Magdeburg l Cannabis auf Rezept ist seit März 2017 in Deutschland erlaubt. Damit schoss die Zahl der Behandlungen in die Höhe. Derzeit werden in ganz Deutschland geschätzt zwischen 12.000 und 14.000 Patientinnen und Patienten mit medizinischem Cannabis versorgt. Genaue Zahlen auch für Sachsen-Anhalt gibt es nicht, dennoch konstatieren auch die Krankenkassen im Land eine steigende Nachfrage. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) prüfte eigenen Angaben nach allein im ersten Halbjahr 2018 rund 300 Anträge. Allerdings geht aus dem „Cannabis-Report“ der Techniker Krankenkasse (TK) hervor, dass Sachsen-Anhalt mit 77 Cannabis-Verordnungen pro 100.000 Versicherten noch deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Dieser beträgt 123 Verordnungen.

Den Gesamtbedarf kann Deutschland bisher nur aus Importen decken. Um das zu ändern, schrieb das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im März Aufträge zur streng regulierten Produktion an Unternehmen aus. Nach einem zwischenzeitlichen Stopp im Juli wurde die Frist für Angebote nochmals verlängert. Stichtag für das zweite Auschreibungsverfahren ist nunmehr der morgige Dienstag. Bei der ersten Ausschreibung (hier ging es um insgesamt 6,6 Tonnen verteilt auf vier Jahre) bewarben sich 118 Firmen. Nunmehr, da es um 10,4 Tonnen Cannabis geht, sollen es doppelt so viele sein.

Ob sich auch Unternehmen aus Sachsen-Anhalt beworben haben, wollte das BfArM auf Anfrage nicht preisgeben. Nach Volksstimme-Informationen haben sich zwei Firmen am Losverfahren beteiligt. Das Wirtschaftsministerium bestätigte das: „Uns sind zwei Projekte zur Errichtung von Produktionsstätten für Medizinalcannabis bekannt. Beide Investoren/Bietergruppen haben sich am Ausschreibungsverfahren beteiligt.“ Das Ergebnis sei offen, Namen dürften nicht genannt werden. „Sollte ihnen ein Zuschlag erteilt werden, würden sich die notwendigen einzelbetrieblichen Investitionen im unteren zweistelligen Millionenbereich bewegen“, heißt es in der Erklärung weiter. Das Wirtschaftsministerium sei (über die Investitionsbank) nur für eine eventuelle Förderung eines solchen Projekts zuständig. „Ein Förderantrag wurde aber noch nicht eingereicht.“

Aus Sicht von Dr. Gundula Barsch, Professorin an der Hochschule Merseburg, ist das Hickhack um das Ausschreibungsverfahren „eine Farce“. Sie unterstellt dem BfArM eine Hinhaltetaktik. „Ich sehe nicht den Willen, das Thema ernsthaft anzugehen.“ Im Ausland werde über Deutschland gespottet. „Die Kriterien, die erfüllt werden müssen, um den Zuschlag zu erhalten, sind illusorisch. Ich kenne einige, die deswegen aus dem Verfahren ausgestiegen sind.“ Das sei sehr schade: „Für Sachsen-Anhalt mit seinem großen ländlichen Raum und vielen Industriebrachen wäre das eine Riesenchance und der Cannabis-Anbau ein ganz neuer, boomender Industriezweig.“

Fachübergreifend erforschen

Zudem regt Barsch, die sich für ein interdisziplinäres Cannabis-Forschungsinstitut in Merseburg stark macht, an, das Thema Cannabis fachübergreifend zu erforschen: „Es gilt nicht nur das medizinische Potenzial weiter auszuloten, denn Hanf kann auch in vielen anderen Bereichen eingesetzt werden, zum Beispiel in der Papierproduktion oder als Alternative zu künstlichen Werkstoffen.“