „Teddy Brumm“ für Kinder. In der nächsten Woche soll das Programm stehen und veröffentlicht werden.

Bei so manchem Akteur schlagen zwei Herzen in einer Brust. Einerseits, so hört man, sei die 100-Leute-Beschränkung für ganz Magdeburg ein Witz, andererseits aber sei die Woche ein wichtiges Zeichen für eine schrittweise Wiedereröffnung der Kultureinrichtungen. Im Papier des Netzwerkes heißt es: „Wir aus Magdeburg wollen ein Signal der Hoffnung aussenden und die Kultur als notwendiges Lebensmittel wieder in ihr Wirkrecht setzen.“ Der Kabarettist Tobias Hengstmann spricht von einer symbolischen Öffnungswoche. Hengstmann sagt wie zuvor schon der Dessauer Intendant: „Wir müssen unbedingt transportieren, dass Öffnungen funktionieren.“