Berlin l Vor dem Gebäude mit den Kellerräumen des sogenannten U-Bootes, einst Speziallager Nummer 3 der sowjetischen Geheimpolizei, liegt Josef Stalin. Es ist eine der Kopien jener Ostberliner Statue des Diktators, die bis 1961 in der Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee, gestanden hat. Mehrere Abdrücke gab es einst. Zumindest einer hat das Ende der Glorifizierung überlebt. Ausfindig gemacht wurde er im fernen mongolischen Ulan-Bator. Nach einem ziemlich aufwendigen Transport wird er nun in Berlin gezeigt – allerdings nicht fünf Meter in die Höhe ragend, sondern liegend. „Das ist das richtige Format, um deutlich zu machen, dass es sich hier um einen der größten Massenmörder der Geschichte handelt“, sagt Gedenkstätten-Direktor Hubertus Knabe.

Bevor der sowjetische Machthaber aber in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Berlin von seinem Sockel geholt worden war, wurde zum Einschwören auf den Kommunismus im Land ein aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbarer Personenkult um ihn betrieben. Stalin war für Verschleppung, Denunziation und massenhaften Tod in Gulags und Folterkellern in seiner Heimat verantwortlich. Auch in der frühen DDR haben sowjetische Militärtribunale mehr als 1000 Menschen in Geheimprozessen zum Tode verurteilt.

Denkmäler schossen aus dem Boden

Mit dem langen Arm der Sowjetunion wurde nach dem Krieg auf die neue kommunistische Herrschaft eingeschworen. Denkmäler schossen hierzulande aus dem Boden, es gab Massenaufmärsche mit Bannern und wehenden Fahnen, übergroße Porträts prangten an Hauswänden. In der Ausstellung wird nicht nur die Heroisierung deutlich, sondern die enge Verbindung von Kult und Verfolgung.

Überall in der Öffentlichkeit gab es Stalins Konterfei. Selbst an der Wandzeitung eines Lebensmittelladens. Eine Reinigungskraft hatte zwei Bilder mit einem Buntstift leicht verunstaltet. Sie bekam ein Jahr und sechs Monate. Auf einem anderen Bild steht „Mörder“. In einer Gothaer Betriebskantine wurde 1949 ein Stalin-Porträt mit Ruß beschmiert. Der Täter konnte nicht ermittelt werden. Leichter waren die Schuldigen auszumachen, die ein Telegramm des Zentralkomitees der SED zum Tode Stalins in der Gewerkschaftszeitung „Tribüne“ abdruckten – mit einem äußerst schwerwiegenden Fehler. Stalin wird in großen Lettern nicht als „Kämpfer für die Erhaltung und Festigung des Friedens in der Welt“ gefeiert: Statt „Frieden“ wird „Krieg“ gedruckt. Unachtsamkeit wegen des damaligen inflationären Gebrauchs der Wörter oder bewusste Aktion? Egal – der zuständige Redakteur und der Korrektor wurden verhaftet und in den Kellern von Hohenschönhausen eingesperrt. „Wer den Kult nicht mitgetragen hat, wurde teils zu horrenden Haftstrafen verurteil“, sagt Kurator Andreas Engwert. Der Umbau der Gesellschaft sei mit Unterdrückung der Gegner einhergegangen.

Stalin starb im März 1953

Schon zum 60. Geburtstag 1939 hatte Erich Weinert auf den „großen Führer“ gedichtet. Zehn Jahre später, zum 70. Geburtstag, nehmen die Huldigungen und Geschenke weiter zu. „Einer der Höhepunkte des Stalin-Kultes kam nach seinem Tod“, sagt Engwert. Stalin starb im März 1953. „Das weckte den Wunsch nach weiteren Stalin-Monumenten.“ So auch in Gera. Der Kopf hat überlebt und ist ausgestellt.

Leihgabe ist auch ein Teil der Budapester Statue, die 1956 mit großen Stahlseilen niedergerissen wurde. Zerbrochen war sie in einzelne Teile, die Hand hatte sich ein Schauspieler gesichert und in seinem Garten deponiert. Als der Aufstand in jenem Jahr niedergeschlagen wurde, vergrub er die Hand. Sie wurde erst in den 1980er Jahren von Nachfahren entdeckt. Jetzt ist sie in Berlin zu sehen.

Stalin-Büste für das Büro

Stalin ist dauerpräsent – wie einst. Der Diktator lacht in Filmaufnahmen. Ihm gegenüber marschieren strahlende, jubelnde FDJler. Im Zusammenhang mit den Schwarz-Weiß-Fotografien von Inhaftierten wirkt der Propagandaaufmarsch fast grotesk. Der Kult trieb solche Blüten, dass man sich beim Versandhandel für Propaganda­bedarf nicht nur mit Wimpeln, Spruchbändern und Bannern eindecken, sondern auch eine Stalin-Büste für das Büro oder die Schrankwand daheim bestellen konnte. „Es gibt keinen Stalinismus“, sagt SED-Generalsekretär Walter Ulbricht 1962 in einem Interview mit einem englischen Journalisten. Als der nachbohrt, bricht Ulbricht das Gespräch ab.

„Oft hört man, dass die Frühzeit eine Zeit des Aufbruchs war, in der man für humanitäre Ideen gekämpft habe“, sagt Hubertus Knabe. „Ich halte das für einen Mythos. Ich denke, diese Jahre waren die schlimmsten.“ Der Stalin-Kult habe für ihn geradezu religöse Züge angenommen, eine religiöse Erhöhung von Politikern, die man auch heute beobachten könne. Meinung

Die Ausstellung wird am 26. Januar eröffnet und ist bis zum 30. Juni geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Der Kommentar "Kampf gegen Filialschließungen" zum Thema