Mühlbeck l Ein idyllischer Frühsommertag im Ortskern von Mühlbeck. (Landkreis Anhalt-Bitterfeld). Vögel zwitschern. Eine romanische Feldsteinkirche aus dem 12. Jahrhundert überragt die Häuser im Zentrum des 1000-Seelen-Örtchens in der Nähe des Großen Goitzsche-Sees. Dass Mühlbeck-Friedersdorf ein Ort für Buchliebhaber ist, wird spätestens beim Blick auf einen Wegweiser am Dorfplatz klar. In verschiedenen Richtungen zeigen Pfeile zu den fünf Antiquariaten des Ortes. Rund eine halbe Million Bücher gibt es dort seit bald 22 Jahren zu entdecken.

Heidemarie Dehne ist daran nicht ganz unbeteiligt. Sie hob das Buchdorf im September 1997 aus der Taufe. Die 76-Jährige tritt aus ihrem Antiquariat am Ortseingang von Mühlbeck. Den Weg zum Café im Innenhof des Hauses flankieren Bücherregale. Dort beginnt die gebürtige Rheinländerin zu erzählen. Von Köln nach Bitterfeld hatte es sie 1994 aus beruflichen Gründen verschlagen. Nachdem sie am Aufbau eines Altenheims in Bitterfeld mitgewirkt hatte, entschloss sie, sich beruflich neu zu erfinden.

Die gelernte Einzelhandelskauffrau, beruflich häufig auf Reisen, brachte die Idee des Buchdorfs von einem Besuch in Wales mit. 1961 hatte Richard Booth im strukturschwachen Hay-on-Wye ein solches Dorf gegründet. Zahlreiche Antiquariate und Cafés und Restaurants für Bibliophile ziehen bis heute Touristen an. „Das sollte doch auch in Deutschland funktionieren", dachte sich Dehne. Im Gemeinderat und beim Bürgermeister von Mühlbeck stieß sie mit ihrem Plan auf offene Ohren.

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Stammkunde im Bücherdorf

Dehne und sechs Mitstreiterinnen durften loslegen. In der ehemaligen Grundschule des Ortes eröffneten die ersten Läden. Andere Antiquariate kamen in den Folgejahren in nicht mehr genutzten Objekten – in einer Schmiede, einer alten Bäckerei, in einem Stallgebäude und dem ehemaligen Dorfkonsum – unter. Heidemarie Dehne fuhr anfänglich quer durch die Republik, um die ersten Bücherspenden abzuholen und die alte Schule nach und nach zu füllen.

Im früheren Dorfkonsum, der Heidemarie Dehnes Antiquariat beherbergt, stöbern die Kunden heute nach Krimis, Kochbüchern oder Kinderbüchern aus der DDR. Uwe Wawrzyniak fischt dort gerade ein Buch des amerikanischen Autors Harold Robbins aus dem Regal. Er ist Stammkunde in den Antiquariaten von Mühlbeck. „Hier kann man Glück haben und günstig an Bücher kommen, die man anderswo nicht mehr findet", sagt er.

In der alten Schule, dort, wo alles begann, sortiert währenddessen Myriam Gödicke Bücher. DDR-Kinderbücher, die gingen ziemlich gut, sagt die gebürtige Mühlbeckerin. Neben allen wichtigen Genres lagern in ihrem Antiquariat auch Preziosen, wie gut erhaltene DDR-Warenhaus-Kataloge. Besonders freut sie sich, wenn sie ihren Kunden eine Freude machen kann. Einer alten Dame etwa, die nach langen Jahren des Suchens das geliebte Buch aus Kindertagen in Mühlbeck fand.

Allein von den Kunden vor Ort kann Antiquarin Heidemarie Dehne nicht leben. Sie verkauft ihre Bücher mittlerweile auch über Online-Plattformen, führt ein Café mit regelmäßigen Lesungen und bietet Ferienwohnungen an. Ortsbürgermeister Bernd Hieronymus, der 1997 zu den Befürwortern des Buchdorfs zählte, gibt zu, dass er sich mit dem Buchdorf mehr Zugkraft für den Ort erhofft hatte. Die meisten Besucher ziehe Mühlbeck im Sommer an, wenn an der Goitzsche der Tourismus ohnehin gut läuft. Doch der ganz große Aufbruch – mit Cafés, Gaststätten und zusätzlichen spezialisierten Buchhändlern – habe in Mühlbeck leider nicht stattgefunden.

Auch wenn von den einst sieben Antiquariaten nur noch fünf geblieben sind, Buchdorf-Initiatorin Heidemarie Dehne ist stolz auf das Erreichte. Sie ist sich sicher: Bücherliebhaber wird es immer geben. Und wer in den Antiquariaten in Mühlbeck etwas Zeit mitbringt und Lust aufs Stöbern hat, der wird bei seinem Besuch sicher nicht enttäuscht.

Ein Feiertag für das Lesen - der Kommentar zum Thema.