Nesseltal

Wernigeröder Naturfreunde in Aufruhr

In einer leerstehenden Gartenanlage in Wernigerode werden Bäume gefällt. Naturfreunde sorgen sich um Tiere und Pflanzen.

Von Ivonne Sielaff

Wernigerode l Ärger im Wernigeröder Nesseltal: Seit Montag, 25. Januar, sind in der ehemaligen Gartenanlage Arbeiter mit schwerem Gerät im Einsatz. Im Auftrag der Stadt werden Bäume gefällt. Ein Baum nach dem nächsten wird gekappt, manche sogar entwurzelt.

Etliche Anwohner und Passanten sind entsetzt. „Das ist radikales Plattmachen“, empört sich Adelheid Ehelebe. Obstbäume, große gesunde Nadelbäume – alles sei dem Raupenbagger zum Opfer gefallen, hat auch Wolfgang Strauhs beobachtet. „Am Ende werden wohl nur drei Bäume auf dem städtischen Grund überbleiben, denn die sind mit einem grünen Kreuz gekennzeichnet.“

Ende letzter Woche hatte die Stadtverwaltung die Arbeiten per Infopost angekündigt. Bis Februar solle in den ersten Abschnitten der „Rückschnitt von Bäumen, Sträuchern und Büschen“, erfolgen, heißt es in dem Schreiben an die Anwohner.

Was genau auf dem 4,5 Hektar großen, brachliegenden Areal entstehen soll, steht momentan noch nicht fest. Der Stadtverwaltung schwebt eine Wohnbebauung vor. Voraussetzung ist allerdings erst einmal ein überarbeiteter Flächennutzungsplan und grünes Licht vom Stadtrat. Beides liegt noch nicht vor.

Auch deshalb haben viele Wernigeröder und Naturfreunde kein Verständnis für den radikalen Grünschnitt der Verwaltung. „Warum die Eile?“, fragt Marion Walter, die als sachkundige Einwohnerin für Bündnis 90/Die Grünen im Kulturausschuss sitzt. „Wieso wird im Nesseltal schon mit großem Gerät beräumt, wenn der Flächennutzungsplan noch nicht mit dem Stadtrat abgestimmt wurde?“, so Walter weiter. Ein Warnschild „Betreten verboten“, eine Zaunreparatur und das Fällen einiger Fichten, die unmittelbar am Weg stehen, hätte es auch erstmal getan. Nun aber würden die „schützenswerten Kröten in ihrer Winterruhe gestört“. Wolfgang Strauhs, ebenfalls Mitglied von Bündnis 90 /Die Grünen, schlägt in die gleiche Kerbe. Erst habe die Stadtverwaltung Geld für einen Krötentunnel unmittelbar vor der Gartenanlage investiert. Und nun zerstöre sie deren Lebensraum.

„Hier wird mit schwerem Gerät aufgefahren, Boden verdichtet, Tiere aus dem Winterschlaf gerissen, Nistplätze zunichte gemacht“, heißt es von Agnes Dziwior. Damit würden Fakten geschafft. „Über nicht vorhandene Tiere und Pflanzen muss dann keinesfalls mehr diskutiert werden.“ Überhaupt müssten doch vor dem Eingriff laut Gesetz Flächen und Tierbestand kartiert und eingeschätzt werden. Danach bemesse sich die Höhe des Ausgleiches für den Bestand.

Die Fäll- und Rodungsarbeiten erfolgen im Einvernehmen mit der Unteren Naturschutzbehörde, informiert Rathaussprecherin Kristin Dormann auf Volksstimme-Nachfrage. Und selbstverständlich würden bei der weiteren Planung eventuell erforderliche Ausgleichs- und Ersatzpflanzungen berücksichtigt. Aktuell vorgesehen sei, die Gehölze, die nicht unter die Baumschutzsatzung fallen, zu entnehmen. „Satzungsrelevante Bäume wie zum Beispiel Nussbäume, Kiefer und Schwarzkiefer sind zum Erhalt markiert worden“, so Dormann weiter. Fichte und Blaufichte dagegen würden nicht unter dem Schutz der Baumschutzsatzung stehen und könnten ohne Genehmigung gefällt werden. Die Arbeiten müssten bis März abgeschlossen sein, um die Vogelbrutzeit nicht zu beeinträchtigen. Als nächster Schritt sollen Lauben, Zäune und Gehwegplatten innerhalb der Anlage zurückgebaut werden.

Was die Sorge um die Kröten angeht, stellt Dormann klar: „Die Kröten sind im Moment im Wald und nicht in der Gartenanlage.“ Sie würden also durch die Fällarbeiten nicht in ihrer Winterruhe gestört. Sicherlich müssten sich die Tiere zum Laichgewässer künftig einen anderen Weg suchen, wenn die Fläche erschlossen und möglicherweise bebaut werde. „Das gehört leider zur Wahrheit dazu“, so die Sprecherin. „Aber die Kröten finden einen anderen Weg.“

Ziel der Stadt sei es, „Verwilderung und Vandalismus“ vorzubeugen. Nach der Kündigung der Pachtverträge zum 31. Dezember 2020 werde die Fläche nicht mehr genutzt, so die Sprecherin. Die zahlreichen Hinterlassenschaften der Gärtner würden ein „gewisses Gefahrenpotenzial“ bergen und dies gelte es zu entschärfen. „Selbst wenn die Fläche nicht bebaut würde, wäre eine Beräumung und die Entnahme nicht standortgerechter Gehölze – sprich Gartengewächse – notwendig.“ Allerdings sei bei der großen Nachfrage nach Bauland die Erschließung bebaubarer Flächen für die Stadt ein wichtiges Thema. Und das Nesseltal sei so eine Fläche. „Sobald konkrete Pläne vorliegen, werden diese im Stadtrat diskutiert und beschlossen“, so Dormann. Bürger hätten im Verfahren jederzeit die Möglichkeit, Einwände und Hinweise einzubringen. „Diese sind sehr willkommen.“

Eine Argumentation, mit der Adelheid Ehelebe hadert. Sie verstehe, dass auf dem Gelände gebaut werden soll. Die Stadt sei aber in der Verpflichtung, dies ressourcenschonend und naturnah umzusetzen, so die Volksstimme-Leserin. „Man kann auch ökologisch bauen“, so die Wernigerödern. „Und einen Baum, den man stehen lässt, muss man nicht nachpflanzen.“ Erst 2020 habe die Stadt den Klimanotstand ausgerufen, so Ehelebe. Dies sei eine Verpflichtung. „Und jetzt werden im Nesseltal gesunde Bäume gefällt? Das ist doch ein Widerspruch.“