Magdeburg l Mit der heutigen Kolumne will ich niemanden beleidigen. Aber da ihr ja bekannt seid für eure Direktheit, dachte ich mir, dass ihr meine ehrliche Meinung vielleicht tolerieren werdet. Also, hier ist sie: Ich mag Silvester in Deutschland nicht.

Natürlich finde ich nicht alles daran schlimm. Ich mag zum Beispiel den Teil des Abends, an dem man flüssiges Blei ins Wasser gießt. Und ich mag das Wort „Silvester”, das ihr für jenen Abend habt, den wir völlig kreativlos „New Year’s Eve” nennen. Das ist alles okay. Bis auf eine Sache: das Feuerwerk.

Mein erstes deutsches Silvester war vor fünf Jahren. Meine Freundin nahm mich mit auf ein spätes Konzert in einer Kirche, die auf einer Anhöhe in einem historischen Stadtkern stand. Meine Freundin spielte dort Geige. Was könnte zivilisierter sein, dachte ich, als hier zu sitzen und der Musik bei einem Gläschen Sekt zu lauschen.

Feuerwerkskörper in Bierflaschen

Doch dann begann das Feuerwerk. Dasselbe Publikum, das vor wenigen Minuten noch seelenruhig der Musik von Telemann und Bach gelauscht hatte, mutierte plötzlich zu einer gefährlichen Gruppe von Zündlern. Da wurden ungeniert echte Feuerwerkskörper in jede Lücke des mittelalterlichen Mauerwerks gesteckt. Oder in Bierflaschen. Niemanden schienen die Explosionen um ihn herum zu stören. Und da ich vom Hügel aus die ganze Stadt im Blick hatte, sah ich auch, dass es dort unten nicht besser war. Ich möchte nicht wie ein Weichei klingen, aber ich hatte schon Todesangst. Ein wenig später, nachdem ich mich zu Hause bei „Dinner for One“ wieder beruhigt hatte, erfuhr ich, dass die Deutschen an Silvester nicht nur wegen der Tradition so ausflippen, sondern auch wegen des Gesetzes. Ich las, dass man das ganze Jahr über keine Feuerwerkskörper zünden darf – außer an Silvester.

In Großbritannien ist das Gesetz viel lockerer: Man darf Feuerwerkskörper an jedem Tag des Jahres anzünden – zwischen 7 und 23 Uhr. Und man darf zu speziellen Anlässen, so auch an Silvester, ein oder zwei Stunden länger zündeln. Es gibt bei uns viele öffentliche Feuershows, beispielsweise die „Bonfire Night“ am 5. November. Wenn wir selbst Feuerwerk zünden, dann sind wir viel vorsichtiger. Ich erinnere mich an die gut durchorganisierten Feuerwerkshows in meiner Kindheit. Da gab es dann Erwachsene mit verantwortungsvollem und gleichzeitig leicht besorgtem Blick und schweren Schutzhandschuhen. Die Erwachsenen sorgten dafür, dass wir Kinder auf jeden Fall vom Feuerwerk weit genug entfernt sind. Und ich spreche hier über Großbritannien. Einem Land, das leichtsinnig genug ist, die EU zu verlassen.

Unnötige Spannung durch Verbot

Warum also sind Deutsche so waghalsig, wenn es um Feuerwerk geht? Ich frage mich, ob es ein bisschen so ist wie in dem Horrorfilm „The Purge” (Die Säuberung), in dem alles einmal pro Jahr für zwölf Stunden erlaubt ist. Wie nicht anders zu erwarten, sind diese Stunden geprägt von brutalen Verbrechen. Ja, sogar als zivilisiert geltende Bürger entwickeln sich plötzlich zu Mördern. Aber für den Rest des Jahres gibt es gar keine Kriminalität. Menschen heben sich alles für die eine Nacht auf. Natürlich ist das eine furchtbare Idee. Trotzdem muss es den Deutschen an Silvester ähnlich gehen – natürlich nur, was das Feuerwerk angeht. Feuerwerkskörper an jedem Tag des Jahres zu verbieten außer an einem, macht sie unnötig spannender als sie sind.

Ist der vorsichtige britische Umgang mit Feuerwerkskörpern verantwortungsvoller? So fahrlässig ich viele Entscheidungen unseres Landes finde – an der Spitze davon den Brexit - muss ich zugeben: ich finde schon. Schon allein, weil unsere Hände an Silvester beim Zünden eines Böllers nicht vor Aufregung zittern, weil wir gerade etwas tun, was an 364 Tagen des Jahres illegal ist. Euer Paul

Paul Kilbey ist gebürtiger Brite und lebt seit zwei Jahren in Magdeburg.

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