Fast eineinhalb Jahre war die Magdeburgische Philharmonie ohne Generalmusikdirektor. Jetzt kommt wieder Kontinuität in die musikalische Arbeit des Orchesters. Der neue Generalmusikdirektor Kimbo Ishii-Eto gab am Donnerstagabend im Opernhaus sein Antrittskonzert.

Von Ulrike Löhr

Magdeburg. Das hatte er sich selbst aufs Pult gelegt: Mozarts illustre kleine Konzertsinfonie D-Dur KV 141a und die gewaltige Mahler-Sinfonie Nr. 5 cis-Moll – zwei Sinfonien, wie sie kontrastreicher nicht sein könnten. Kimbo Ishii-Eto kündigte sich mit einer "Vielfalt der Stile" an.

Und so präsentierte sich als erstes das Orchester hervorragend mit seinen kammermusikalischen Qualitäten. Denn der junge Mozart hatte im Jahre1772 der zweisätzigen Ouvertüre zu seiner Jugendoper "Il sogno di Scipione" ("Der Traum des Scipio") noch einen Finalsatz hinzugefügt, woraus eine vollständige (wenn auch kurze) Sinfonie wurde. Ishii-Eto ging sie nicht zu forsch an. Mit dezentem und suggestivem Dirigat erreichte er dennoch Mozarts jugendliche Frische und ließ die gesanglichen Parts wunderschön fließen. Und so traten aus einer bemerkenswerten Homogenität der Musiker trotzdem die der musikalischen Raffinesse dienenden wichtigen Stimmgruppen interessanterweise hervor. Absolut exakt musizierten die 1. Violinen, über ihre spätere sangliche Stimmführung setzten sich die Oboen und Flöten wohl dosiert mit ihren harmonischen Figuren, die Bratschen und 2. Violinen verblüfften mit wirbelnden Sechzehntel-Bewegungen, beeindruckende dynamische Effekte zwischen Forte und Pianissimo – all dies ließ das Allegro moderato, Andante und das Presto als geschlossenes aber strukturiertes Ganzes ineinander überfließen.

Einheitliches Ganzes

Für die anschließende gewaltige 5. Mahler-Sinfonie cis-Moll bedurfte es des kompletten Orchesterapparates, was allein schon beeindruckend war. In die fünfsätzige Sinfonie mit ihren drei Abteilungen wurde die Konzertpause gelegt, Mahler selbst forderte wohl zwischen dem 2. und 3. Satz zumindest eine etwas längere Entspannungspause. Zu Mahler habe Ishii-Eto eine besondere Affinität. Hut ab, sich mit dieser Sinfonie, die große dramatische Extreme birgt und voller Lebenssituationen steckt, zu einem Antrittskonzert zu präsentieren. Das zeugt von einem großen kreativen Künstler. Obgleich beim Publikum die 5. zu den beliebtesten der Mahlerschen Sinfonien zählt, nicht zuletzt wegen Viscontis Film "Tod in Venedig", der das Adagietto aus dieser Sinfonie mehrfach zitiert.

Kimbo Ishii-Eto legte mit großer Besonnenheit auch hier die Interpretation des Werkes erkennbar als einheitliches Ganzes an, natürlich unter Berücksichtigung aller Stimmungen und Gliederungen. Die dramatischen Unterschiede waren eben keine Extrema, sondern herausgearbeitete und gestaltete Charakteristika. Alles entwickelte sich logisch und organisch, wurde von Ishii-Eto vorbereitet mit dynamischen Zeichen sowie Rubati und Accelerandi. Die Magdeburgische Philharmonie schien seinen Intentionen mit freudiger Anspannung zu folgen. So erschien der düstere "Trauermarsch" in einer hoffnungsvollen Balance zwischen Erstarrung, Schicksal und Sehnsucht. Fast beiläufig kamen Melodien von Bläsern, Streichern und Bässen zutage, die in den Orchester-Tutti die Trauerstimmung störten.

Im bewegten zweiten Satz gab der Dirigent besonders große Phrasen und Linien, strukturiert und nuanciert, sodass er der von Mahler geforderten Vehemenz gerecht werden konnte. Dieser Satz ist besonders anspruchsvoll an alle Instrumentengruppen. Doch den Bläsern, insbesondere der Solotrompete, gilt hier enormer Respekt, die triumphale Choralmelodie so überzeugend in sich zusammenbrechen zu lassen.

Das groß angelegte Scherzo mit dem schwindelerregenden Walzerrhythmus blieb trotz scherzhafter Frische sehr natürlich. Das Solo-Horn brachte alle Klang-Facetten hervor, zupfende Streicher setzten wunderbare Akzente; interessante rhythmisch gegeneinander laufende Linien, doch auch das unheilverkündende Gegrummel der großen Trommel und Fanfaren-Hörner machten großartige Stimmungsschwankungen deutlich. Schließlich gaben die Streicher alles im berühmten Adagietto. Voller Leidenschaft focht Ishii-Eto die Stimmung an, die zwischen Mahlers Liebeserklärung an seine junge Alma und auch Todesahnung angelegt ist. Eine Lyrik und Melancholie, die der Hörer je nach eigener Stimmung durchlebte.

Durch eine transparente polyphone Struktur und ein angemessenes Tempo greifen Ishii-Eto und die Magdeburgische Philharmonie im Finalsatz noch einmal mit fugenartigen triumphalen Abschnitten die Turbulenz auf, in die jedoch das Blech dissonant eingreift – mahnend, dass dies auch ein Tanz auf dem Vulkan sein könnte. Kompliment an diese gelungene Interpretation!

Mit minutenlangem Applaus sowohl vom Publikum als auch von den Musikern wurde Kimbo Ishii-Eto in Magdeburg herzlich willkommen geheißen.