Niederndodeleben l Freundlichkeit ist wie ein Bumerang, sie kommt immer wieder zurück. Das Zitat der Schriftstellerin Franziska Friedl hängt im Büro von Gisela Klitschke, Geschäftsführerin der Altenhilfe Niederndodeleben GmbH und Chefin von Steven Kriebel. Sie meint, wenn jemand die auf der Pinnwand verewigte „Pflege-Formel“ verinnerlicht und zu seinem persönlichen Leitspruch gemacht hat, dann der 34-Jährige: „Die Heimbewohner lieben Steven und er die Heimbewohner.“

Pflege bestimmt das Leben

Der gebürtige Magdeburger, der mit seiner kleinen Familie in Niederndodeleben lebt, ist aus Überzeugung Altenpfleger: „Meine Lebensgefährtin Katharina und auch mein Schwiegervater sind in der Pflege tätig. Das Thema bestimmt unser Leben.“ Natürlich ist nicht immer alles eitel Sonnenschein, gibt er zu. Und aufgrund der hohen physischen, aber auch psychischen Belastung lauere quasi hinter jeder Tür im Heim der Burnout – „aber ich liebe diesen Beruf. Die pflegerische Arbeit mit Menschen ist meine Bestimmung.“

Als Gegenwert bekomme er Dankbarkeit zurück. Und diese Währung ist ihm lieb und teuer: „Ich sage immer, wir Pfleger sind kleine Dankbarkeits-Junkies.“ Es wiegt vieles auf, wenn er sieht, wie zufrieden viele Heimbewohner und ihre Angehörigen sind. Und auch, dass er eine tolle Chefin habe, „die unsere Arbeit wertschätzt und mit uns um eine faire Bezahlung kämpft“. Deswegen geht der gelernte Bauzeichner oft mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause. Er ist nach einem Praktikum in einem Altenheim drangeblieben und hat sich durch die berufsbegleitende Ausbildung zum Pflegehelfer und danach zur Fachkraft durchgekämpft.

Wertschätzung fehlt

Doch der Vater einer 5-jährigen Tochter weiß auch, dass nicht alle anerkennen, was die Altenpfleger tagtäglich leisten. „Seien wir doch mal ehrlich: Mit der gesellschaftlichen Wertschätzung der Pflegekraft ist es bei uns nicht so weit her. Es gibt genug, die in uns nur die A...abwischer der Nation sehen und uns auch so behandeln.“ Nach sechs Jahren Pflegearbeit kann er sagen: Solange, wie es einen nicht betrifft, beschäftigen sich die Leute auch nicht damit, was hinter den Türen eines Altenheimes abgeht. Das Thema Pflegebedürftigkeit wird so lange totgeschwiegen, bis es auf die Tagesordnung rückt. Dann sind es meist die Angehörigen, die ob des hohen Eigenanteils für einen Heimplatz stöhnen und knausern. Einige Pflegebedürftige denken indes, sie kommen ins Hotel und erwarten auch dementsprechende Leistungen und Luxus: „Anspruch und Wirklichkeit gehen oft auseinander und von uns Pflegern werden Wunder erwartet.“

Dennoch zeigt Steven Kriebel viel Empathie und Mitgefühl mit den Senioren, deren Biografien er nach der Erstaufnahme mit viel Akribie, aber auch Neugier studiert: „Ich finde es extrem wichtig, den Lebenslauf zu kennen, zu wissen, was die alten Leutchen erlebt und durchgemacht haben.“ Nur so könne er seinem Berufsethos gerecht werden und individuell auf die Bedürfnisse der Heimbewohner eingehen.

Und die Fachkraft empfindet es auch als „ziemlich ungerecht“, dass die Pflege zum Großteil zu Lasten der alten Herrschaften geht. Kriebel: „Dabei sind sie es, die in der schwierigen Nachkriegszeit alles wieder aufgebaut haben. Die Alten haben geackert, damit wir es heute so viel besser haben. Wenn dann aber am Ende fast die komplette Rente für einen Heimplatz draufgeht, dann ist das bitter.“

Umso mehr bedauert es der Pfleger, dass er dem eigenen Anspruch oft nicht gerecht werden und an der Uhr drehen kann: Keine Zeit für ein persönliches Wort. Keine Zeit, zuzuhören. Keine Zeit für Streicheleinheiten.

Hohes Pensum

Kein Wunder bei dem Pensum. In einer Frühschicht im Wohnbereich I des Heimes muss er sich mit zwei Hilfskräften um 29 Bewohner kümmern. Wenn er dann während der Arbeit stundenlang am Computer an der vorgeschriebenen Dokumentation sitzt oder einen Pflegeplan bis ins letzte Detail ausarbeiten muss, dann komme er ins Grübeln: „Es wäre viel sinnvoller, wenn ich in dieser Zeit tatsächlich das machen könnte, wofür ich bezahlt werde – das Pflegen ...“

In Sachsen-Anhalt leben rund 90.000 Pflegebedürfige, fast ein Drittel davon ist in einem  Heim untergebracht.

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