Stimmen der Bürger

Helga Schröder: „Die Innenstadt ist wichtig, weil wir hier kaufen, was wir brauchen. Außerdem haben viele ältere Menschen kein Auto mehr.“

Herbert Richter: „Hier in der Innenstadt lebt Wolmirstedt. Ich kaufe hier fast alles ein, nutze den Einzelhandel.“

Simone Laube: „Wir brauchen die Geschäfte in der Innenstadt, aber es wäre schöner, wenn es vor den Geschäften Parktaschen gäbe. Menschen, die von außerhalb kommen, möchten vorfahren.“

Jutta und Jens Peter Müller, die Wolmirstedt per Fahrrad erkunden: „Wolmirstedt ohne belebte Innenstadt wäre trostlos. Wir sind nach langer Zeit wieder hier und sehen, dass sich Neues entwickelt hat. Die Häuser sind aufgehübscht. Und überhaupt: Wie langweilig ist ein Ort, in dem es nur Einfamilienhäuser und Gegend gibt?“

Wolmirstedt l Wolmirstedt liegt komfortabel. Die Landeshauptstadt ist nah, die Verkehrsanbindungen unkompliziert, im Lindenpark steht ein stark frequentierter Einkaufspark. Zudem nutzen viele Menschen den Internethandel. Welche Zukunft hat die Innenstadt da überhaupt noch als pulsierende Einkaufsmeile? Eine Spurensuche.

„Wenn wir an Städte wie Wolmirstedt denken, ist es schwierig“, gesteht Stephan Westermann. Der Stadtplaner hat für mehrere Städte Stadtentwicklungs- konzepte erarbeitet, unter anderem auch für Wolmirstedt. Die Schwierigkeit sieht er vor allem in der Nähe zu Magdeburg. Dort können Leute einkaufen, „und Zentren wie das Allee-Center dienen auch als Begegnungs- stätten.“

Dennoch: Menschen, die den Boulevard an den Markttagen besuchen, sagen übereinstimmend, diese innerstädtische Einkaufsstraße sei wichtig. (Siehe Kasten). Aber genügt das, um den Einzelhandel am Leben zu halten?

Kämpfen um Fußgängerzone

Es lohne sich um die Wolmirstedter Fußgängerzone zu kämpfen, bestärkt Westermann. Eine Option könne die Öffnung für Fahrzeuge sein. „Sangerhausen hat beispielsweise keine Fußgängerzone, dort parken die Autos sogar mit zwei Rädern auf dem Bürgersteig, auf dem auch die Kleiderständer der Geschäfte Platz finden.“ Das sei eng, aber belebt.

Die Öffnung für den Fahrzeugverkehr war auch in Wolmirstedt mehrfach thematisiert worden. Einige Geschäftsleute erhofften sich beispielsweise durch eine Einbahnstraßenregelung zwischen Friedrich-Ebert-Straße und Friedensstraße mehr Kunden. Allerdings stieß diese Variante bisher stets auf Widerstand der Boulevard-Anlieger.

Aus dem Rathaus war zu erfahren, dass sich vor kurzem ein Bioladenbetreiber für ein Geschäft in der Innenstadt interessierte, allerdings nur, sofern fünf Parkplätze vor dem Geschäft zur Verfügung stehen. „Solche Chancen müssen leider abgewiesen werden“, bedauert Astrid Eichel, die im Rathaus für Wirtschaftsförderung zuständig ist.

Aus für Traditionsgeschäfte

Stephan Westermann betont ausdrücklich, zur Befahrbarkeit der Fußgängerzone eine breite öffentliche Diskussion zu führen. „Solche Entscheidungen sollten nicht übers Knie gebrochen werden.“ Zudem sei es wichtig, klar definierte Fußgängerbereiche vorzuhalten. „Gerade ältere Menschen fühlen sich auf dem Fußgängerweg sicher.“

In den vergangenen Jahren haben einige Traditionsgeschäfte für immer aufgegeben. Werden künftig aus Ladengeschäften Wohnungen oder Dienstleistungsinseln? Sichtbar ist: Der Wandel ist da.

„Auf dem Boulevard beziehen demnächst die Parteien Die Linke und CDU ihre Büros“, berichtet Astrid Eichel. Außerdem belegen die Sparkasse und die AOK noch vor dem ersten Advent Geschäfte, wenn auch nur für die Zeit, in der das Sparkassengebäude auf dem Zentralen Platz neu gebaut wird.

Vom Umbau leerer Geschäfte zu Wohnungen rät Stephan Westermann ab. „Es ist wichtig, dass die Möglichkeit als Ladennutzung offen bleibt“, sagt der Stadtplaner, „wer sagt denn, dass es nicht bald wieder einen Trend zum regionalen Einkaufen gibt.“ Er rechnet dabei durchaus in größeren Zeiträumen von zehn oder fünfzehn Jahren. „Außerdem ist so eine Innenstadt ein Ort der Begegnung.“  Das ist an den Markttagen mittwochs und freitags besonders deutlich zu beobachten. Viele Menschen tauschen mitten auf der Straße Neuigkeiten aus.

Zukunft der Innenstadt wichtig

Andreas Lücke, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Innenstadt, weiß, dass es für die Zukunft der Innenstadt lebenswichtig ist, auch junge Menschen ins Stadtleben zu integrieren. Ob und wie das bei der Smartphone-Generation gelingen kann, weiß er noch nicht. Andreas Lücke hofft dennoch, dass Geschäfte als solche bestehen bleiben, Schaufenster nicht zugehängt werden, damit es genug zum Anschauen gibt. „Vor allem Frauen bummeln gerne.“

Er befürwortet aber auch, dass Ladengeschäfte anderweitig genutzt werden. „Ärzte und Therapeuten gehören genauso in die Innenstadt wie Geschäftsleute.“ Besonders im Zuge der demografischen Entwicklung nutzt es älteren Menschen, wenn sie diese Angebote fußläufig erreichen.

Auch wenn der Internethandel stark im öffentlichen Bewusstsein verankert ist, so werden dadurch gerade neun bis zehn Prozent der Umsätze in Deutschland getätigt. Das teilt Stefan Hertel, Pressesprecher des Handelsverbandes Deutschland auf Volksstimme-Nachfrage mit. Laut Zukunftsprognosen könne sich diese Zahl im Jahr 2020 auf etwa 20 Prozent verdoppeln.

Stefan Hertel sieht die Zukunft der Einzelhändler unter diesen Umständen vor allem, darin, dass sie Internet- und Vor-Ort-Handel kombinieren. „Die Leute mögen manchmal lieber in die Stadt gehen und manchmal vom Sofa aus einkaufen.“ Zudem nutzen vor allem ältere Menschen den Internethandel überhaupt nicht.

Mittel aus Förderprogrammen nutzen

Auch Andreas Lücke weiß, dass viele Menschen die Vorzüge des direkten Einkaufs schätzen. „Vor allem wegen des Anprobierens und der Beratung.“ Unschön sei nur, wenn sich Kunden im Laden beraten lassen und dann im Internet suchen, ob das Teil woanders billiger ist. „Manche Händler verlangen deshalb eine Beratungsbebühr“, weiß Lücke.

Stadtplaner Westermann rät Wolmirstedt, sich immer wieder um Förderprogramme zu bewerben, aus deren Mitteln jemand befristet eingestellt werden kann, der das Innenstadtmarketing aktiv betreibt und versucht, die Händler beispielsweise hinsichtlich der Öffnungszeiten unter einen Hut zu bekommen.

Die Stadt selbst wollte zudem gemeinsam mit der Hochschule Anhalt das Projekt „Stadt als Campus“ gestalten. Doch dafür stehen derzeit keine Studenten zur Verfügung.

Vorerst freut sich Astrid Eichel über die Aktionen der Allgemeinen Wohnungsgenosenschaft (AWG). „Zweifelsohne tragen die alljährlichen Aktionen wie `Fest der Nachbarn` und das Adventsfest zur Belebung der Innenstadt bei.“