Zerbst l Momentan werden viele Beschränkungen im Bezug auf die Corona-Pandemie gelockert. Doch noch immer sind gerade ältere Menschen und Kinder arg gebeutelt. In den Senioreneinrichtungen gibt es strenge Besuchsregeln bis hin zu Verboten. Viele Kinder dürfen weiterhin nicht in die Schule oder zu ihren Freunden in die Kita. Das kann schon an die Substanz gehen – gerade bei den älteren Menschen, die ihre Lieben nur beschränkt oder gar nicht sehen dürfen.

Zwei junge Zerbster wollen ein Zeichen setzen. Inspiriert von anderen Städten riefen sie die sogenannten Balkon- oder auch Durchhaltekonzerte ins Leben. „Aufmerksam wurden wir durch verschiedene Aktionen in anderen Städten und dachten deshalb auch an eine Umsetzung hier in Zerbst“, sagt Florian Straube, einer der beiden Initiatoren.

Mehr Freizeit gewonnen

„Wir hatten die Idee, den Menschen, die aufgrund von Besuchsverboten besonders unter den Kontaktbeschränkungen leiden und denjenigen, die in den Wohneinrichtungen, Krankenhäusern und ähnlichen Einrichtungen tätig und berufsbedingt ständig gefährdet sind sich anzustecken, durch Überraschungskonzerte eine kleine Freude zu bereiten“, erklärt Fabian Niese von der Zerbster Eventfabrik die Motivation der beiden jungen Männer.

Bilder

Aufgrund der vielen Veranstaltungsabsagen in allen Bereichen hatten die Beiden plötzlich viel mehr Freizeit, schildern sie. „Neben den Auftritten waren auch Band-Proben nicht mehr erlaubt. Wir zwei haben überlegt, wir wie diese Zeit nutzen – vor allem sinnvoll nutzen können und weiterhin unser musikalisches Hobby weiter ausüben können“, sagt Florian, der auch Mitglied der Zerbster Band „The Artcores“ ist und ergänzt: „Es ist uns ein Bedürfnis, den älteren Menschen, Pflegekräften und Ärzten eine Freude zu machen.“

Viele Zerbster Musiker dabei

Bürgermeister Andreas Dittmann sei sofort begeistert gewesen, als die Beiden ihre Idee an ihn herangetragen haben. „So nutzen wir unsere zahlreichen Kontakte, um Mitstreiter zu finden“, erzählen Florian und Fabian. Das sei nicht besonders schwierig gewesen. „Auch viele Zerbster Musiker, die wir angesprochen haben, waren sofort mit im Boot und begeistert“, freut sich Fabian.

Auch die Einrichtungen, wo die beiden Männer dann angefragt haben, seien sehr interessiert gewesen. „Zunächst herrschte bei den Leiterinnen und Leitern der Einrichtungen Unsicherheit, ob und in welcher Form solche Konzerte erlaubt sind“, schildert Florian. Die Jungs haben dann Kontakt mit den entsprechenden Fachämtern aufgenommen. „Unter den in Zeiten der geltenden Abstands- und Hygiene-Regeln auferlegten speziellen Auflagen durch das Gesundheitsamt konnten wir dann mit der Aktion starten“, freuen sich Fabian und Florian.

Sieben Durchhaltekonzerte bisher

Und zusammen mit ihren Musikerkollegen sind sie dann so richtig durchgestartet. Insgesamt haben inzwischen sieben Balkon- beziehungsweise Durchhaltekonzerte stattgefunden, unter anderen vor oder hinter den Senioreneinrichtungen „Willy Wegener“ und „Am Frauentor“, dem Zerbster Anhalt-Hospiz, der Zerbster Helios Klinik sowie an der Wohnstätte für behinderte Menschen am Springberg.

Von den Musiker Kollegen waren bisher mit im Boot: Florian Straube selbst, seine Frau Kelly Straube, Vater Eckhard „Ecki“ Straube, Artcores-Bandkollege Florian Markmann, Michael Rösler, die Brüder Ralf und Frank Faßbutter – die normalerweise mit anderen Musikern als „Fassi & Friends“ unterwegs sind – und der Zerbster Schlagersänger Martin „Zimmi“ Zimmermann.

Ältere Menschen werden zu oft vergessen

Letzterer bestritt eines der vorerst letzten Konzerte am vergangenen Sonnabend vor der neu eröffneten Seniorenresidenz „Valenta“ in der Jüdenstraße. „Es war quasi ein Willkommens- und Durchhaltekonzert zugleich“, sagt Martin. Er habe ohnehin viel Respekt vor der älteren Generation, auch vor und ohne Corona. „Sie sind es, die den Wohlstand, den wir heute alle genießen, aufgebaut und erarbeitet haben. Viel zu oft werden gerade sie vergessen“, sagt Martin.

Keiner von uns könne auch nur erahnen, was die Bewohner von Altenheimen wohl momentan durchmachen. „Sie dürfen keine oder nur sehr eingeschränkt Besucher empfangen, keine Gedanken und Streicheleinheiten mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkelchen austauschen. Das ist hart, sehr hart“, meint Zimmi. Gerade in solch schwierigen Zeiten fehle den alten Menschen der Halt und die Nähe in der Familie. „Ich habe keine Sekunde gezögert, mich an dieser wirklich tollen Aktion zu beteiligen“, betont der 22-jährige Schlagersänger, der momentan auf Lehramt studiert.

Zimmi bringt Album mit 15 Titeln raus

Eigentlich wollte Zimmi dieser Tage sein erstes Studioalbum präsentieren. „Wir haben die Veranstaltungen erst einmal auf den 6. September gelegt. Alle Karten behalten ihre Gültigkeit und es gibt auch nur noch sehr wenige Tickets“, erzählt der Sänger stolz. Insgesamt 15 Titel sind auf dem Album und zwei eigene Songs mehr als ursprünglich geplant, verrät Zimmi noch.

In einem sind sich die Initiatoren und die beteiligten Musiker einig: „Wir Jungen dürfen gerade die Älteren und die, die sie betreuen und pflegen, nicht vergessen und alleine lassen. Gerade jetzt in dieser so schwierigen Situation brauchen wir Solidarität und Nächstenliebe. Wir sprechen da für alle Beteiligten“, betonen Florian und Fabian.