Report: Das Leiden der Menschen im Gazastreifen

Gaza/Tel Aviv - Tote und verletzte Kinder, ständige Explosionen und die Angst vor einer israelischen Bodenoffensive: Die Bevölkerung im Gazastreifen durchlebt schreckliche Tage. Am Abend kommt die erlösende Botschaft: Waffenruhe.

Der palästinensische Notfallarzt Aschraf al-Kedra sieht todmüde aus: Dunkle Augenringe, Stoppelbart und wirres Haar. Der 35-Jährige, der auch als Sprecher des Hamas- Gesundheitsministeriums arbeitet, ist seit Beginn der israelischen Militäroperation im Gazastreifen vor einer Woche rund um die Uhr im Einsatz. In seiner weißen Arztkleidung eilt er durch das Schiffa-Krankenhaus in Gaza, das viele der bei israelischen Luftangriffen verletzten Menschen behandelt.

Die Liste der Patienten ist lang: Die 14-jährige Islam wurde bei einem Angriff in Dir el-Balach von einem Raketensplitter am Kopf verletzt. Ihr 45-jähriger Vater Chaled al-Buhaisi wartet angespannt außerhalb der Intensivstation. Er hofft, dass seine älteste Tochter bald wieder gesund wird. "Ich weiß nicht, was meine Tochter den Israelis getan hat", sagt er verbittert. "Sie war daheim, als sie verletzt wurde, sie hat keine Raketen auf Israel geschossen."

Al-Kedra beantwortet abwechselnd Anrufe von Journalisten und hilft anderen Ärzten und Krankenschwestern bei der Behandlung von Notfallpatienten. "Langsam gehen uns viele Medikamente aus, und Materialien für Erste Hilfe", warnt der erschöpfte Arzt.

Nach den tagelangen Gefechten kommt am Mittwochabend die erlösende Nachricht aus Kairo: Die Konfliktparteien hätten sich auf eine Waffenruhe geeinigt. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lässt mitteilen, er wolle der Waffenruhe mit der im Gazastreifen herrschenden Hamas eine Chance geben.

In den Stunden zuvor hatte es noch schwere Attacken gegen Ziele im Gazastreifen gegeben. Nach dem Bombenanschlag auf einen Stadtbus in Tel Aviv intensivierte die israelische Luftwaffe ihre heftigen Angriffe.

Die humanitäre Lage hatte sich nach mehr als einer Woche heftiger Kämpfe dramatisch zugespitzt. Viele Geschäfte, Banken, Schulen und Ministerien sind geschlossen. Nur einige Lebensmittelhändler, Bäckereien und Fleischereien haben geöffnet, damit die Einwohner des Gazastreifens sich weiter mit dem Nötigsten versorgen können. "Wir leben in einer Atmosphäre des Krieges", erzählt der 35-jährige Alla al-Haithman, ein ehemaliger Polizist. "Alle fünf Minuten hören wir eine Riesenexplosion." Seine vier Kinder hätten sich daran allerdings schon fast gewöhnt. "Es gibt in Gaza während des Kriegs nichts zu tun, sie bleiben die ganze Zeit im Haus und sehen fast ständig fern."

Mahmud Dawaba, ein 40-jähriger Einwohner von Gaza mit drei Kindern, ist seit mehr als zehn Jahren arbeitslos. "Meine Familie bekommt Lebensmittel von (dem UN-Flüchtlingshilfswerk) UNRWA und anderen Hilfsorganisationen", erzählt Dawaba. "Ich bekomme Mehl, Konserven, Speiseöl und auch finanzielle Unterstützung."

Seit Beginn der Militäroffensive kommt es immer wieder zu Stromausfällen. "Meistens gibt es jeden Tag etwa zehn Stunden lang keinen Strom", sagt der Mann. "Ich habe einen Stromgenerator, aber das Benzin ist so teuer, deshalb spare ich das Geld lieber, um Brot und Gemüse zu kaufen."

Der Warenübergang Kerem Schalom nach Israel ist auch während der Militäroperation mehrmals geöffnet worden, damit humanitäre Hilfslieferungen in den blockierten Küstenstreifen gebracht werden können. Er wurde jedoch nach Raketenangriffen militanter Palästinenser kurzfristig geschlossen. Auch der Rafah-Grenzübergang nach Ägypten ist für Personen geöffnet. Der Transport von Schmuggelware durch die unterirdischen Tunnel, die vom Gazastreifen nach Ägypten führen, wird jedoch durch die heftigen israelischen Bombardements stark erschwert.