Halberstadt/Wernigerode l Die Fahrgäste, das steht Stunden vor dem großen Umbruch im Bahn-Dieselnetz von Sachsen-Anhalt fest, dürften mit dem Wechsel die geringsten Probleme haben. Warum auch? Selbst wenn aus Hex und DB Regio in der Nacht zum Sonntag, 9. Dezember 2018, Abellio wird, bleibt für sie vieles beim Alten. „Die Nummern der bisherigen Linien sowieso und im grundsätzlichen Gerüst auch die Fahrpläne“, versichert Abellio-Sprecher Matthias Neumann. Allein auf einzelnen Linien, darunter Goslar-Wernigerode-Halberstadt-Halle könne es zu leichten zeitlichen Verschiebungen kommen. Soll heißen: Der Blick vorab in den Fahrplan, der mittlerweile im Internet komplett abrufbar ist, sollte für jeden Fahrgast ein Muss sein. So, wie bei jedem Fahrplanwechsel.

Das aber dürfte es auch schon gewesen sein. Das Gros der Umstellungen vollzieht sich betriebsintern und tangiert die Kunden nicht. Hinter den Kulissen aber geht die Post ab. Dutzende Triebwagen in blau-weißer Hex-Lackierung rollen am Sonnabend erstmal aufs Abstellgleis. Dafür schieben sich 54 Coradia-Lint-41-Trains im weiß-schwarz-roten Abellio-Look ins Rampenlicht. Und zu jenen Hardware-Komponenten kommt noch der menschliche Faktor. Insgesamt rund 800 Triebfahrzeugführer und Kundenbetreuer hat Abellio dann in Mitteldeutschland im Einsatz. Viele davon sind neu im Unternehmen und agieren auf dem rund 900 Kilometer großen Dieselnetz Sachsen-Anhalt (Disa), das Abellio am Wochenende von DB und Hex übernimmt.

Der Zuschlag dafür ist fast auf den Tag genau vor drei Jahren erfolgt. „Damals mussten wir erstmal tief Luft holen, als wir das erfahren haben“, erinnert sich Neumann. Die Freude über den Großauftrag – ab 9. Dezember 2018 für 14 Jahre bis Ende 2032 – war groß. Damit aber auch das Wissen um den Anspruch, der damit verbunden sei. „Wir hatten gerade das Elektronetz Saale-Thüringen-Südharz zwischen Halle, dem Raum Kassel und runter nach Thüringen übernommen.“

54 neue Triebwagen fertig

Heute, drei Jahre später, ist das Gros erledigt. Die 54 im Rohbau im polnischen Katowice gefertigten und später in Salzgitter komplettierten Fahrzeuge stehen bereit. Auch die Personalfragen seien weitgehend geklärt, so Neumann. Wenngleich der 54-Jährige nicht in den Lobgesang einstimmen mag, wonach alles im grünen Bereich sei. Im Gegenteil: Viele Bahnbetreiber suchen händeringend nach Personal. Und auch Abellio hat beim Start im Disa noch Lücken im Team. „Wir brauchen im Disa und im E-Netz insgesamt 360 Triebfahrzeugführer und 360 Kundenbetreuer. Diese müssen universell in beiden Netzen einsetzbar sein, weil es in Halle,Erfurt und Naumburg enge Verknüpfungen gibt.“

Das wiederum mündete in zwei Herausforderungen: Zum einen müssen die bisherigen Abellio-Lokführer aus dem Süden und Neueinsteiger fit gemacht werden für das neue Disa-Netz. Damit verbunden sind Streckenkenntnis-Fahrten, bei denen die Frauen und Männer vorn im Führerstand alle Besonderheiten kennenlernen – angefangen bei den Signalstandorten, über Besonderheiten an Haltepunkten bis hin zu den Übergängen. Das galt und gilt im Umkehrschluss für die bisherigen Hex-Fahrer, die im Süden Streckenkenntnis fahren und obendrein die neuen Fahrzeuge und betrieblichen Abläufe bei Abellio kennenlernen müssen.

Wie das in der Praxis und bei laufendem Betrieb aussieht? „Kompliziert“, sagt Neumann. Teilweise wurden Hex-Linien schon vorab eingestellt, um Personal fürs Schulungsprogramm herauszulösen. Und noch sind nicht alle Mitstreiter an Bord. Zum Start im Disa sind 35 Leihkräfte im Einsatz – 17 von Abellio in Baden-Württemberg und 18 von Personaldienstleistern. „Zum Ende des ersten Quartals 2019 wollen wir den Bestand an Leihkräften sukzessive abschmelzen.“ Auch bei den Kundenbetreuern fehlen aktuell noch rund 50 – diese Lücke werde erst im zweiten Quartal 2019 geschlossen. Bis dahin könne nicht jeder Zug besetzt werden.

Wie sich die Personal-Übernahmen von Hex zu Abellio vertraglich gestaltet haben, konnte Neumann nicht im Detail sagen. Die Regeln eines Betreiberwechsel-Tarifvertrages seien angewandt worden.

Zukunft für Hex-Triebwagen unklar

Und – was bleibt nach 13 Jahren Hex? Eine Firma, deren Züge nun erstmals in die Ecke rollen, wie es im Bahn-Sprech heißt. Das Abstellgleis dürfte nach 13 Einsatzjahren aber nur vorübergehend sein. 25 bis 30 Jahre seien solche Trains üblicherweise im Einsatz. Im Moment sei noch unklar, was mit den Zügen passiere, so Hex-Sprecher Thomas Kleinrensing.

Und – welche Prognose wagt Matthias Neumann mit Blick aufs Umbruch-Wochenende? „Wenn 90 Prozent klappt, wäre es schön – 100 Prozent wären perfekt.“