Magdeburg l Gut 900 Quadratmeter Wohnfläche, verteilt auf 18 Einheiten, dazu zwei Geschäfte im Erdgeschoss, eine Lage nah an der Innenstadt – und das alles könnte schon ab 16.000 Euro einem Interessenten gehören. Ein Traumangebot?

Mitnichten. Denn das Gebäude, auf das sich die Beschreibung bezieht, ist die Sieverstorstraße 22 – und das ist derzeit alles andere als eine Topadresse.

Niedergang eines Quartiers

Das Wohnhaus gehört zu einem Ensemble am östlichen Ende der Straße, die in den vergangenen Jahren ihren Niedergang erleben musste. Einst eine belebte Handwerkermeile mit vielen Geschäften, zogen diese nach der Wende nach und nach weg. Das Gelände der ehemaligen Bördebrauerei blieb ebenso brach liegen.

Der Zahn der Zeit hinterließ überall seine Spuren. Mehrere Gebäude mussten bereits zwangsabgerissen werden, weil sie die Eigentümer verfallen ließen. Das ist zwar auch bei der Hausnummer 22 der Fall, doch der Abrissbagger musste bislang nicht anrücken – noch nicht.

Magdeburg ordnet Zwangsversteigerung an

Nun besteht die kleine Chance, dass sich tatsächlich etwas tut. Denn die Stadt Magdeburg als Gläubigerin des bisherigen Eigentümers hat die Zwangsversteigerung des leerstehenden Wohnhauses beim Amtsgericht beantragt. Am 26. März 2019 können alle Interessierten, die zuvor eine entsprechende Sicherheit hinterlegt haben, um das um 1904 errichtete Gebäude mitbieten.

Den Verkehrswert hat die Stadt Magdeburg mit 32.000 Euro angegeben. Gemäß den Regeln einer Zwangsversteigerung reicht beim ersten Termin aber bereits ein Mindestgebot über die Hälfte dieser Summe für den Zuschlag – vorausgesetzt die Stadt stimmt diesem zu. Anderenfalls gibt es einen zweiten Termin.

Stark sanierungsbedürftig

Der neue Eigentümer muss sich auf jeden Fall auf viel Arbeit einstellen. Nachdem jahrelang an dem Gebäude mit Vor-, Seiten- und Hinterhaus und kleinem Innenhof nichts getan wurde, macht es aktuell einen äußerst schlechten Eindruck. Das Exposé der Stadt Magdeburg findet viele Worte dafür: „Es ist in einem fast rohbauartigen, stark sanierungsbedürftigen, deutlich unterdurchschnittlichen, insgesamt desolaten sowie wirtschaftlich verbrauchten und unbewohnbaren Zustand.“

Eine Kernsanierung sei somit erforderlich, mit dem Ziel, wieder Wohnungen einzurichten. Gegebenenfalls könnten auch die Gewerbeeinheiten zu Wohnzwecken umgenutzt werden.

Dachziegel fallen herab

Schon im September 2015 musste die Stadt Magdeburg auf Eigeninitiative an dem Haus aktiv werden, weil Dachziegel auf den Gehweg und die Straße davor gestürzt waren. Während an den Nachbareingängen die Eigentümer Schutzmaßnahmen selbst veranlassten, übernahm das für die Nummer 22 die Stadt.

Dass das Haus eine lange Geschichte hat, sieht man noch an der Schrift „Frisiersalon“ über einem der Läden im Erdgeschoss. Wie Stadtteilchronist Helmut Mittank zusammengetragen hat, gab es dort bereits in den 1930er Jahren ein Frisiergeschäft. 1967 zog der Salon ein, der bis 2005 von zwei Generationen erfolgreich geführt wurde, bis der damalige Betreiber als einer der letzten verbliebenen Gewerbetreibenden aus der Sieverstorstraße wegzog.

Hotel wechselt Eigentümer

Dass eine Zwangsversteigerung aber nicht immer die erhoffte Verbesserung bringt, sieht man am Bahnhof Neustadt. Das ehemalige Hotel gegenüber wechselte 2016 vor Gericht den Eigentümer. Auch wenn der Erwerber Sanierungsabsichten angekündigt hatte, geschah wieder lange Zeit nichts. Mittlerweile soll es wieder einen anderen Eigentümer geben, der ebenfalls den Willen zur Instandsetzung bekundet hat.

Angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Sieverstorstraße ist davon auszugehen, dass es trotz des desolaten Zustandes Bieter geben wird. Denn seit einigen Monaten haben bau- und sanierungswillige Investoren die verloren geglaubte Straße für sich entdeckt. Das vormals verfallene Rayonhaus ist längst saniert und wieder bewohnt, direkt daneben ziehen in den nächsten Monaten die Mieter in den ersten Neubau seit vielen Jahren ein.

Mehrere Sanierungen geplant

Die Hausnummern 43 sowie 55, 55a, 55b werden bereits saniert bzw. stehen kurz vor der Fertigstellung, in den Hausnummer 56 und 57 haben die ersten Arbeiten bereits begonnen. Nicht zuletzt plant ein Berliner Immobilienunternehmen die Bördebrauerei zu einem neuen Stadtviertel mit 750 Wohnungen zu entwickeln.