Magdeburg l Christian Nitsch erinnert sich noch gut an die frühen 90er Jahre. Die DDR ist gerade erst Geschichte, das Grau der Häuser durchbrochen von den ersten Tupfern Farbe. Es ist eine weitgehend analoge Welt: Handys sind noch selten, Musik-CDs verdrängen gerade die Kassetten.

Der Magdeburger Teenager aber experimentiert bereits mit einem 386er-Intel-Computer. Ganze Wochenenden bringt der damals 15-Jährige mit einem Kumpel in der Plattenbau-Wohnung seiner Eltern damit zu. Das Gerät erscheint den Jugendlichen wie ein Botschafter aus einer fernen Zukunft. "Seit meiner Kindheit war ich PC-Fan, wir hatten eine Atari-Spielkonsole. Ich fand das alles wahnsinnnig spannend", sagt der 39-Jährige heute.

Dass das erst der Anfang sein würde, dürften die Jungen allenfalls geahnt haben, als sie sich eines Nachmittags mit einem Modem über die Telefonbuchse in ein Netzwerk mit anderen Rechnern einwählen. Die Freunde stoßen auf Chats, in denen PC-Nutzer aus ganz Deutschland quasi in Echtzeit Informationen austauschen. "Die Foren mit echten Menschen waren für uns unglaublich, ein echtes Novum. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen", sagt Nitsch.

Zeugen einer Erfindung

Ohne es zu wissen, werden die Jugendlichen zu den ersten Zeugen einer Erfindung, die die Welt bis heute verändert wie wenige andere seit der industriellen Revolution: Die Rede ist vom World Wide Web, dem Internet.

Heute ist es genau 30 Jahre her, dass das Netz - so, wie wir es kennen - der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Sein Entwickler, der britische Physiker Tim Berners-Lee, stellte es damals als Projekt im Europäischen Kernforschungs-Zentrum (CERN) in der Schweiz vor. Ursprünglich für den Austausch von Wissenschaftsinformationen ersonnen, erkennt die Wirtschaft blitzschnell das Potenzial. Dank technischer Innovationen wie neuer Browser explodiert die Zahl der Nutzer in den folgenden Jahren. Mit AOL tauchen Ende der 90er erste Internet-Giganten auf. Unvergessen bleibt ein AOL-Werbespot von Boris Becker aus der Aufbruchszeit: "Häh, bin ich da schon drin, oder was? - Ich bin drin! - Das ist ja einfach!", sagt der blonde Tennis-Star damals im TV.

Die Nation schaut fasziniert an den Geräten zu und immer mehr wollen ebenfalls ins Netz. Heute nutzen laut einer Studie von ARD und ZDF allein in Deutschland mehr als 63 Millionen Bürger das Internet (90 Prozent), 54 Millionen sogar täglich. In Sachsen-Anhalt sind laut einer Studie der Initiative D21 immerhin fast drei Viertel der Einwohner online.

Gute Erinnerungen an AOL

Sachsen-Anhalts heutiger Bildungsminister Marco Tullner ist in dieser Zeit des Aufbruchs wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Halle. Auch Tullner erinnert sich noch gut an den Anbieter AOL. So einfach wie Boris Becker in der Werbung macht es das Internet ihm allerdings nicht. "Die ersten Schritte waren vor allem mit schrillen und ächzenden Tönen der ersten Modems verbunden", erzählt der Minister. "Wenn man ins Internet wollte, durfte niemand telefonieren, oder die Leitung brach sofort zusammen."

Dabei gibt es so furchtbar viel zunächst gar nicht zu entdecken: Keine Spur von Videostreams, Netflix oder Animationen, stattdessen Textwüsten und ewiges Warten, bis die wenigen Bilder endlich heruntergeladen sind.

Merkel und das Neuland Internet

Nicht jeder ist dann auch sofort von der Innovationskraft des World Wide Web überzeugt. Noch 2013 sagt Kanzlerin Angela Merkel in einer Pressekonferenz mit US-Präsident Barack Obama einen Satz, der ihr in den längst etablierten sozialen Medien viel Spott einbringen wird: "Das Internet ist für uns alle Neuland."

Eigentlich meint die Kanzlerin das ungeklärte Verhältnis von Freiheit und Sicherheit im World Wide Web. Für viele in der Netzgemeinde ist der Satz dennoch Beweis: Merkel lebt technisch hinterm Mond.

Haseloff war kein Skeptiker

Doch, selbst wenn es so wäre, die Kanzlerin befände sich in guter Tradition, etwa der Handwerkskammer Magdeburg. Die Organisation, die rund 12?000 Handwerksbetriebe im Landesnorden vertritt, hat das Internet im Haus 1998 eingeführt. Vom ehemaligen Kammer-Präsidenten Karl-Friedrich Ulrich, einem Konditormeister, ist aus dieser Zeit der Satz verbürgt: "Ich weiß sehr gut, was Mail ist, damit kann man Brötchen backen", erzählt der heutige Geschäftsführer Burghard Grupe.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff zählte sich nie zu den Skeptikern. "Die Möglichkeiten waren uns nach der Vorstellung durch Tim Berners-Lee von Anfang an bewusst", sagt der promovierte Physiker. Allein: Es fehlte die Technik. "Bis Ende der 90er Jahre lagen bei uns zu Hause nur Kupferkabel mit Surfgeschwindigkeiten von wenigen Kilobit je Sekunde an." So erging es vielen in Sachsen-Anhalt.

In den 90ern ging der damalige Arbeitsamtsdirektor Haseloff daher nur dienstlich online. Die Wende kam mit dem Vectoring-Ausbau vor der Haustür und der Ausbildung des Sohns zum IT-Experten. Inzwischen ist die an mehreren Orten Deutschlands lebende Familie Haseloff komplett über Smartphones vernetzt. Will der Ministerpräsident mit der kleinen Enkeltochter sprechen, zückt er das I-Phone. "Das Internet macht es möglich, dass wir wie in einem Mehrgenerationenhaus leben, obwohl uns mitunter hunderte Kilometer trennen", sagt Haseloff. Für ihn vielleicht die schönste Errungenschaft der neuen Technik.

Wie geht es weiter? Das Internet gewinnt an Leistung, indem es mit lernfähigen Rechnern verknüpft wird. Also mit künstlicher Intelligenz. "Künstliche neuronale Netze sind Computerprogramme, die in der Lage sind von Beispielen zu lernen, um irgendwann selbständig komplexe Probleme zu lösen", sagt Informatik-Experte Professor Sebastian Stober von der Uni Magdeburg. So können moderne Mobiltelefone ihren Besitzer an der Sprache (Siri, Alexa) oder am Gesicht erkennen. Der nächste große Schritt deutet sich mit 5G an, wenn gigantische Datenmengen praktisch ohne Zeitverzug übertragen werden. Dann kommunizieren nicht allein Menschen, sondern immer mehr Geräte miteinander: Autos fahren autonom und Stadtwerke steuern die heimischen Haushaltsgeräte, um Stromkosten zu sparen.

Für Christian Nitsch aus Magdeburg bleibt die Erinnerung an den Anfang prägend. "Ich habe davon profitiert, hatte sehr früh eine Mailadresse und konnte anderen helfen", erzählt der Gartenbauingenieur. Sein Kumpel von damals ist sogar beruflich beim Thema hängengeblieben. "Er ist IT-Experte bei einer Sicherheitsfirma in Paris", sagt Nitsch.

Der Kommentar "Eine geniale Erfindung" zum Thema.