Halberstadt l Die Stufen hinab sind abgetreten, an einigen hat der Zahn der Zeit ganze Steinstücke herausgenagt. Aus dem Dunkel am Ende der kurzen Treppe strömt kühle, ein wenig muffig riechende Luft. Die Stufen führen hinab in eine Gruft, in der einst die Stifter der Barbarakapelle beerdigt waren. Ein schmales Fenster weit oben sorgt für fahles Licht, es reicht kaum, um Umrisse zu sehen. Die Särge fehlen in der Gruft. "Napoleons Truppen hatten hier ein Pulverlager. Zum Glück ist das nicht in die Luft geflogen, sonst hätten wir unsere Kirche nicht mehr", sagt Pfarrer Friedrich Wegner. Er hatte die Bodenklappe über den Stufen geöffnet und so Zutritt in den "Keller" gewährt. "Zur Nacht der Kirchen werden wir die Gruft ebenfalls öffnen, aber wir sperren die Treppe ab. Die ist einfach zu gefährlich", sagt Wegner. Allerdings werde das schlichte Kellergewölbe beleuchtet, so dass man einen kleinen Eindruck von der Gruft gewinnt, wenn man von oben hinabblickt.

Dass so eine alte Grablege geöffnet sein wird, hat mit dem Thema der diesjährigen Nacht der Kirchen in Halberstadt zu tun - "es wErde" widmet sich dem Element Erde. Und die ist "Spenderin und Empfängerin des Lebens". Unter diesem Aspekt gestalten Mitarbeiter der Firma Scilla Witte auch eine Installation im Kirchenschiff. Die Bänke sind schon zur Seite geschoben, um Platz zu schaffen. "Es wird einen Baum der Erinnerung geben, an den die Besucher dann selbst ein Blatt der Erinnerung hängen können", berichtet Pfarrer Wegner. "Denn wir wollen uns hier vor allem dem Thema der Bestatttung widmen - Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub."

Auch die Bestattungskultur ist ein Aspekt, der in der Liebfrauenkirche ganz augenfällig wird. Allein schon wegen der an den Seiten des Kirchenschiffs aufgestellten alten Grabplatten. Auf einige besondere Epitaphe wird speziell hingeweisen werden. So finden sich bei diesen kunstvoll gestalteten Gedenkschriften für Verstorbene unter anderem solche für Kinder, für Geschwister, für ein liebendes Ehepaar und für einen Ritter. Neben dem Blick in die alte Gruft unter der Barbarakapelle wird auch eine barocke Grablege zugänglich gemacht, die prachtvolle Bestattungsstelle der Familie Hecht im Nordquerschiff der Kirche - auch sie ohne Särge, im 19. Jahrhundert war hier eine Heizung durchgebaut worden. "Im Barock stoßen Symbole von Tod und Leben unmittelbar aufeinander", sagt Friedrich Wegner und zeigt auf die geschnitzten Totenköpfe zu Füßen der lebensprallen Putten. Ein Stück weiter ist eine gotische Pieta zu sehen, eine sehr wirklichkeitsnahe Darstellung der trauernden Maria mit dem toten Jesus auf dem Schoß. "Jede Zeit hatte andere Formen des Umgangs mit Tod, Trauer und Beerdigung. An Bestattungskultur zu erinnern, ist uns wichtig", sagt der Pfarrer und berichtet, dass man deshalb auch im Chorraum Särge und Urnen zeigen wird. "Schließlich ist diese Kirche der krasse Gegensatz zur anonymen Bestattung auf der grünen Wiese. Die Kirche ist ein Bestattungsort und die Menschen wollten, dass man sich an sie erinnert, dass es einen Gedächtsnisort gibt." Daher die Epitaphe, die Bestattung im Chorraum, die prachtvollen Gruften.

Nicht nur theologisch ist die Bestattung in der Erde nicht das Ende - eine "Treppe in den Himmel" erinnert daran. Wer mag, kann am Sonnabendabend auf den Turm steigen und den Blick in den abendlichen Himmel über Halberstadt schweifen lassen.

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