Magdeburg l Einer Anja Muth muss man schon ein wenig Zeit geben, um sie näher kennenzulernen. Eine Anja Muth wirkt immer ein bisschen unnahbar, wenn man ihr begegnet. „Das wurde mir schon öfter gesagt“, sagt sie lächelnd. Aber Anja Muth ist gar nicht so unnahbar.

Sie feiert sogar gerne Siege und Erfolge, sie scheut keinen Zweikampf auf der Platte. Die 119 Tore, die sie in der vergangenen und vorzeitig beendeten Saison 2019/20 für den Aufsteiger Post SV Magdeburg markierte, bedeuteten zugleich den Spitzenrang in der Liste der Sachsen-Anhalt-Liga vor Jenny Friese vom Landesmeister TuS 1860 (117). „Wir kennen uns beide gut“, sagt Muth über die Gegnerin, mit der sie schon gemeinsam beim Beachhandball im Sand gestanden hat und mit der sie sogar ein Traumduo in Sachen feierlicher Analyse nach der Schlusssirene abgeben würde.

Haben uns als Mannschaft super entwickelt

Aber Muth sitzt nun mal in der anderen Umkleidekabine, in einem anderen Trikot. Und das schon ziemlich lange. Sie hatte unter anderem einst beim HC Salzland in der Regionalliga und beim TSV Niederndodeleben gespielt und dann eine zweijährige Pause eingelegt, ehe sie 2014 im Post-Trikot zurückkehrte. „Ich hatte mich 2013 selbständig gemacht, mir war dann der Aufwand mit den Partien am Wochenende und den Auswärtsfahrten einfach zu groß geworden“, begründet sie ihre Auszeit, die ursprünglich mehr sein sollte: „Eigentlich hatte ich meine Karriere an den Nagel gehängt.“

Ihre Geschichte bei Post begann in der 1. Nordliga, und ihre Geschichte bei Post nahm nun ihren vorläufigen Höhepunkt mit Rang fünf in der höchsten Liga des Landes. Und zwar als Aufsteiger.

Von der Qualität der Mannschaft überzeugt

„Ich war überzeugt, dass wir den Gegnern in der Liga standhalten würden“, erklärt die Mama des fünfjährigen Charlie. Denn was die Post-Damen auszeichnet, ist die Tasache, „dass wir uns als Mannschaft super entwickelt haben“, sagt die 35-Jährige. Und dies unter Trainer Daniel Röwer, der quasi mit seinem schönsten Moment, dem Aufstieg, im vergangenen Sommer das Team verlassen hat, um sich mehr seiner Familie zu widmen.

Auch der neue Coach Martin Schwerthfeger erfährt in jedem Training und in jeder Partie, „dass bei uns ein großer Zusammenhalt herrscht“, betont Muth. Was sich zugleich an ihrer Einstellung erklären lässt. Zum einen: „Mir sind meine Tore nicht wichtig, sondern der Erfolg des Teams.“ Zum anderen: „Ich habe in keinem Spiel gefehlt. Und ich habe immer durchgespielt.“

Abschied von Degen ein herber Verlust

Zu diesem Team gehörte in der vergangenen Saison noch Cindy Degen, und darauf angesprochen, muss Muth doch ziemlich tief seufzen. Denn Degen war die Spielpartnerin, mit der sie das beste Timing im Angriff gefunden hat. Muth kommt über den linken Rückraum. Degen kam über die Mitte. Nun ist sie beim Oberligisten VfL Wolfsburg gelandet. Und das ist ein herber Verlust für Post. Und eben für Muth.

Sie wird deshalb darüber nachdenken, mit welchen Ambitionen sie in die kommende Saison geht. Vor der vergangenen „waren die Meinungen über das Ziel schon gesplittet“, erinnert sich Anja Muth, die auch im Aufstiegsjahr die beste Schützin ihrer Mannschaft mit 133 Toren war. Womöglich hatten sich die meisten Damen im Kampf um den Klassenerhalt gesehen. „Ich brauche aber einen Anreiz“, sagt Muth. „Deshalb wollte ich einen Medaillenrang erreichen.“

Sachter Wiederbeginn

Die Lockerungen, die die Landesregierung in der Corona-Krise vorgenommen hat, haben auch die Post-Mädels genutzt, um sich im Nordpark mal wieder zu treffen. In einer Kleingruppe, versteht sich. Vielleicht haben sie sich bereits über die neue Saison Gedanken gemacht. Vielleicht haben sie sich bereits über Ziele der neuen Saison ausgetauscht.

Und vielleicht hat sie wieder ihre Vorstellung von einem Medaillenrang betont und die Argumente dafür geliefert. Wie sie es gelernt hat als Versicherungskauffrau, als die sie ihren Lebensunterhalt verdient. „Die Ausbildung hat mich sehr geprägt und geformt“, betont Muth, „durch sie bin ich viel selbstbewusster geworden.“ Und womöglich auch nahbarer.