Schierke l „Sie rollt! Sie rollt! Sie rollt!“ Der Jubel von Heide Baumgärtner kannte nahezu keine Grenzen, als die Pressesprecherin der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) um 17.21 Uhr vom Happy End oben auf dem Brocken berichtete: Brockenbahn-Lok 99 234 war Minuten zuvor nach stundenlangem Kamp gegen Schnee, Wind und steinharte Eispanzer endlich freigekommen und rollte im Schlepp des HSB-Hilfszugs die ersten Zentimeter talwärts. Damit war klar: Die aufwändige Bergung der Lok und des letzten Waggons war geglückt und die Arbeit der HSB-Mitarbeiter nicht vergebenes. Nicht nur für HSB-Sprecherin Baumgärtner ein guter Grund, in Jubel auszubrechen.

Stunden zuvor – in aller Frühe – waren alle verfügbaren Mitarbeiter der HSB erneut auf den Brocken geeilt, um die tags zuvor gestartete Bergung des am Dienstag von einer riesigen Schneewehe buchstäblich verschluckten Zugs zum finalen Happy End zu bringen. Nachdem am Mittwoch zwei der drei Waggons geborgen werden konnten, war nun vor Ort erneut großer körperlichen Einsatz nötig, um dem Berg auch Lok und Waggon abzuringen. Zwar konnte der über Nacht neu angewehte Schnee im Gleisbereich mit einer Fräse beseitigt werden. An allen weiteren Stellen – so auf den Plattformen des Waggons sowie unter und direkt neben dem Zug und der Lok – musste mühsam in Handarbeit geschippt werden.

Und damit nicht genug: Die in den 1950er Jahren gebaute Dampflok wurde zur besonderen Herausforderung. Nachdem sie am Dienstagabend nach der Rettung der rund 60 feststeckenden Fahrgäste im Zug und weiterer 65 Personen aus dem Bahnhof der Brockenbahn auf dem Gipfel zurückgeblieben war, war sie steinhart eingefroren. Das Lokpersonal hatte sie kalt abgestellt – das Feuer erlosch, die Maschine kühlte aus. Um Schäden zu verhindern, war das Wasser abgelassen worden und im Umfeld der Maschine gefroren, berichtet HSB-Sprecher Dirk Bahnsen.

Einsatz bei klirrender Kälte

Was unvermeidbar war, um an der Lok Frostschäden zu verhindern, sorgte nun für zusätzliche Mühe. Das Wasser war vor allem unter der Maschine steinhart gefroren und  musste in mühsamer Handarbeit entfernt werden. Und mehr noch: „Wenn eine Dampflok nicht aus eigener Kraft fährt und gezogen wird, funktionieren auch die Schmierpumpen nicht, sodass die Antriebsgestänge nicht mehr gefettet werden und schlimmstenfalls heiß laufen“, erklärt Dirk Bahnsen. Konsequenz: Bei klirrender Kälte mussten die HSB-Mitarbeiter vor Ort Teile der Gestänge demontieren.

Bei sechs bis acht Grad unter dem Gefrierpunkt und Böen mit Spitzen bis zu 120 Kilometer pro Stunde am Mittwoch und bis zu 50 Kilometer pro Stunde am Donnerstag war das alles andere als ein Zuckerschlecken, sondern körperlich extremste Schwerstarbeit. „Die gefühlten Temperaturen liegen bei diesem Wind zwischen minus 25 und 30 Grad Celsius“, so René Sosna von der Brocken-Wetterwarte. Hinzu komme das Schneetreiben, das als extrem schmerzhafte Nadelstiche im Gesicht wahrgenommen wird.

„Deshalb kann ich vor der Leistung unserer Mitarbeiter dort oben nur den Hut ziehen und ihnen meinen allergrößten Respekt zollen“, so Bahnsen. Unklar ist nun, wie es in den nächsten Tagen mit der Brockenbahn weitergeht und ab wann wieder Zugfahrten auf den sprichwörtlich eisig-kalten Gipfel möglich sind. „Wir werden in aller Ruhe schauen und kein Risiko eingehen.“

Erneut Schnee und Orkanböen auf Brocken

Nach Angaben von Wetterbeobachter René Sosna wird es in den nächsten Tagen nur eine vorübergehende Beruhigung geben. In der Nacht zum Freitag werde ein neues Niederschlagsband mit Schnee und Eisregen erwartet, dann am Wochenende steigende Temperaturen und ab Wochenbeginn wieder klirrender Frost mit Orkanböen mit bis zu 120 Kilometer pro Stunde in der Spitze.