Magdeburg l Henning Fritz ist gebürtiger Magdeburger und stand von 1988 bis 2001 im Tor des SCM. Am Ende seiner grandiosen Karriere (u.a. Welt- und Europameister) war er von 2007 bis 2012 auch bei den Rhein-Neckar Löwen unter Vertrag. Im Interview mit der Volksstimme erklärt der 44-Jährige, dass zwei Herzen in seiner Brust schlagen und was er über die aktuelle Formkrise des SCM denkt.

Volksstimme: Herr Fritz, Sie haben sowohl für den SC Magdeburg als auch für die Rhein-Neckar Löwen gespielt. Welcher Mannschaft drücken Sie heute Abend die Daumen?
Henning Fritz (lacht):
Ich nehme eine neutrale Position ein. Meine Wurzeln habe ich in Magdeburg, aber bei diesem Spiel schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Deshalb sage ich: Der Bessere soll gewinnen.

Der SC Magdeburg ist zuletzt etwas unter die Räder gekommen. Erst das Aus im EHF-Cup, dann die Heim-Niederlage gegen Göppingen. Hat Sie das überrascht?
In dieser Form hat mich das überrascht und ich habe mich darüber gewundert, ja. In den vergangenen Jahren hat sich der SCM unter Bennet Wiegert zu einer Spitzenmannschaft entwickelt. Und sie sind auch in diese Saison selbstbewusst gestartet, haben konstant gespielt. Das EHF-Cup-Spiel gegen Porto hat mich dann an 1999 erinnert, als uns (SCM/d. Red.) der portugiesische Club ABC Braga im Achtelfinale aus dem EHF-Pokal geschmissen hat. Die hatte da auch niemand auf der Rechnung, aber sie haben das geschickt angestellt.

Und so erging es dem SCM jetzt wieder. Wobei man sagen muss: Nicht nur auf dem Papier war das eine klare Sache. Porto war unglaublich gut, vor allem physisch. Und sie haben die Magdeburger in einer Phase getroffen, in der diese nicht hundertprozentig sie selbst waren. Es kam ja zum Beispiel noch Verletzungspech hinzu.

Und das reißt momentan nicht ab. Mit Christian O’Sullivan und Piotr Chrapkowski fallen zwei Leistungsträger aus. Ist die geringe Kaderbreite eine, wenn nicht gar die größte Schwäche des SCM?
Auf jeden Fall. Sobald ein, zwei Leistungsträger fehlen, ist das einfach ein Rückschlag. Ein Michael Damgaard kann eben noch nicht ganz an seine Leistungen aus der vergangenen Saison anknüpfen und zum Beispiel einen O’Sullivan ersetzen. Er wurde und wird da von Verletzungen zurückgeworfen. Aber jetzt ist er trotzdem gefordert.

Man darf allerdings nicht vergessen, dass es den Rhein-Neckar Löwen ja auch so geht. Auch hier sind viele gespannt, wie sich die Mannschaft ohne einen Andy Schmid schlagen würde. Aber bislang ist er eben – und das jetzt bitte nicht falsch verstehen, denn das ist ja gut so – von größeren Verletzungen verschont geblieben.

Trotz all der Herausforderungen: Wie wichtig ist gerade in dieser Phase ein Sieg für den SCM?
Enorm wichtig. Die Magdeburger müssen schauen, dass sie die Kurve zurück in die Erfolgsspur kriegen. Denn damit du am Ende etwas Handfestes vorweisen kannst, hast du wenig Luft und Zeit für eine Schwächephase. Die kannst du dir im Rennen mit Kiel und Flensburg nicht erlauben.

Das heißt, die Partie gegen die Rhein-Neckar Löwen hat für Sie auch einen vorentscheidenden Charakter bezüglich der Meisterschaft?
Vorentscheidend würde ich nicht sagen, aber das Spiel ist auf jeden Fall richtungsweisend. Es ist ein Aufeinandertreffen mit der direkten Konkurrenz. Da kann man jetzt lange philosophieren, aber letztlich bleibt doch der Fakt: Es ist für beide Teams enorm wichtig, zu punkten.

Die Rhein-Neckar Löwen sind zuletzt wieder besser ins Rollen gekommen, haben in der Champions League gegen IFK Kristianstad gewonnen. Hat das Team von Nikolaj Jacobsen deshalb vom „Kopf“ her einen Vorteil?
Nein, das denke ich nicht. In diesem Spiel hängt es vom Momentum und der Tagesform ab. Einen Vorteil haben die Rhein-Neckar Löwen auf ihrer Seite, da es für sie ein Heimspiel in der SAP-Arena ist. Ansonsten wird entscheidend sein, welches Torwart-Duo den besseren Einstieg ins Spiel findet.

Bei den Mannheimern ist Andy Schmid weiterhin der Dreh- und Angelpunkt in ihrem Spiel. Kim Eckdahl mussten sie ja gehen lassen. Es wird also auch darauf ankommen, wie die Magdeburger Schmid auf der Spielmacher-Position in den Griff bekommen.

Im Tor treffen zwei absolute Top-Gespanne der Bundesliga aufeinander. Dario Quenstedt und Jannick Green vs. Mikael Appelgren und Andreas Palicka. Wie ordnen Sie deren Leistung ein?
Das sind jeweils Spitzen-Torhüter. Die Gespanne sind sehr ausgeglichen. Wobei in den letzten Jahren die Torwarte der Löwen meiner Meinung nach leicht die Nase vorn hatten – sie ergänzen sich einfach sehr gut. Die Magdeburger Keeper hatten gegen Porto zum Beispiel nur wenige Möglichkeiten, sich auszuzeichnen. Aber auch hier: Ein Dario Quenstedt hat nicht umsonst das Interesse vom THW Kiel geweckt.

Mittlerweile ist es ja so, dass die Spitzen-Clubs allesamt Torhüter auf Weltklasse-Niveau haben. Daher entscheiden Kleinigkeiten, Nuancen und, ich weiß, ich wiederhole mich, die Tagesform. (lacht)

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